Musikantenstadl? Nein danke!

Herbert Pixner Projekt interpretiert Volksmusik global statt lokal

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Nein, dies ist kein Akkordeon! Herbert Pixner legt großen Wert auf die Feststellung, dass er eine Diatonische Harmonika spielt.

Hanau - Wenn eine Band wie das Herbert Pixner Projekt aus einer wahrlich pittoresken Bergwelt stammt wie der oberhalb von Meran, müssten sich die Musiker doch auf Volkstümliches kaprizieren. Von Detlef Kinsler

Zumal wenn der Namensgeber eine Diatonische Harmonika sein Hauptinstrument nennt, seine Schwester Heidi die Tiroler Volksharfe spielt. Doch weit gefehlt: Musikantenstadl? Nein danke! Viel zu rückständig, gestrig, weltfremd für innovative Geister. Schon Haindling und Hubert von Goisern haben faszinierend demonstriert, wie global sich Lokales inszenieren lässt: Weltmusik gibt es nicht erst südlich der Po-Ebene.

Wer sich schlau macht, erfährt: Das Passeiertal, Heimat der Pixners, gilt als eins der vielfältigsten Täler Südtirols mit fast mediterranem Charme in Süden und hochalpinem Flair im Norden. Dies prägt und findet in den Kompositionen seine Ausprägung.

2004 nahm Pixner sein erstes Album mit dem Projekt auf, seit gut zehn Jahren konzentriert er sich auf die Arbeit mit dem Quartett. Oberhalb der Mainlinie ist die „Finest handcrafted music from the alps“ noch eine neue Erfahrung. Aber wenn ein Veranstalter tatsächlich an seine Entdeckung glaubt, konsequent an ihrer Präsentation arbeitet, lässt sich ein interessiertes Publikum erreichen. Nach einem ersten intimen Konzert im Hanauer Fronhof im Sommer 2016 war der Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt ein halbes Jahr später schon sehr gut besucht. Am vergangenen Sonntag schließlich fanden 900 Zuschauer den Weg ins Amphitheater nach Hanau.

Die entpuppen sich als eingefleischte Fans, die geradezu enthusiastisch auf Pixners Ankündigung reagieren, vor der Pause ein „Best of“ und danach Progressives präsentieren zu wollen. „Electrifying“ ist die Tour überschrieben, Hinweis auf den Charakter der brandneuen CD „Lost Elysion“.

Elektrisierend ist die Musik aber sogar rein akustisch gespielt – dank Werner Unterlechners geschmeidigem Kontrabass, Heidi Pixners klischeefrei, oft perkussiv gespielter Harfe jenseits typischer Arpeggios, Manuel Randis fast spanisch anmutender furioser Akustik-Gitarre und dem Klangreichtum der Diatonischen Harmonika (bloß nicht Akkordeon nennen!) mit ihren tiefen Bässen.

Schnell begreift das Publikum: So idyllisch Stücke wie „Sommernachtswalzer“ oder „Herzallerliebstwalzer“ betitelt sein mögen, so wenig romantisch sind manche der Geschichten, die Herbert Pixner, ein wahres Schlitzohr, mit Schalk im Nacken anmoderiert.

„Hiatabua“ ist reichlich schwarzhumorig, eine böse Saga von drei Sennerburschen, die sich auf der Alm langweilen, sich von Absinth berauscht aus einem Besen, Stroh und alten Lumpen eine Puppe basteln, die lebendig wird. Beim Abtrieb schließen sie die Frau in der Hütte ein, die sich bitter rächt, indem sie die jungen Männer häutet. Mahlzeit! Klar, dass eine dissonante E-Gitarre, ein wild gestrichener, schnarrender Kontrabass keine Romantik mehr aufkommen lassen.

Hosentaschenmusik im Isarwinkel

So klingen wahre Alpenrocker, die zudem den Blues beherrschen und ihre Landler und Polkas mit Tangos und Bossas kontrastieren. Da gibt es genügend Raum für den Multi-Instrumentalisten Pixner, auch mit Klarinette, Horn, Saxofon, Trompete und Flügelhorn zu glänzen. Wenn er sich dann – die Beine übereinandergeschlagen – in seinen Stuhl fläzt, erinnert er glatt an den legendären Jazzmusiker Chet Baker. Und im Gute-Nacht-Lied „Ninna Nanna“ überrascht er mit einem höchst seltenen Instrument, der Hohner Guitaret, die ein wenig wie eine Kalimba klingt...

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