Fragenliste übergeben

Anschlag in Hanau: Bundespräsident Steinmeier empfängt Hinterbliebene in Berlin

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede nach einem Treffen mit Angehörigen der Opfer des Hanauer Anschlags.
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede nach einem Treffen mit Angehörigen der Opfer des Hanauer Anschlags.

Hanau – Angehörige der Opfer des Terroranschlags vom 19. Februar haben am Mittwoch gemeinsam mit Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky in Berlin einen „sehr empathischen“ Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier erlebt.

Der OB war Teil der Gruppe, die in die Hauptstadt gereist war. Nach dem Treffen mit dem Staatsoberhaupt, an dem auch Bundesinnenminister Horst Seehofer teilgenommen hat, schilderte uns Kaminsky am Telefon seine Eindrücke.

Die Rede Steinmeiers sei „sehr beeindruckend“ gewesen, sagte Kaminsky. Steinmeier habe „eindeutig und klar“ dem Rassismus den Kampf angesagt und die Bürger aufgefordert, ihre Stimme zu erheben. Bei allen Angehörigen seien die Worte ebenso angekommen. Auch die Tatsache, dass sich der Bundespräsident über vier Stunden Zeit für sie genommen habe, was nicht selbstverständlich sei, habe sie beeindruckt.

Anschlag in Hanau: Schwester von Opfer mit bewegenden Worten

Saida Hashemi, Schwester des bei dem Anschlag getöteten Said Nesar, habe mit ihren Worten „den ganzen Saal zu Tränen gerührt“, sagte Kaminsky. Sie habe nicht angeklagt, sondern habe klargemacht, wie die Gesellschaft mit der Tat umgehen müsse. „Sie ist für den demokratischen Rechtsstaat als hohes Gut eingetreten“, so der OB.

Kaminsky lobte das Format, das für das Treffen gewählt worden sei. Steinmeier und Seehofer hätten nicht nur Reden gehalten, sondern mit jedem Angehörigen zehn- bis 15-minütige Einzelgespräche geführt.

Hinterbliebene übergeben Liste mit Fragen zum Anschlag in Hanau

Im Anschluss hätten die Angehörigen an Seehofer eine Liste mit offenen und sehr konkreten Fragen zum Tathergang übergeben – Fragen, die auch über sieben Monate nach der Tat nicht beantwortet seien und sie jeden Tag beschäftigten. Die Bereitschaft, diese aufzunehmen und ihnen nachzugehen, habe Anerkennung gefunden.

„Die Angehörigen hatten im Vorfeld große Befürchtungen, dass es anders laufen könnte“, sagte Kaminsky. Eine Aussage, wann mit einem Abschlussbericht zu den Ermittlungen des Generalbundesanwalts zu rechnen sei, habe es jedoch nicht gegeben.

Anschlag: Neun Familien aus Hanau zu Gast in Berlin

Insgesamt waren neun Familien mit insgesamt 20 Personen in Berlin, außerdem fünf Bezugspaten und neben Kaminsky seitens der Stadt Hanau noch Andreas Jäger als Gesamtkoordinator für die Opferbelange. Die Gruppe war nicht gemeinsam angereist, jedoch nach den Worten des OB in einem Hotel untergebracht.

„Dort hatten wir neben dem offiziellen Teil ausreichend Gelegenheit, vertieft zu sprechen“, betont Kaminsky. „Es war mir wichtig, noch einmal unmittelbar zu erfahren, wie die Angehörigen die letzten sieben Monate erlebt haben.“ Auch in den vergangenen Monaten habe er in regelmäßigem Austausch mit den Familien gestanden, so der OB. Vom Hotel aus sei man mit einem Taxikonvoi ins Schloss Bellevue aufgebrochen.

Hanau bereitet sich auf Jahrestag des Anschlags vor

In Hanau werde nun – nach der Einweihung der Gedenktafeln für die Opfer am Heumarkt und der Aufstellung des Kreuzes für Vili-Viorel Paun am Kurt-Schumacher-Platz – der Blick auf den Jahrestag des Anschlags, den 19. Februar 2021 gerichtet. „Diesen Tag werden wir in Hanau sicher nicht einfach vorübergehen lassen“, machte Kaminsky klar.

Ihm schwebe vor, die Stadtgesellschaft einzubinden und beispielsweise an Schulen und Kitas, in Betrieben und an öffentlichen Orten zu diskutieren. Er setze darauf, dafür hochrangige Vertreter von Bund und Land zu gewinnen. „Dann werden wir unserer Verantwortung gerecht“, so Kaminsky. Eine Veranstaltung auf dem Marktplatz mit einigen wenigen Rednern, darunter Vertreter von Opferangehörigen, aus Politik und Stadtgesellschaft, soll seiner Vorstellung nach den Tag beschließen. Ins CPH wolle er angesichts der begrenzten Kapazitäten nicht ausweichen. Schließlich werde noch Corona-Zeit sein.

Anschlag in Hanau: Keine Eile bei geplantem Denkmal gegen Rassismus

In Sachen des geplanten zentralen Denk- oder Mahnmals gegen Rassismus wolle er das „Tempo rausnehmen“, erklärte Kaminsky. „Ich halte es für erforderlich, Form, Inhalt und Ort des Gedenkens breit gesellschaftlich zu diskutieren.“ Die Bürger sollen seinen Worten nach an der Entscheidung beteiligt werden – und „selbstverständlich die Opferfamilien“.

Er würde begrüßen, wenn man im Laufe des kommenden Jahres zu einer Entscheidung käme, die breit getragen werde. Um Ideen zu entwickeln, soll es einen internationalen Kunstwettbewerb geben.

Gedenken an Anschlag in Hanau im Netz

Schneller realisieren werde man eine Art Denkmal im Netz, kündigte Kaminsky an. In jüngster Zukunft solle eine Ausschreibung gestartet werden, die sich an Filmschaffende und in sozialen Medien Tätige richte. Geplant sei unter anderem ein „eindrucksvoller Film“ in Gedenken an die Opfer des Anschlags vom 19. Februar.

Diese Art des Gedenkens solle „unsere Botschaft in die Welt tragen“, so der OB. Er könne sich vorstellen, dass der Film bereits zum 19. Februar 2021 fertig sei, sodass dieser am Jahrestag vorgestellt werden könne.

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