Turner und Kämpfer für Freiheit und Demokratie

August Schärttner feiert 200. Geburtstag

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August Schärttner als Major der „Hanauer Turnerwehr“. Für seinen Kampf um Freiheit und demokratische Bürgerrechte zahlte er einen hohen persönlichen Preis.

Hanau - Er gehört zu den ganz großen Söhnen der Stadt Hanau. Einer, der mitgeschrieben hat an deutscher und europäischer Geschichte. Und doch ist er ein Stück weit in Vergessenheit geraten: August Schärttner. In der nächsten Woche wäre er 200 Jahre alt geworden. Von Dirk Iding 

Am 31. Januar 1817 kam August Schärttner in Hanau zur Welt. Wo genau, ob im Haus Fischergasse 25, in dem die Familie Schärttner lebte und das es heute nicht mehr gibt, weil es der Erweiterung der Hauptpost weichen musste, ist nicht bekannt. Wie so vieles aus der Kindheit und frühen Jugend des Sohnes eines Küfermeisters, der 1837 zu den Mitbegründern der Turngemeinde Hanau zählte und später zu einer der führenden Persönlichkeiten der deutschen Turnbewegung und der deutschen Revolution von 1848/49 werden sollte.

„In der Biographie von August Schärttner gibt es noch so manche weiße Flecken“, weiß Martin Hoppe vom Fachbereich Kultur, Stadtidentität und Internationale Beziehungen der Stadt Hanau, der gestern gemeinsam mit Rüdiger Arlt, dem Vorsitzenden der Turngemeinde Hanau, sowie den TGH-Archivaren Dietrich Arlt und Knut Witt, an die außergewöhnliche Persönlichkeit August Schärttner erinnerte. Hoppe hofft, dass anlässlich des 200. Geburtstages möglicherweise weitere Nachforschungen angestellt werden, um August Schärttners Biografie abzurunden.

Unbestreitbar ist die herausragende Bedeutung Schärttners für die deutsche Turnbewegung. 1841 übernahm er als Nachfolger von Christian Lautenschläger den Vorsitz der vier Jahre zuvor gegründeten Turngemeinde Hanau, die in diesem Jahr 180 Jahre alt wird. Schärttner war maßgeblich an der Ausrichtung des 1. Deutschen Turnertages beteiligt, der am 2. und 3. April 1848 in Hanau stattfand und in dessen Rahmen der Deutsche Turnerbund in der Wallonisch-Niederländischen Kirche gegründet wurde.

Es waren aufwühlende Zeiten damals. Turnen und demokratisch geführte Sportvereine waren auch ein Ausdruck für die Forderung nach mehr politischer Freiheit, der sich auch August Schärttner bereits in sehr jungen Jahren verschrieben hat und für die er bereit war, große persönliche Risiken einzugehen.

So war August Schärttner in der Revolution von 1848/49 Mitglied der „Hanauer Volkskommission“ und führte als Mitunterzeichner des „Hanauer Ultimatums“ eine Delegation an, die die in diesem Manifest geforderten bürgerlichen und freiheitlichen Rechte am 9. März 1848 dem Landesherrn, dem Kurfürsten von Hessen-Kassel, in Kassel übergab. Und tatsächlich beugte sich der Kurfürst diesem Druck und gewährte die in dem Ultimatum geforderten Grundrechte wie Presse-, Religions- und Versammlungsfreiheit, so dass August Schärttner und die restlichen Mitglieder der Delegation bei ihrer Rückkehr in Hanau begeistert gefeiert wurden.

Doch bekanntlich war die Phase der Freiheit nur eine kurze. Mit Niederschlagung der Märzrevolution 1849 wurden die bürgerlichen Freiheitsrechte von den Herrschenden wieder einkassiert. August Schärttner ging in den Widerstand und eilte als Major an der Spitze der rund 300 Mann umfassenden „Hanauer Turnerwehr“ den revolutionären Truppen in Baden zur Hilfe, die die Deutsche Reichverfassung vom 28. März 1849 mit Gewalt verteidigen wollten. Doch das so genannte „Volksheer“ erlitt am 2. Juni 1849 im Gefecht bei Waghäusel eine empfindliche Niederlage.

August Schärttner, der zunächst in die Schweiz und später über Frankreich nach London fliehen musste, sollte seine Heimatstadt Hanau nie mehr wiedersehen.

In der englischen Hauptstadt lernte Schärttner nicht nur seine spätere Ehefrau Mary Elizabeth Pawell kennen, dort machte er sich auch als Gastwirt selbstständig. Er kaufte 1851 in der Long-Acre-Street einen Pub, den er unter dem Namen „Zum Deutschen Haus“ weiterbetrieb. Das Lokal sollte zu einem Treffpunkt für deutsche Emigranten werden.

Im Oktober 1857 wurde August Schärttner im so genannten „Hanauer Turnerprozess“ wegen Hochverrats in Abwesenheit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 22. Februar 1859 verstarb Schärttner in London im Alter von nur 42 Jahren. Wo er beerdigt wurde, ist in Vergessenheit geraten.

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Besondere Veranstaltungen anlässlich des 200. Geburtstages von August Schärttner am kommenden Dienstag sind in Hanau weder von Seiten der Stadt noch von Seiten der Turngemeinde geplant. TGH-Vorsitzender Rüdiger Arlt will aber anlässlich der für 4. Februar geplanten Jubilarehrung des Vereins, die erstmals im Wilhelmbader Kurhaus stattfindet, an das Wirken Schärttners „als einen der ersten Demokraten“ erinnern. Außerdem soll noch in diesem Jahr eine Erinnerungstafel an August Schärttner im Bereich der Fischergasse enthüllt werden.

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