Teil 6

Ahnenforschung für Anfänger: Ortsfamilienbücher sind speziell, aber nützlich

Je umfangreicher desto besser: Gerade kam das zweibändige Familienbuch für Sprendlingen, wo ein Vorfahren-Zweig meiner Familie wohnte, mit der Post.
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Je umfangreicher desto besser: Gerade kam das zweibändige Familienbuch für Sprendlingen, wo ein Vorfahren-Zweig meiner Familie wohnte, mit der Post.

Es gibt tatsächlich Menschen, die sich sämtliche Kirchenbücher einer bestimmten Gemeinde zur Brust nehmen und die abertausenden Geburts-, Hochzeits- oder Sterbeeinträge in ein leserliches Format übertragen. In oft jahrzehntelanger, ehrenamtlicher Kleinstarbeit entstehen hier sogenannte Ortsfamilienbücher (OFB).

Für einen Unbeteiligten hat die Aneinanderreihung von Namen und Daten in einem Ortsfamilienbuch schätzungsweise noch weniger Unterhaltungscharakter als ein Telefonbuch. Für jemanden, der seine Vorfahren im Ort sucht, ist das Buch eine Fundgrube an Informationen und damit ein schier unermesslicher Schatz.

Anschaffung lohnt vor allem bei mehreren Generationen

Wenn die Familie über mehrere Generationen im besagten Ort ansässig war, lohnt sich die Anschaffung (die Preise schwanken zwischen 20 und 60 Euro) allemal. Denn in die original Kirchenbücher Einblick zu nehmen, kostet viel mehr Geld, Zeit und Energie. Nicht jede Kirchengemeinde lässt Forscher in ihre historischen Bücher schauen.

Und selbst wenn: Die Einträge, die teils vor Hunderten von Jahren gemacht wurden, zu entziffern, ist eine Wissenschaft für sich. Der einzige Nachteil der OFB: beim Übertragen der Daten schleichen sich trotz aller Sorgfalt hin und wieder kleine Fehler in Jahresdaten oder Ortszuweisungen ein, die für einen Forscher aber letztendlich sehr gravierend sind.

Informationen gibt es auch im Internet

Ob es ein Familienbuch zu einem bestimmten Ort und einer bestimmten Kirchengemeinde gibt, kann man im Internet nachschauen. So mache ich es auch und bin hocherfreut, dass ein emsiger Geschichtsverein auch für Altenhain im Kreis Gießen eins verfasst hat. Dort nämlich ist mein Urgroßvater Heinrich Semmler geboren. Ich entscheide mich für den Kauf über die Webseite des Vereins: Mit der Post kommt das Buch und ein netter Gruß des Herausgebers Günter Stahnke, der mir viel Spaß bei der Suche meiner Ahnen wünscht.

Familienforschung im Selbstversuch

Wer waren eigentlich meine Vorfahren? Das fragen sich viele Menschen und würden gerne mehr wissen. Aber oft scheitert es daran, dass man nicht so recht weiß, wie man es angehen soll. Eine HA-Redakteurin hat den Versuch gemacht – und ist ihren Ahnen auch schon vor dem ersten Archivbesuch ziemlich schnell auf die Spur gekommen. In den kommenden Wochen, immer montags, erzählt sie, wie sie vorgegangen ist und was sie über ihre Familie erfahren hat.

Teil 1: Einen Stammbaum erstellen

Teil 2: Der Spaß am Ordnen alter Fotos

Teil 3: Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden im Internet finden

Teil 4: Die Vielfalt der Familienforscher-Webseiten

Teil 5: Ein Besuch im Hanauer Stadtarchiv

Teil 6: Sehr speziell aber nützlich: Ortsfamilienbücher

Recherche führ Redakteurin zurück ins Jahr 1740

Das Buch ist ein Volltreffer. Allein die Semmler-Linie kann ich bis ins Jahr 1740 zurückverfolgen. Damals nämlich wurde Johann Jonas Semmler in Grünberg geboren. Johann verdingte sich als Schäfer in Altenhain und begegnete dort der gleichaltrigen Anna Margaretha Kraft, mit der er sich offenbar sehr gut verstand.

Denn 1764 gebar die ledige Anna einen Sohn namens Johann Lorenz. Offenbar musste sie dem Pfarrer haarklein beichten, wie es dazu gekommen war. Der Pfarrer trug zur Geburt ins Kirchenbuch ein: „das Factum ist geschehen auf dem Oberseener Hoff im Solms Laubachischen.“

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche Häme ledige Mütter damals aushalten mussten. Der Schäfer machte sich vom Acker, Anna zog ihren Jungen alleine groß und sollte niemals heiraten. Mit gerade mal 50 Jahren fiel sie auf dem Feld um.

Blick ins Familienbuch Altenhain: Dort sind alle Semmlers erfasst, die hier seit 1740 gelebt haben.

„Sie starb als sie vom Gerste schneiden nach Hause gehen wollte vor Altenhain plötzlich durch ein Schlagfluss“, heißt es da. Wie auch immer: Alle Semmlers in Altenhain, von denen es heute noch viele gibt, haben ihr Dasein dem Fehltritt eines jungen Schäfers zu verdanken.

Neue Erkenntnisse über Urgroßvater

Durch das OFB erfahre ich auch, dass mein Urgroßvater Georg Semmler um 1880 nach Amerika ausgewandert ist. Ich bin begeistert: Vielleicht habe ich heute noch Verwandte in den Vereinigten Staaten! Aber den Auswanderer nachzuverfolgen erweist sich als schwierig. Es gibt drei Georg Semmlers, die in besagter Zeit auswanderten – welcher davon ist es gewesen?

Ich bitte den OFB-Herausgeber Stahnke um Hilfe, der mich prompt an einen befreundeten Auswanderer-Forscher verweist. Ich stelle erneut fest, wie kollegial Familienforscher untereinander sind. Doch auch er findet Georg nicht: Die Spur führt zunächst ins Leere. Ich bin aber optimistisch, dass ich hier irgendwann weiter komme. Denn eins ist sicher: Mein neu gewonnenes Hobby gebe ich garantiert so schnell nicht mehr auf.

Für welchen Ort existiert ein Familienbuch?

Eine ergiebige Liste findet man im Internet.

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