Aktiv gegen Rassismus und Extremismus

Hanau erhält eine halbe Million Euro Fördergeld für im Sommer 2020 eingerichtete Fachstelle

Erinnerungskultur gestalten und Rassismus aktiv engegentreten: Das Land Hessen fördert die Arbeit der DEXT-Fachstelle in Hanau.  
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Erinnerungskultur gestalten und Rassismus aktiv entgegentreten: Das Land Hessen fördert die Arbeit der DEXT-Fachstelle in Hanau.

Der rassistische Anschlag vom 19. Februar 2020 hat die Hanauer Stadtgesellschaft nachhaltig erschüttert. Ein 43-Jähriger hatte in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen, anschließend seine Mutter und sich selbst getötet. Bis heute stellt sich die Frage, wie kann man den Opfern angemessen gedenken kann, wie Rassismus, Diskriminierung und extremistische Tendenzen bekämpft werden können – um Anschläge wie diesen künftig zu verhindern. Zur Rassismusprävention und Demokratieförderung, aber auch um den städtischen Erinnerungsprozess von professioneller Seite zu begleiten, hatte die Stadt im Sommer vergangenen Jahres eine DEXT-Fachstelle eingerichtet. Diese wird nun vom Hessischen Ministerium des Innern und für Sport gefördert.

Hanau – Wie die Stadt mitteilt, hat das Ministerium für dieses und das kommende Jahr eine Fördersumme von 500 000 Euro für die Arbeit gegen Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt bewilligt. Das Geld soll in die DEXT-Fachstelle Hanau „Was tun?! Wege aus dem Rassismus – zusammen für eine Stadt von Vielen“ fließen. Die Stadt betont in ihrer Pressemitteilung die Relevanz dieser Thematik: „Rassismus und Extremismus nehmen in unserer Gesellschaft in erschreckendem Ausmaß zu. Das Attentat vom 19. Februar ist ein erschütterndes Zeugnis dieser Entwicklung“, so Bürgermeister und Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel. „Dieser müssen wir gezielt aktiv entgegenwirken, denn Diskriminierung, Menschenfeindlichkeit und rechte Gewalt bestehen leider auch jenseits dieses tragischen Anschlags in Hanau.“ Die DEXT-Fachstelle soll künftig Teil des von der Stadt Hanau auf den Weg gebrachten ‚Zentrums für Demokratie und Vielfalt’ werden.

„Wir stellen uns mit dem Zentrum aktiv, mit und für alle Bürgerinnen und Bürger sichtbar und erlebbar in Hanau gegen extreme Gedanken und leisten einen wichtigen Beitrag, wie das Zusammenleben heute und morgen demokratisch und in Frieden gelingen kann“, so Weiss-Thiel. Aufgabe der DEXT-Stelle in Hanau sei es vor allem, in Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden von Stadt, Bildungseinrichtungen und Vereinen geeignete Maßnahmen gegen Alltagsrassismus, Extremismus und anderer Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu entwickeln.

Kostenlose und vertrauliche Beratung, Workshops und Weiterbildungen

„In unserer Stadt gibt es eine jahrhundertelange Tradition, Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen zu integrieren“, so Weiss-Thiel. „Werte wie Toleranz, Vielfalt und Solidarität müssen zentrale Bestandteile unseres Selbstverständnisses als Stadtgesellschaft bleiben. Die DEXT-Fachstelle Hanau ist eine zentrale Einrichtung, die genau dieses Ziel verfolgt.“ Als Fach- und Informationszentrum verfügt die Fachstelle, die aktuell noch in der Volkshochschule Hanau angesiedelt ist, über ausgewiesene Expertise zu den Themen Diskriminierung, Rassismus und Extremismus. Sie ist Anlaufstelle für alle Personen und Einrichtungen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen beziehungsweise von ihnen mittelbar oder unmittelbar betroffen sind.

