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Architektonische Anregungen: Verein Stadtbild Hanau veröffentlicht Buch „Hanauer Baukultur wiedergewinnen“

Imposantes Bild: Der Verein Stadtbild Hanau spricht sich auch für die vollständige Wiederherstellung der Wallonisch-Niederländischen Kirche aus. 
Visualisierung: Stadtbild Hanau
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Imposantes Bild: Der Verein Stadtbild Hanau spricht sich auch für die vollständige Wiederherstellung der Wallonisch-Niederländischen Kirche aus. Visualisierung: Stadtbild Hanau

Hanau – Baukultur – fast immer fällt im Zusammenhang mit Bauprojekten in einer Stadt auch das Gegenwort – die Unkultur. Was der eine als modern und architektonisch ansprechend empfindet, hält der andere für scheußlich.

Was Reinhard Hühn, Gründer des Hanauer Ortsvereins von Stadtbild Deutschland, von den meisten Neubauten in der Innenstadt hält, kann man aus dem offensiven Titel seines neuesten Buches herauslesen: „Hanauer Baukultur wiedergewinnen“ heißt das aktuelle Machwerk, das ab sofort im Buchhandel und online erhältlich ist.

Hühn ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, kein Architekt oder Stadtplaner. Kritiker könnten also sagen, er sei nicht vom Fach. Doch Hühn ist auch Hanauer durch und durch – und äußerst umtriebig: Seit Februar 2019 hat der Hanauer Ableger von Stadtbild Deutschland sieben Broschüren herausgegeben, auf eigene Kosten oder durch Spenden finanziert. Jede Broschüre widmet sich einem Schwerpunkt, etwa der Altstadt, einem Teil der Neustadt oder beispielsweise dem Schlossplatz-Areal.

Darin zu finden sind Hühns Ideen, wie die Bebauung aussehen könnte beziehungsweise nach seinem Verständnis aussehen sollte. Das Ganze stets garniert mit reichlich historischen Aufnahmen aus der Zeit vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sowie angereichert mit Visualisierungen dessen, was sich Stadtbild Hanau am jeweiligen Ort architektonisch vorstellt.

Das nun erschienene Buch ist im Groben eine Zusammenfassung der bereits veröffentlichten Publikationen, zusammengefasst auf 127 Seiten. Der Zusatz des Buchtitels verrät den inhaltlichen Schwerpunkt: „Platzachse in den Zwanzigern“. Diese Achse verläuft mitten durch Altstadt und Neustadt, angefangen im Norden mit dem Schlossplatz, über den Altstädter Markt, den Marktplatz mit dem Neustädter Rathaus, bis hin zum Platz um die Wallonisch-Niederländische Kirche und den Platz am Steinheimer Tor im Süden. Und mit den „Zwanzigern“ sind nicht etwa die „goldenen“ der vorigen Jahrhunderts gemeint, sondern das aktuelle Jahrzehnt. In der Innenstadtentwicklung müsse ein neues Kapitel aufgeschlagen werden, findet der Hanauer Hühn.

Das neueste Werk: Reinhard Hühn (links) wurde bei der Vorstellung des Buches „Hanauer Baukultur wiedergewinnen“ von Tilo Bergmann, dem Vorsitzenden von Stadtbild Deutschland, unterstützt.

Das Buch war eigentlich schon im März fertiggestellt, die Pandemie spielte bei der Formulierung des Vorwortes also noch keine Rolle, dennoch bezieht sich der Herausgeber bei der Vorstellung seines Werkes auch auf die aktuelle Situation: Das Buch, so Hühn, sei eine Blaupause für die „Post-Corona-Stadt“. Corona wird das Gesicht der Stadt verändern, nicht jeder Einzelhändler wird überleben, die Innenstadt als reinen Ort des Konsums wird es vielleicht in Zukunft nicht mehr geben. „Die Stadt hat monofunktional geplant, die Kultur wurde zurückgedrängt“, findet Hühn.

Das haben zugegebenermaßen die meisten Stadtplaner bereits selbst schon erkannt. Und Hühn hat mit seinem Buch auch kein fertiges Entwicklungskonzept für die Innenstadt vorgelegt, sondern sagt selbst über seine Vision und die seines Vereins: „Wir wollen nichts abreißen, sondern verbessern.“

Dabei bleibt Hühn seinen Vorstellungen treu: Man müsse weg von der Blockbebauung, die Fassaden sollten nicht unbedingt historisch genau, aber wenigstens kleinteilig sein, seit Ende des Krieges bestehende Baulücken wie an der Langstraße sollten geschlossen werden – nicht mit moderner Glas-Beton-Architektur, sondern mit etwas, was der „Stadtreparatur“ entspricht, für die sich der Verein Stadtbild Deutschland starkmacht, wie dessen Vorsitzender, Tilo Bergmann aus Frankfurt, der eigens zur Buchvorstellung gekommen ist, verdeutlicht.

Das Buch

Das Buch „Hanauer Baukultur wiedergewinnen – Platzachse in den Zwanzigern“ ist in der Schriftenreihe von Stadtbild Deutschland erschienen und ist für 18 Euro erhältlich; ISBN 978-3-00-066382-6.

Was Stadtbild Hanau unter „Stadtreparatur“ versteht, macht ein Beispiel deutlich: Hühn schlägt einen neuen Platz vor, den „Ludwig-Emil-Grimm-Platz“, benannt nach dem „Malerbruder“ der beiden Märchensammler. In der Langstraße, wo derzeit eine als Parkplatz genutzte Baulücke zu finden ist, könnte ein „schöpferischer Nachbau“ des Geburtshauses von Ludwig Emil Grimm entstehen. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Original stand eigentlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das würde, ist Hühn überzeugt, dem Ort ein besonderes Flair geben, verbunden mit einer Portion Historie. Schließlich sind die Brüder Grimm ein touristisches Pfund, mit dem die Stadt Hanau nach Hühns Vorstellungen sogar noch mehr wuchern könnte.

Am konkretesten, und in der Visualisierung durchaus beeindruckend dargestellt, erscheint dem Leser des Buches der Vorschlag von Stadtbild Hanau, den als Ruine erhaltenen Teil der Wallonisch-Niederländischen Kirche wiederaufzubauen. Das hatte Hühn bereits in einer seiner herausgegebenen Broschüren thematisiert.

Alles in allem präsentiert Stadtbild Hanau nichts wirklich Neues. Dennoch bietet das Buch für Freunde der Stadthistorie Interessantes über bedeutende Plätze und Gebäude der Stadt sowie deren Geschichte.

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