Sektenprozess

Antragsflut im Sektenprozess ebbt langsam ab: Verteidiger von Sylvia D. wollen noch mehr Beweise

Die Verteidiger sind am Zug: Matthias Seipel und Peter Hovestadt (rechts) haben weitere Beweisanträge vorgelegt. 
Archivfoto: Mike Bender
+
Die Verteidiger sind am Zug: Matthias Seipel und Peter Hovestadt (rechts) haben weitere Beweisanträge vorgelegt. Archivfoto: Mike Bender

Es ist erneut ein Verhandlungstag, an dem Berge von Papier bearbeitet werden. Nachdem Matthias Seipel und Peter Hovestadt, die beiden Strafverteidiger der wegen Kindesmord angeklagten, mutmaßlichen Sektenführerin Sylvia D. nach der Sommerpause eine Flut von Beweisanträgen gestellt haben, ging es am 25. Verhandlungstag munter weiter.

Hanau – Erneut liegen elf Beweisanträge auf dem Tisch, die fristgerecht bis zur von der Schwurgerichtskammer gesetzten Frist eingegangen sind. So beantragen die beiden Rechtsanwälte, Weihnachtswünsche der Kinder an ihre Mutter, Facebook-Botschaften und Seiten aus dem Buch von D. zu verlesen, in der sie ihre „Glaubensauffassung“ zusammengeschrieben haben will.

Dass sich die Mitglieder der Gemeinschaft bis auf den heutigen Tag offenbar sehr eingehend mit dem Tod des vierjährigen Jan H. beschäftigen, zeigt dieser Beweisantrag: So soll laut Verteidigern der Vater des mutmaßlichen Mordopfers vor drei Wochen mit einem „geeichten Thermometer“ eine „Temperaturmessung im Haus an der Keplerstraße 9b“ sowie außerhalb des Hauses vorgenommen haben. Dabei habe sich ein Temperaturunterschied von rund drei Grad ergeben.

Hanau: Temperatur soll noch einmal geprüft werden

Der Hintergrund dieses Beweisantrags: Die vom Deutschen Wetterdienst angegebene Temperatur für den Todestag am 17. August 1988 bezieht sich nur auf Orte außerhalb Hanaus.

Der Gerichtsmediziner hatte in seinem Gutachten eine Temperatur von 24 Grad angenommen und darauf letztlich seine Aussage gestützt, dass der Sack, in dem der Vierjährige verschnürt gewesen sei, die Ursache für den Tod von Jan H. gewesen ist.

Ziele der weiteren Anträge sind immer wieder die beiden leiblichen Söhne von Sylvia D. und vor allem deren Lebenswandel. Beide hatten als Zeugen ihre Mutter schwer belastet. Die Verteidiger versuchen nun, beide in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Denn aus Sicht der Verteidigung ist es eine „Kampagne von angeblichen Aussteigern“, die D. und vor allem die Medienfirma A. diffamieren und zerstören wollen, um selbst Profit daraus zu ziehen.

Zwei Beweisanträge wurden doppelt beim Landgericht Hanau eingereicht

Am Ende sind es dann aber nur noch neun neue Beweisanträge, denn zwei davon, so stellt die Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück fest, sind bereits eingereicht worden. Also doppelt.

Von rund 45 Beweisanträgen, die von der Verteidigung zuvor in 20 Schriftsätzen gestellt wurden, bleibt am Freitag nicht viel übrig. Die Richter lehnen sie fast alle ab.

Es folgt eine lange Vorlesestunde, in der die Kammer ihre Begründungen liefert. Aber ein Satz ist fast bei allen Beschlüssen gleich: „Der Antrag ist wegen Bedeutungslosigkeit aus tatsächlichen Gründen abzulehnen.“ Oftmals, so die Kammer, fehle „der Bezug zum Tatgeschehen“. An einer Schule würde das heißen: Thema verfehlt.

Doch die Richter stellen auch fest, dass sie bislang die Aussagen der Hauptbelastungszeugen für glaubwürdig halten.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare