Hanau

Archäologen berichten über jungsteinzeitliches Grab

Noch immer nicht gelöst: Auf die Frage nach der Todesursache der sechs Personen, deren Grabfeld vor gut einem Jahr in Mittelbuchen entdeckt wurde, gibt es noch keine abschließende Antwort. Foto: Privat

Hanau. Es ist schon auf eine ganz eigene Weise spektakulär, was Sascha Piffko und das Archäologenteam seiner Firma SPAU GmbH aus Rockenberg da kürzlich im Neubaugebiet Mittelbuchen-Nordwest zutage gefördert haben.

Von Rainer Habermann

Zwei mittel-neolithische Hausgrundrisse, die auf eine Siedlung bereits 4900 bis 4400 vor Christus hindeuten, und die eigentliche Sensation: ein Gräberfeld aus dem End-Neolithikum, zeitgeschichtlich etwas früher verortet, um 2600 vor Christus, und damit am Ende der Jungsteinzeit.

Darin befand sich ein Gruppengrab mit sechs Skeletten, was darauf hindeuten kann, dass hier eine Familie oder zumindest nahe Verwandte zusammen bestattet worden waren. Mitsamt Kindern, die den wohl weiblichen Skeletten auf dem gebogenen Rücken lagen.

Um den Verwandtschaftsgrad genauer bestimmen zu können, müssten Piffko und seine Grabungsleiterinnen Marthe Gundelach und Chiara Girotto allerdings DNA-Analysen anfertigen lassen. Und die lagen gestern Abend noch nicht vor, als sie vor einem voll besetzten Heinrich-Fischer-Haus im kleinsten Hanauer Stadtteil Mittelbuchen ihre Grabungsergebnisse vorstellten.

Überregionales Aufsehen

Für einiges Aufsehen hatte zuvor bereits überregional die Lage der Skelette gesorgt. Es wirkt nämlich fast so, als seien jeweils zwei der Menschen in inniger Umarmung vereint, und als küsste ein Paar sich noch im Tode. Doch der Schein kann bekanntlich auch trügen. Jedenfalls lagen ihre Köpfe unmittelbar beieinander.

Dieses Bild inspirierte auch Piffko, der gestand: „Ich finde das ungeheuer spannend und führe ja sehr viele Grabungen durch. Aber ich gebe zu: Dieses Grab hat mich doch tiefer berührt, zumal wir darin auch keinerlei Waffen festgestellt haben, die ansonsten fast immer als Grabbeigaben zu finden sind. Die Leute damals müssen, als sie die Menschen in dieser Weise ins Grab gelegt haben, etwas Außerordentliches gemacht und gedacht haben. Abweichend von ihren religiösen oder sonstigen Vorstellungen, die wir aus der Zeit kennen.

Was haben die Leute gedacht, die am Grab standen und ja wohl mit viel Liebe diese Bestattung vornahmen? Es muss eine Tragödie gewesen sein, welche die sechs Menschen, zwei Erwachsene zwischen 40 und 60 Jahren, und vier Kinder zwischen vier und elf Jahren, hinweggerafft hatte.“

Tragödie vermutet

Das Archäologenteam rätselt: Was könnten die Ursachen für jene Tragödie gewesen sein? Seuche oder Krankheit? Unfall? Gewalt? Steht diese Bestattung im Zusammenhang mit einer benachbarten Doppelbestattung? Solche Fragen, die nach einer Antwort drängen und die mit Hilfe der modernen Forensik bei Kriminalfällen unserer Zeit leicht zu beantworten sind, interessieren aber die Archäologen nur nachrangig. Wichtig für sie ist vielmehr, die Zusammenhänge etwa zwischen der Bandkeramik, der Schnurkeramik oder der Glockenbecherart herauszufinden. Diese Suche führt sie quer durch Europa. In Mittelbuchen allerdings könnte die in der Frühzeit bereits übliche Migration quer über den Kontinent einen interessanten Schnittpunkt gefunden haben.

Für den Hanauer Stadtteil ist jedenfalls das große Interesse an seiner Vergangenheit kennzeichnend. Die „5000 Jahre alten Küsse“, eine Mini-Ausführung der „Brüder-Grimm-Torte“ aus Jens Arndts Café Schien, die Mittelbuchens Ortsvorsteherin Caroline Geier-Roth eigens für die Gäste bestellt hatte, waren am Ende restlos weg.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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