„Unser Angebot ist entsprechend vielfältig“, erklärt Elke Hohmann, Leiterin der Fachstelle. „Wer auch immer Fragen zu den Themen Diskriminierung, Rassismus und Extremismus hat, wer vielleicht selbst betroffen ist oder sich Sorgen um Menschen in seinem Umfeld macht, kann sich an uns wenden. Wir bieten eine kostenlose, vertrauliche Erstberatung, sprechen über mögliche Unterstützung und vermitteln gegebenenfalls an andere Beratungsstellen weiter.“ Schwerpunktmäßig geht es bei der Arbeit der Fachstelle darum, gegen extreme Ideologien anzugehen: gegen Rechts- und Linksextremismus, Islamismus, Antisemitismus, Muslim- und Islamfeindlichkeit, Rassismus sowie gegen Hate Speech, also Hassrede im Internet.

Fachstelle begleitet städtischen Trauer- und Gedenkprozess

Zudem organisiert die Beratungsstelle themenspezifische Veranstaltungen wie Weiterbildungen und Workshops für städtische Mitarbeiter, Vereine und Einzelpersonen und formuliert Handlungsempfehlungen für die Politik auf Grundlage von Bedarfsanalysen und Monitoring. Darüber hinaus unterstützt sie Selbsthilfeorganisationen und Einrichtungen, die mit Betroffenen zusammenarbeiten, zum Beispiel die Initiative 19. Februar und das Hanauer Jugendzentrum.

Im Nachgang des rassistischen Anschlags in Hanau begleitet die Fachstelle den städtischen Gedenkprozess und unterstützt diesen durch ihre Expertise. „Wir erarbeiten zum Beispiel in enger Zusammenarbeit mit den Angehörigen und mit Betroffenen eine Erinnerungskultur und begleiten einen städtischen Trauerprozesses“, erklärt Hohmann. Die Berater haben dabei auch immer bestehende Angebote wie Opferberatungsstellen oder das „Beratungsnetzwerk Hessen – gemeinsam für Demokratie und gegen Rechtsextremismus“ im Blick und wollen diese auch in Hanau bekannt und niedrigschwelliger zugänglich machen. Parallel dazu holt die Beratungsstelle gezielt Angebote nach Hanau.

Vernetzungen mit Vereinen und Einrichtungen angestrebt

Nicht zuletzt ist die DEXT-Fachstelle Hanau eingebunden in die Mitgestaltung des Zentrums für Demokratie und Vielfalt. Dieses soll ebenfalls im Rahmen der Demokratieförderung und Rassismusprävention Impulse setzen. Das Zentrum soll das friedliche, integrierende Zusammenleben in der Hanauer Stadtgesellschaft weiter gestalten und entwickeln. Im Zentrum sollen neben städtischen Verantwortlichen der neuen Fachstelle Vielfalt. das mit Bundesmitteln ausgestatteten Programm „Demokratie Leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ sowie das ebenfalls mit Landesmitteln geförderte Programm „WIR – Wegweisende Integrationsansätze realisieren“ ansprechbar sein.

Auch das Büro des Ausländerbeirates und die Behindertenbeauftragten werden dort angesiedelt. Dort könnten inhaltliche Zusammenarbeiten wie etwa mit Vereinen wie der Hanauer Hilfe, aber auch dem Weissen Ring und dem Frauenhaus entwickelt werden. Sobald die Räumlichkeiten für das Zentrum für Demokratie und Vielfalt nutzbar sind, wird auch die DEXT-Fachstelle dort einziehen.  jj

26 DEXT-Fachstellen in Hessen

Mit seinem Programm „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ fördert das Hessische Ministerium des Inneren und für Sport die Einrichtung sogenannter Fachstellen für Demokratieförderung und phänomenübergreifende Extremismusprävention, kurz DEXT-Fachstellen. Eine solche Fachstelle gibt es in Hanau bereits seit Sommer 2020. Das Fach- und Informationszentrum bietet Erst- und Verweisberatung für Personen, Vereine und Unternehmen an und unterstützt sie dabei, die für sie richtigen Maßnahmen und Anlaufstellen zu finden. Die Hanauer Fachstelle ist eine von bisher 26 solcher Beratungszentren in Hessen.

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