Strafkammer verteilt Festplatten kurz vor dem Fest

AUS DEM GERICHT: Prozess um die Massenschlägerei vor dem Klinikum / Müder Angeklagter sorgt für Abbruch

Flut an Beweisen: Im Prozess um die Massenschlägerei vor dem Klinikum hat das Landgericht die Akten in digitaler Form verteilt. 
symbolfoto: Henrik Josef Boerger/dpa
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Flut an Beweisen: Im Prozess um die Massenschlägerei vor dem Klinikum hat das Landgericht die Akten in digitaler Form verteilt. symbolfoto: Henrik Josef Boerger/dpa

Der Justizwachtmeister muss nicht einen Berg von Ermittlungsakten schleppen. Er greift nur in die Tragebox und holt externe Festplatten hervor. Dann geht er im Paul-Hindemith-Saal durch die Reihen und verteilt die digitalen Speichermedien an die Verteidiger der insgesamt neun Angeklagten.

Hanau – „Ist das schon ein Weihnachtsgeschenk?“, lautet die spitzbübische Frage eines Rechtsanwalts. Dr. Katharina Jost, die Vorsitzende Richterin der 2. Großen Strafkammer, verneint: „Wir haben Ihnen auf diesen Festplatten alle Daten zusammengestellt.“

Vor dem Fest dürften die Juristen damit voll beschäftigt sein, denn das Verfahren gegen die neun Männer aus Syrien und Albanien, die sich am Abend des 18. April in der Innenstadt eine blutige Massenschlägerei geliefert haben sollen (wir berichteten), ist sehr umfangreich: unzählige Videosequenzen aus den Überwachungskameras, Zeugenvernehmungen, Auswertungen der sichergestellten Mobiltelefone.

Es geht um viel in diesem Verfahren, denn vier der Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag vor. Bislang haben nur die Angeklagten, die aus Syrien und dem Irak stammen, Angaben gemacht. Ihre albanischen Kontrahenten schweigen bislang zu den Vorwürfen.

Ein wenig Licht ins Dunkel bringt ein Anwohner, der an der Ecke Langstraße/Leimenstraße einen Teil des Gewaltexzesses als Augenzeuge mitbekommen hat. Er ist bislang der einzige neutrale Beobachter des Geschehens.

„Ich habe Geschrei gehört und bin auf den Balkon“, sagt der Mann. Vor dort aus habe er beobachtet, wie eine „größere Gruppe“ auf eine „kleinere Gruppe“ losgegangen sei. Die jungen Männer aus Albanien waren nur zu dritt.

„Es haben dann alle geschlagen, keiner stand dabei und war unbeteiligt. Niemand ist noch dazugekommen“, sagt der Zeuge. Er kennt zwar einen der syrischen Angeklagten „vom Sehen“, bleibt in seiner Aussage aber sehr sachlich. Denn: Vom Balkon und kurz darauf vom Küchenfenster aus kann er zwar beobachten, dass die Männer aufeinander losgegangen sind. Aber: „Wer auf wen eingeschlagen hat, das konnte ich nicht genau sehen.“

Das bedeutet für das Gericht: Es dürfte sehr schwer werden, den neun Angeklagten ihre einzelnen Tatbeteiligungen nachzuweisen.

Das ruft Rechtsanwalt Sebastian Schales auf den Plan. Er zieht ein vorläufiges Fazit aus seiner Sicht und aus der seines Mandanten: „Die Gruppe der Albaner sind die Opfer gewesen“, so der Verteidiger.

Dem widersprechen die Anwälte der syrischen Angeklagten vehement. Einige von ihnen hatten bereits den Antrag gestellt, ihren Mandanten möglicherweise Schmerzensgeld für die erlittenen Verletzungen zuzusprechen.

Viel weiter kommt die Strafkammer an diesem Tag jedoch nicht. Denn der 24-jährige Ali S., der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt ist, scheint die Zeit zwischen den Prozesstagen sehr rege und produktiv zu nutzen.

Zwar ist er an diesem Morgen pünktlich zum Prozessbeginn im Saal – aber sichtlich übermüdet. Sein Pflichtverteidiger Matthias Reuter erklärt den Hintergrund: „Mein Mandant hatte Nachtschicht. Daher ist er sehr müde und kann der Verhandlung nicht mehr folgen.“

Der Vorsitzenden, die eigentlich die nächste Zeugin aufrufen will, bleibt keine andere Wahl. Sie muss den Verhandlungstag abbrechen, da sich der Angeklagte nicht absichtlich in diese Situation gebracht hat.

Allerdings muss sich S. ein paar deutliche Worte des Gerichts anhören: „Ich gehe davon aus, dass Sie zu den nächsten Terminen ausgeschlafener erscheinen“, ermahnt ihn Jost und betont: „Wir werden uns ja noch häufiger sehen.“

Das könnte sehr gut sein, denn die Beweisaufnahme dürfte länger dauern, als bislang geplant. So haben die Richter inzwischen Verhandlungstermine bis Mitte April anvisiert.

Von Thorsten Becker

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