Traumaspezialisten aus Syrien zurückgekehrt

Mit Angst und Zorn umgehen

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Kinder im vom Bürgerkrieg zerstörten Kobane. Viele von ihnen sind schwer traumatisiert und brauchen entsprechende Unterstützung ihrer Lehrer.

Hanau - Purer Stress ist Gift – für Körper, Seele und Verstand. Von Oliver Klemt 

Ihn zu bekämpfen und seine Symptome zu kurieren, erfordert im nordsyrischen Bürgerkriegsgebiet nach den Erfahrungen eines Teams aus dem Hanauer Zentrum für Traumapädagogik ähnliche Methoden wie im Alltag im Main-Kinzig-Kreis. Weil die Aufgabe in der Demokratischen Föderation Rojava allerdings weit größer ist, wollen Heike Karau und Thomas Lutz so schnell wie möglich wieder hin.

Lutz und Karau sind als Sozialarbeiter und Referenten für die gemeinnützige Welle GmbH aktiv. Sie bereiten in der Regel Lehrer, Erzieher und Betreuer auf den Umgang mit oft schwer traumatisierten Schützlingen vor – etwa unbegleitete minderjährigen Flüchtlinge, die oft Unsägliches erlebten. Nun waren sie erstmals im syrischen Bürgerkriegsgebiet im Einsatz.

Als die beiden Spezialisten im Juni zusammen mit einem Arzt und zwei Dolmetschern in Richtung Kobane aufbrachen, lag laut Heike Karau Neuland vor ihnen. Den Weg in die mehrheitlich von Kurden bewohnte, im Januar 2015 von der Schreckensherrschaft der Terrormiliz IS befreiten und im März 2016 von den Bewohnern zur autonomen Föderation erklärten Region öffnete ihnen der Frankfurter Verein Städtefreundschaft Frankfurt-Kobane, der den Wiederaufbau Kobanes unterstützt. Ursprünglich hatte die Gruppe schon im Frühjahr 2016 aufbrechen wollen, musste die Reise allerdings wegen geschlossener Grenzen verschieben.

Bis heute sei die Versorgung im völkerrechtlich nicht anerkannten Rojava ein Problem, berichtete Thomas Lutz gestern bei einem Pressegespräch - unter anderem, weil die Türkei an ihrer Grenze eine 600 Kilometer lange Mauer errichtet hat. Was Lutz und Karau bei ihrer Ankunft vorfanden, hat sie verblüfft: Der Gesellschaftsvertrag, den alle Volksgruppen in den drei später vereinigten Bezirken Afrin, Kobane und Cizire 2014 schlossen, erinnere an ein „basisdemokratisches Rätesystem“, wie es den europäischen Sozialisten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vorschwebte. Wichtige Verwaltungsposten seien mit je einem Mann und einer Frau besetzt. Gleichberechtigung herrsche auch unter den Religionen und den ethnischen Gruppen: Kurden, Araber, Assyrer, Jesiden, Aramäer und Turkmenen. Geschützt werde das Gemeinwesen von gemischten „Volksverteidigungseinheiten“. Die Lager für Flüchtlinge aus Rakka und Mossul seien deutlich effizienter organisiert als etwa die der UN.

Thomas Lutz (r.) und Heike Karau vom Hanauer Zentrum für Traumapädagogik waren in Kobane, um dort Lehrer im Umgang mit traumatisierten Kindern fortzubilden.

Dennoch kämpft Rojava nach Wahrnehmung der Hanauer mit gewaltigen Problemen. „Die Bedingungen sind jämmerlich“, sagt Lutz, nicht zuletzt im Bildungsbereich. Bis zu 400 Kinder und Jugendliche würden in fünf Schulcontainern unterrichtet. Das Engagement und Wissen ihrer Lehrer hat Heike Karau beeindruckt, allerdings fehlten Mittel und Methoden - und eben die brachten nun die Traumatologen mit. Einfache Instrumente wie das Stressbarometer, auf dem Schüler wie Lehrer ihre aktuelle Befindlichkeit auf einer Skala von null bis zehn - lähmende Lethargie bis Panik - einordnen und mit den Symptomen abgleichen können, seien begeistert ausprobiert worden. Beim pantomimischen Gruppenspiel mit Emotionen wie Freude, Angst und Zorn konnten viele syrische Kollegen laut Karau sogar wieder lachen - oft zum ersten Mal seit langem. Und die einfachen Entspannungsübungen, mit denen sie ihren Schülern aus der emotionalen Klemme helfen können, hätten so manchen Aha-Effekt gebracht.

Zwei Gruppen zu je 25 Pädagogen haben die Trauma-Experten binnen zwei Wochen durch ihre Seminare gelotst und dabei erkannt, dass ihre Schüler noch mit einem anderen Problem kämpfen: Gesellschaftlicher Wandel von einem traditionell autoritären zu einem demokratisch geprägten Unterrichtssystem geht nicht von heute auf morgen. „Statt Drohungen, Schlägen und Angst nun Sicherheit, Neigungen und Interessen zu fördern - das hat auch bei uns eine Weile gedauert“, erinnert Thomas Lutz.

Auch viele Eltern erwarteten von der Schule vor allem Zucht und Ordnung. „Die müssen wir mitnehmen“, sagt Lutz, und das brauche Zeit - ein Lernprozess auch für die Lehrer, denen neben ihrem Willen zum Fortschritt noch etwas gemeinsam sei: „Eine brennende Ungeduld“.

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