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Ahnenforschung für Anfänger: HA-Redakteurin auf der Spur ihrer Vorfahren

Genealoge Dr. Wolfgang Heinemann
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Genealoge Dr. Wolfgang Heinemann: Er kennt sich bestens aus und hat schon viele Generationen seiner Familie erforscht.

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wer sind unsere Vorfahren? Unsere Redakteurin will mehr über die Geschichte ihrer Familie herausfinden und begibt sich auf eine spannende und erkenntnisreiche Spurensuche.

Hanau – In unserem Flur hängt eine Zeichnung. Das Bild, das mit 1945 datiert ist, zeigt die Dechaneigasse vor dem Krieg. Angefertigt hat sie mein Urgroßonkel, Heinrich Meißner. Schon seit ich dieses Erbstück habe, würde ich gerne mehr wissen. Gibt es noch weitere dieser Bilder? War Meißner ein Künstler und was für ein Mensch war er? Wer gehörte eigentlich noch zu meiner Familie? Lauter Fragezeichen.

Geschichtsverein Hanau: Experte gründet AG für Familienforschung

Vor einigen Monaten habe ich beschlossen, endlich Nägel mit Köpfen zu machen und mit der Familienforschung zu beginnen. Und zwar ganz klassisch: Mit einem Stammbaum auf Papier und Recherchen im Archiv. Nur wie anfangen?

Um das herauszubekommen, führte mich mein Weg zu allererst zu einen Experten: Dr. Wolfgang Heinemann von Geschichtsverein Hanau. Er ist selbst seit vielen Jahren Familienforscher und hatte vor Jahren eine Arbeitsgemeinschaft Familienforschung gegründet, die Neulingen wie mir gute Tipps geben wollte. „Wir haben sie aber mangels Interesse schnell wieder aufgelöst“, erzählt er. Heinemanns jahrelange Forschungen hat er in Dutzenden von Aktenordnern in seinem Schrank gelagert. Einen Vorfahren konnte er bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen.

Erinnerung kann täuschen: Nur Fakten führen zur Wahrheit

„Die Leute fangen meistens erst dann an, zu forschen, wenn es keinen mehr gibt, den sie fragen können“, sagt er. Fast all diese Leute ärgern sich wie ich, dass sie die Großeltern nicht ausreichend gefragt haben. Na immerhin bin ich ein typischer Fall. Aber obwohl weniger Wissen natürlich mehr Forschungsarbeit bedeutet, hat es auch etwas Gutes, sagt Heinemann, „denn nichts kann so täuschen wie die Erinnerung.“ Nur die harten Fakten, sprich Urkunden, Akten, Dokumente und Fotos führen letztendlich zur Wahrheit.

Heinemann zeigt mir das System, das sich für ihn bewährt hat: Er führt seinen Stammbaum in einer Excel-Datei, mit Diagrammen die jeweils eine druckbare Seite umfassen. So bleibt es auf Papier übersichtlich. „Jeder Vorfahr bekommt eine Nummer. Männer die geraden, Frauen die ungeraden. Sie sind also die eins, Ihr Vater die zwei, Ihre Mutter die drei und so weiter.“ Dieses Zählsystem nennt sich Kekule-Nummerierung und hat sich bei Ahnenforschern international durchgesetzt.

Ordnung ist das A und O bei der Ahnenforschung

Es eignet sich allerdings nur, um direkte Vorfahren (Großeltern, Urgroßeltern und so weiter) zu dokumentieren. Für Seitelinien wie Onkel und Großtanten oder Cousins oder Nichten gibt es andere Systeme. Ist das Kekule-Blatt voll, bekommen alle, die am Ende der Kette sind, die erste Position auf einem neuen Blatt. Erfährt Heinemann mehr über die Person, notiert er das auf einem Extradokument unter der jeweiligen Nummer. „Das wichtigste ist, dass Sie Ordnung halten und sich immer die Quellen aufschreiben, wo sie die Informationen her haben“.

Familienforschung im Selbstversuch

Wer waren eigentlich meine Vorfahren? Das fragen sich viele Menschen und würden gerne mehr wissen. Aber oft scheitert es daran, dass man nicht so recht weiß, wie man es angehen soll. Eine HA-Redakteurin hat den Versuch gemacht – und ist ihren Ahnen auch schon vor dem ersten Archivbesuch ziemlich schnell auf die Spur gekommen. In den kommenden Wochen, immer montags, erzählt sie, wie sie vorgegangen ist und was sie über ihre Familie erfahren hat. sem

Teil 1: Einen Stammbaum erstellen

Teil 2: Der Spaß am Ordnen alter Fotos

Teil 3: Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden im Internet finden

Teil 4: Die Vielfalt der Familienforscher-Webseiten

Teil 5: Ein Besuch im Hanauer Stadtarchiv

Teil 6: Sehr speziell aber nützlich: Ortsfamilienbücher

Es gibt längst auch bequemere Möglichkeiten, nach seine Wurzeln zu suchen: Zahlreiche Internet-Plattformen bieten Dienstleistungen rund um die Familienforschung an, etwa „Ancestry“ oder „My Heritage“. Auf diesen kostenpflichtigen Seiten kann der registrierte Nutzer tausende von digitalisierten Dokumenten durchforsten, seinen Stammbaum direkt einpflegen, sich mit anderen Nutzern vernetzen. Es gibt auch Genealogie-Programme, die man kaufen kann.

Viel Wissen geht verloren

„Aber damit machen Sie sich eben abhängig vom Anbieter“, sagt Heinemann. Für den Anfang rät er mir, alle alten Familienfotos durchzusehen und die Personen mit Nummern zu kennzeichen. (Natürlich niemals auf dem Original sondern auf einer vergrößerten Kopie.) Jeder Nummer wird der Name zugeordnet, sofern man ihn kennt. Ich werde schnell merken, wie wichtig diese Kennzeichnung ist: Weil meine Vorfahren die Familienbilder nicht beschriftet haben, ging inzwischen viel altes Wissen um die Namen verloren.

Schließlich schickt mich Heinemann mit einer langen Liste von möglichen Infoquellen nach Hause: Von „Adressbüchern“ bis „Zinsregister“. Weil ein ganzer Zweig meiner Vorfahren aus Hanau stammt, gibt er mir den Tipp, ich solle zuallererst mal ins Stadtarchiv gehen. Dort können Familienforscher die alten Hanauer Adressbücher, Hanauer Kirchenbücher und standesamtliche Urkunden, Geburts- oder Heiratsurkunden und andere Quellen einsehen. Ich gehe etwas überfordert aber zuversichtlich nach Hause und schreibe gleich das Archiv zwecks Termin an. Aber dann kommt es doch anders: Denn wenige Tage später ist Corona da und das Archiv bleibt „auf unbestimmte Zeit“ geschlossen.

Ahnenforschung digital: Zahlreiche digitalisierte Dokumente im Internet

Was ich da noch nicht weiß: Es soll viele Wochen dauern, bis ich das Archiv zum ersten Mal von innen sehe. Trotzdem werde ich schon nach wenigen Tagen eine richtige Familienforscherin sein. Das habe ich einem großen Karton voller Fotos, Briefe und Bücher zu verdanken. Und hilfsbereiten Verwandten. Und einem beachtlichen Fundus digitalisierter Dokumente im Internet. Schneller als ich dachte, befinde ich mich mitten in der Welt meiner Ahnen.

Die sieht aber ganz anders aus als vermutet. Auch meine romantische Vorstellungen vom netten „Maleronkel“ stimmen so gar nicht. Aber dazu demnächst mehr an dieser Stelle.

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