Altenhilfetag diskutiert über die Zukunft der Pflege

Zwischen Heim und Hölle

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Ingo Markgraf wirbt als Pfleger Lustig mit roter Nase, Klobürste und Nudelholz für eine Altenpflege mit Augenzwinkern.

Hanau - Der eine will genauer hingucken, der andere mehr Geld, der dritte setzt auf die Strahlkraft der Ärzte-Lobby. Gemeinsam ist allen: Es muss was passieren. Es geht um Altenpflege und wie sie in Zukunft organisiert werden soll. Von Erwin Diel

Darüber informierten und diskutieren gestern in der Alten Johanniskirche 70 Teilnehmer vorwiegend aus dem Pflegebereich, aus Vereinen und Seniorenverbänden beim Altenhilfetag Hanau und Main-Kinzig.

Den Einstieg ins Thema hatten die Organisatoren aus Stadt Hanau und Main-Kinzig-Kreis noch dem Humor überlassen. „Pfleger Lustig“ warb im Clownskostüm und mit roter Nase für mehr Lachen bei der Altenpflege. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion war dann schnell Schluss mit lustig.

Pflegekritiker Claus Fussek kann es nicht mehr hören: die Pflege kollabiert seit 30 Jahren.

Das lag vor allem an Claus Fussek, Buchautor („Im Netz der Pflegemafia“) und profilierter Pflegekritiker. Der beklagte mangelnde Ehrlichkeit in der Debatte und einen funktionierenden Verdrängungsmechanismus beim Publikum. Jeder wisse um Missstände in der Pflege, niemand rede darüber.

Das betreffe sowohl Beschäftigte, die aus Angst um ihren Arbeitsplatz sich nur anonym äußerten und reiche über Heimleitungen, die Pflegedokumentationen fälschten, bis zu Kassen, die das wüssten und Politikern, die sich „präparierte Heime“ als Realität vorführen ließen. Es sei unfassbar, dass spanische Pflegekräfte zurück in ihre Heimat gingen, weil sie hier Zustände vorfänden, die es in Spanien nicht gebe. „Wir schämen uns nicht, wir empören uns nicht mehr,“ sagte Fussek.

Mehr Ehrlichkeit in der Diskussion gefordert

Er forderte mehr Ehrlichkeit in der Diskussion ein, denn „im Prinzip wissen doch alle Bescheid“. Alle Gesetze und Verordnungen bis hin zu den viel kritisierten Minutenabrechnungen seien unter Beteiligung der Verbände der Pflegeträger entstanden. Pflege sei auch ein Geschäft. Wenn dort nichts verdient werde, mache doch niemand ein Heim auf.

Auffällig sei, dass es auch unter den für alle gleichen Rahmenbedingungen gute und schlechte Einrichtungen gebe. Zu mehr Ehrlichkeit gehöre, dass die Träger, etwa die Kirchen und Wohlfahrtsverbände, ihre Heimbilanzen offen legten. Die Öffentlichkeit fordert er auf, sich mehr um ihre Angehörige in den Heimen zu kümmern. Auch Angehörige seien für das, was in Heimen passiere, verantwortlich.

Situation für ambulante Pflegedienste schwierig

Für den früheren Hanauer Pfarrer Horst Rühl, heute theologischer Vorstand der Diakonie Hessen und damit verantwortlich für den mit 34. 000 Mitarbeitern größten Wohlfahrtsverband im Land, liegt die Zukunft der Altenpflege im Heim. Ambulante Pflegedienste träfen bei häuslicher Pflege auf überforderte Angehörige, pflegerische Unterversorgung und Verwahrlosung. In Zukunft werde schon wegen des demografischen Wandels die stationäre vor der ambulanten Pflege liegen.

Rühl forderte, mehr Geld für die Altenpflege bereitzustellen. Die Krankenkassen müssten aus ihren Milliardenüberschüssen mehr Leistungen der Behandlungspflege bezahlen. Zudem müsse ein Teil der Altenpflegekosten aus Steuern finanziert werden. Pflegeleistungen müssten voll bezahlt werden. Dazu müsse auch der Beitrag zur Pflegekasse steigen.

Das ändert sich durch die Pflegereform

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Aus einer Steigerung des Beitrags um 0,6 Punkte ließen sich sechs Milliarden Euro Ausgaben finanzieren.

Der Journalist Konrad Franke („Gut leben im Heim“) bescheinigt der stationären Pflege neben Geld- vor allem einen Imagemangel. „Heim und Hölle“ lägen im Denken der Deutschen nah beieinander. Das Ansehen der stationären Pflege will Franke mit Ärzten aufpolieren. Die Integration von Arztpraxen in den Einrichtungen senke die Krankheitsraten in den Häusern und gleichzeitig stünde die Pflege als Teil der medizinischen Versorgung künftig unter dem Schutz der mächtigen Ärztelobby.

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