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Kindermord-Prozess in Hanau: Ein Aussteiger aus der Sekte erinnert sich

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Im Prozess um den Tod des vier Jahre alten Jan H. aus Hanau hat ein ehemaliges Mitglieder der Gruppierung gegen die mutmaßliche Sektenführerin Sylvia D. ausgesagt.

Im Prozess um den getöteten vierjährigen Jan H. aus Hanau hat ein Aussteiger aus der Sekte ausgesagt. Er berichtet vom grausamen Verhalten der Anführer.

  • Der Prozess in Hanau um den Tot des vier Jahre alten Jan H. geht weiter
  • Hauptangeklagte ist die mutmaßliche Sektenführerin
  • Ein Aussteiger aus der Sekte berichtet

„Jetzt halt einfach mal die Klappe.“ Es sind nur dieses sechs Worte, unmissverständlich, die Egbert S. in Richtung Sylvia D. sagt. Sekunden später geht Walter D. auf den jungen Mann los.

Ein Hieb mit der Bratpfanne, danach mehrere Handkantenschläge. Widerworte sind im Haus D. an der Keplerstraße nicht gern gehört. Egbert S. packt daraufhin schnell ein paar Sachen zusammen und verlässt das Haus, seine Frau folgt ihm wenige Tage später. Gemeinsam mit S.’ Schwager holen sie ihre Möbel aus dem Haus in Hanau ab.

Prozess in Hanau: Aussteiger aus Sekte wird bedroht

Statt Abschiedsworte gibt es Verfluchungen, die S. bis heute als „tiefe Bedrohung“ empfindet. Mehrere Male versucht Sylvia D. später per Telefon, wieder Kontakt zu dem jungen Paar aufzunehmen. Sie gehen nicht darauf ein.

Heute sitzt S. als Zeuge im Saal 215 des Hanauer Landgerichts. 40 Jahre sind die Ereignisse mittlerweile her.

Aussteiger bricht Kontakt zu Sekte aus Hanau ab

Vergessen hat der Pfarrer und Studienleiter im Ruhestand sie nie, auch wenn der Kontakt zu Walter D. und seiner Frau Sylvia, die sich seit Oktober 2019 wegen Mordes an dem vierjährigen Jan H. verantworten, damals abrupt abbrach.

Der inzwischen verstorbene Walter D. und der heute 67-Jährige kennen sich von Jugendfreizeiten, die D. damals initiierte. Im Spätsommer 1980 schließt S. sein erstes theologisches Examen in Marburg ab und beginnt den Probedienst in der methodistischen Kirche in Darmstadt. Sein Ausbilder ist Walter D.

Anführer der Sekte zogen von Darmstadt nach Hanau

Der heute 67-Jährige bezieht eine kleine Einliegerwohnung in dem großen Gebäudekomplex, der den Kirchsaal und auch die Wohnung der D.s beherbergt. Sylvia D. lernt S. als Ehefrau des Pfarrers kennen. Neben den beiden leiblichen Söhnen haben sie drei Pflegekinder.

Im Sommer 1981, die D.s sind bereits von Darmstadt nach Kesselstadt gezogen, um hier eine neue Vorort-Gruppe der Freikirche aufzubauen, ändert sich das Miteinander -auch die Rolle von Sylvia D.

Anführerin der Sekte aus Hanau sieht sich als Mittelpunkt

„Sie war nicht mehr nur beratend aktiv, sondern plötzlich Mittelpunkt-Person“, beschreibt S., der mit seiner Frau einen Monat lang ebenfalls in der Keplerstraße lebte. Als „Jesa Christa“ habe sich Sylvia D. selbst gesehen.

Als Egbert S. darüber spricht, fliegt der pink leuchtende Stift, den die Angeklagte in der Hand hält, nur so übers Blatt. Eifrig macht sie sich Notizen.

Sekte in Hanau soll Personen in Abhängigkeit getrieben haben

Immer sonntags habe sich die Gruppierung im Haus der D.s getroffen, zehn bis zwölf Personen, die meisten aus Darmstädter Zeiten. Es gab Mittagessen oder Kaffee und Kuchen und dazu jede Menge Monologe von Sylvia D.

„Die Einzelpersonen“, sagt der pensionierte Pfarrer, „sind immer deutlicher in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten.“ Sylvia hat alle kategorisiert, sagt er und schaut zur Anklagebank.

Kinder in Sekte aus Hanau wurden kategorisiert

Die nicht leiblichen Kinder bekamen ebenfalls Typisierungen, ausschließlich negative. Der Druck sei gewachsen, so S. Ausgehend von wem, will der Vorsitzende Richter Graßmück wissen. „Von ihr“, sagt S. und zeigt mit dem Finger auf die Angeklagte.

„Was hat sie dazu befähigt?“, fragt Graßmück. „Das würde ich auch gern wissen“, entgegnet der Pfarrer im Ruhestand.

Sekte in Hanau: Kinder müssen in ihren Zimmern bleiben

Seien zu Beginn noch Träume gedeutet worden, habe sich „die Nummer 1 der Gruppe“ (O-Ton S.) plötzlich als Seherin verstanden. „Sie brauchte keine Träume mehr, sie sah plötzlich alles“, so der 67-Jährige.

Die Kinder im Haus an der Keplerstraße beschreibt S. als „fast unsichtbare“, „huschende“ Gestalten. Tagsüber und in den sonntäglichen Runden sind nur Manuel und Martin D., die leiblichen Kinder, dabei. „Alle anderen waren in den Zimmern.

Aussagen über Kinder in Hanauer Sekte: "Habgierig und verlogen

Unzufrieden, habgierig oder verlogen seien die Adjektive gewesen, mit denen die Kinder im Hause D. bedacht wurden. Jan H. war noch nicht geboren, als Egbert S. der sektenähnlichen Gruppierung den Rücken kehrte.

Von seinem Tod und den Ermittlungen gegen Sylvia D. erfuhr S. erst, als im April 2017 die Kripo an seiner Tür klingelte.

Aussteiger kann sich aus Fängen der Sekte in Hanau befreien

S. und seine Frau haben sich aus den Fängen der D.’s befreit. Sie sind wieder nach Marburg gezogen. S. hat promoviert und bis zu seiner Pensionierung in der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck gearbeitet.

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