Teil 2

Ahnenforschung für Anfänger: Von der Freude, alte Fotos zu sortieren

Altes Familienfoto
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Das Foto um 1928 zeigt meine Oma Anne-Marie als Kind (ganz links) mit ihren Eltern (links) und Großeltern (rechts) bei einer Familienfeier. Weil das Bild nicht beschriftet ist, ist es schwer, die anderen Personen zu identifizieren.

Hanau – Jahrelang verstaubte er auf dem Dachboden: ein ganzer Umzugskarton voller Bilder, alter Bücher, Postkarten und Dokumenten, die ich zwar immer fleißig gesammelt, aber nie archiviert hatte. Dieser Karton war das erste, was ich mir als Familienforscherin in spe vornahm.

Mir blieb ja auch nichts anderes übrig: Wegen des Corona-Shutdowns hatte das Stadtarchiv meine Terminanfrage abgesagt, auch alle anderen Archive waren zu. Ich hatte bei meinen Abstechern auf den Dachboden immer gerne in diesen Fotos gestöbert. Sie geben einen Einblick in vergangene Zeiten, als meine Uroma jung, als das alte Hanau noch nicht zerstört war.

Alte Fotoschätze: Wer sind die Menschen auf den Bildern?

Hier meine 25-jährige Urgroßmutter mit Topfhut und Schlabberkleid – dem schicksten Fummel, den man in den 20er Jahren tragen konnte. Dort das prachtvolle Eckhaus in der Hanauer Neustadt in dem sich bis zur Zerstörung im März 1945 die Bäckerei unserer Familie befand. Meine Oma als Zweijährige. Mein junger Opa, wie er am Motor eines Aufklärungsflugzeugs herumschraubt. Er war im Krieg Mechaniker bei der Luftwaffe.

Aber auf den meisten dieser Schätze in schwarz-weiß sind Menschen oder Szenen zu sehen, die ich nicht mehr kenne. Meine Oma wüsste mehr, aber sie ist leider 2013 gestorben. Nur wenige Bilder sind auf der Rückseite beschriftet. Wenn ich etwas entdecke, ist es meistens nicht sehr erhellend: Eine lächelnde Dame ist der Aufschrift nach die „Cousine in Höchst“. Das Bild eines Jungen in Matrosenjacke trägt die Notiz „In Erinnerung an unseren zehnjährigen Bub.“ Kein Name, kein Ort, nichts.

Fotos werden chronologisch geordnet

Trotzdem nehme ich mir vor, die hunderte von Fotos chronologisch zu ordnen und in ein Album zu kleben. Ich entscheide mich für ein Ringbuchalbum und schwarze Fotoseiten mit Pergamin, die man austauschen kann, zum Beispiel, wenn man sich zeitlich in der Reihenfolge geirrt hat oder wenn neue Bilder dazu kommen. Im Laden ist so was schwer zu bekommen, weil kein Mensch heutzutage mehr Fotos einklebt. Ich bestelle also in einem Spezialversand. Dazu ein Satz Fotoecken, damit ich die kostbaren Stücke nicht beschädige und jederzeit wieder herausnehmen kann.

Familienforschung im Selbstversuch

Wer waren eigentlich meine Vorfahren? Das fragen sich viele Menschen und würden gerne mehr wissen. Aber oft scheitert es daran, dass man nicht so recht weiß, wie man es angehen soll. Eine HA-Redakteurin hat den Versuch gemacht – und ist ihren Ahnen auch schon vor dem ersten Archivbesuch ziemlich schnell auf die Spur gekommen. In den kommenden Wochen, immer montags, erzählt sie, wie sie vorgegangen ist und was sie über ihre Familie erfahren hat.

Teil 1: Einen Stammbaum erstellen
Teil 2: Der Spaß am Ordnen alter Fotos
Teil 3: Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden im Internet finden
Teil 4: Die Vielfalt der Familienforscher-Webseiten
Teil 5: Ein Besuch im Hanauer Stadtarchiv
Teil 6: Sehr speziell aber nützlich: Ortsfamilienbücher

Ich werde Abende lang sitzen, hunderte von Bildern akribisch auf Hinweise untersuchen, nach bestem Wissen sortieren und dann einkleben. Auch Postkarten, Briefe und andere Erinnerungen finden im Album Platz. Als mir die guten alten Fotoecken ausgehen und ich mal schnell zur Drogerie fahre um neue zu kaufen, lerne ich was dazu. Weil sie kaum noch jemand nutzt, gibt es die Eckchen nur noch in den exquisitesten Geschäften. Und die Preise sind gesalzen. Im Bastelladen bekomme ich 250 Stück zu 4,50 Euro.

Sehr empfindlich: Vorsicht beim Umgang mit alten Bildern

Sehr alte Lichtbilder und Fotoplatten fotografiere ich hochauflösend ab und klebe dann nur den Ausdruck ein. Denn Fachleute warnen davor, die wertvollen Stücke mit Kunststoff in Verbindung zu bringen, der sie auf Dauer beschädigt. Schließlich sollen sie weitere 100 Jahre halten. Klarsichthüllen sind absolut tabu. Auch das Licht des Fotokopierers kann ein Bild beschädigen. Der beste Lagerplatz für wertvolle Originale ist ein Schuhkarton an einem trockenen Ort.

Aus dem Familienalbum: Die Bäckerei Rumpf in der Steinheimer Straße 4 wurde ab 1899 zwei Generationen lang von der Familie meiner Großmutter geführt. Das Gebäude auf dem Eckgrundstück zwischen Hahnen- und Gärtnerstraße wurde in der Bombennacht des 19. März 1945 durch einen Volltreffer komplett zerstört. Seitdem lag das Gelände gegenüber dem Haus der Jagd brach.

Heute habe ich immer noch lose Bilder, die ins Album müssen. Beziehungsweise in eins von inzwischen fünf. Ich finde trotzdem, die Mühe lohnt sich. Es macht ungemein Spaß, Fotos, Postkarten und Briefe wie ein Detektiv auf Hinweise zu untersuchen. Ein Gebäude im Hintergrund, Fahrzeuge oder Kleidung der Porträtierten können Aufschluss über Ort und Zeit geben. Wie oft sie in welcher Kombination beieinander stehen, offenbart familiäre Bezüge.

Auch eine Kennzeichnung, bei welchem Fotografen das Bild hergestellt wurde, kann weiterhelfen. Durch viel Kombination gelingt es mir später sogar, zahlreiche unbekannte Personen aus meiner Familie auf Bildern zu identifizieren. Die Bildtexte auf den Albumseiten werden ständig mehr. Schließlich habe ich einen echten Familienschatz im Regal stehen, eine Chronologie in Bildern, die auch noch für meine Nachkommen interessant sein wird.

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