Autoposer vor Gericht

Amtsgericht legt Geldauflage fest

Lärm aus dem getunten Auspuff: Ein Autoposer vom Kinzigbogen stand jetzt vor Gericht. Symbol
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Lärm aus dem getunten Auspuff: Ein Autoposer vom Kinzigbogen stand jetzt vor Gericht.

Ein junger Mann von 22 Jahren und ein flottes Auto, mit dem er Eindruck schinden will. Der VW Golf ist tiefergelegt, getunet und verfügt über einen extra lauten Auspuff. Also beschließt M. aus dem Kreis Offenbach nach Hanau zu fahren, um sich und sein Auto dort zu präsentieren.

Hanau - Er will dazugehören zur „Poser“-Szene, die das Gelände seit dem Frühjahr vergangenen Jahres zu ihrer „Bühne“ auserkoren und bis vor wenigen Wochen für mächtig Ärger bei den Anwohnern gesorgt hat (wir berichteten). Es ist die Nacht zum 16. Mai 2020, in der M. seinen Spaß haben will. Zusammen mit C., den er an diesem Abend trifft – angeblich zum ersten Mal. Das scheint nicht ganz richtig zu sein. Denn C., der seinen Strafprozess schon hinter sich hat, hatte angegeben, dass er sich mit M. zum „Chillen“ verabredet habe. Auch das scheint nicht ganz richtig zu sein, denn „chillen“ steht für „entspannen“, „abhängen“ oder „sich erholen.“ Aber so leise ist es in dieser Nacht keineswegs.

„Hotspot der Poser-Szene“

Denn die vier Augen, die das Treiben am Kinzigbogen beobachten, sehen gegen 0.20 Uhr etwas ganz anderes. Es sind die Augen des Gesetzes von der Polizeistation Hanau II an der Cranachstraße. Die beiden Beamten sitzen in einem getarnten Streifenwagen am Rande eines Möbelhauses. Niemand nimmt von ihnen Notiz – einfach nur ein Pärchen in einem Auto? Nein. Denn bereits vor einem Jahr haben sich die Anwohner über den Lärm beschwert, den die „Poser“ zwischen Bau- und Supermärkten veranstalten – und die Polizei gerufen.

„Das Areal hat sich dann immer mehr zu einem Hotspot der Poser-Szene entwickelt“, sagt der 26-jährige Kommissar vor dem Hanauer Amtsgericht aus. Seine Kollegin und er schauen genau hin, als M. und C. in ihre glänzenden Wagen steigen und auf der Hauptverbindungsstraße einen Höllenlärm veranstalten. „Sie haben nebeneinander beschleunigt“, so der Ordnungshüter, der die Kennzeichen notiert hat. „Das war definitiv zu schnell – unangemessen schnell auf einem Parkplatz.“

Zivilfahnder beobachten das Treiben auf dem Parkplatz

Seine Kollegin bestätigt diese Aussage; „Das waren insgesamt mindestens 40 Autos in dieser Nacht.“ Die beiden jungen Herren hätten die Motoren aufheulen lassen und seien nebeneinander gefahren. Weil sie noch weitere Beobachtungen machen und unentdeckt bleiben wollen, vergeht noch eine Weile in dem getarnten Streifenwagen. Erst dann rufen sie ihre uniformierten Kollegen. „Die haben schon bereitgestanden“, so die Oberkommissarin. Bei der anschließenden Überprüfung kommt es für M. knüppeldick. Nicht nur sein Führerschein wird sichergestellt, auch der tiefergelegte Golf darf nicht mehr bewegt werden, weil er angeblich illegal getunet ist. „Betriebserlaubnis erloschen“, heißt das im Amtsdeutsch.

Auf der Anklagebank hat der „Spaß“ nun ein juristisches Nachspiel vor Strafrichterin Santi Bhanja. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind heftig: Wegen eines illegalen Autorennens muss sich der 22-Jährige verantworten. Sein Verteidiger macht keinen Hehl daraus, dass sein Mandant zu den „Posern“ zählen wollte. Er nimmt ihn aber in Schutz. Es sei jedoch kein illegales Rennen gewesen. „Es ging uns nur um den Sound“, beteuert M., der seinem Kumpel die röhrende Auspuffanlage vorführen will. Für Amtsrichterin Bhanja ist der Fall klar. Ein Autorennen, wie es im Strafgesetzbuch unter Strafe gestellt wird, war diese „Show“ nicht. Denn die Strecke habe maximal 70 Meter betragen. Das haben die Beamten unisono bestätigt. Außerdem sei niemand in unmittelbarer Nähe gewesen. Eine Gefährdung anderer sei daher auszuschließen.

Klare Ansage von der Amtsrichterin

Die erfahrene Richterin hat genug gehört und ergreift daher erzieherische Maßnahmen, die so nicht mit Gesetz vorgesehen – in diesem Fall aber durchaus angebracht sind. „Haben Sie sich eigentlich etwas dabei gedacht, dass es dort Anwohner gibt, die ihr Ruhe haben wollen?“, fragt sie den Angeklagten, der bedröppelt dreinblickt. Und die Richterin legt nach: „Was sie veranstaltet haben – mitten in der Nacht – ist schwer zu dulden für die Anwohner.“

Die klare Ansage sitzt. Ebenso die Tatsache, dass er heute auf der Anklagebank sitzen muss. Etwas kleinlaut sagt er: „Ich war dort zum ersten und zum letzten Mal.“ Er scheint offenbar etwas gelernt zu haben. Unterm Strich wird der „Spaß“ richtig teuer und unangenehm. Denn der junge Mechatroniker hat rund zehn Monate auf seinen Führerschein verzichten müssen. Also mussten ihn bislang Papa und Mama täglich zur Arbeit chauffieren.

Poser muss 400 Euro zahlen und seine Anwaltskosten tragen

Oberamtsanwältin Dagmar Hoffmann will es dabei belassen, denn sie kennt den Strafregisterauszug des jungen Mannes. Er ist ein unbeschriebenes Blatt. Da sein jüngerer Kumpel erst kürzlich vor dem Jugendrichter ebenfalls glimpflich davongekommen ist, macht sie aus Gründen der Gleichbehandlung einen salomonischen Vorschlag: Das Verfahren wird wegen geringer Schuld eingestellt. Allerdings erst, wenn der 22-Jährige eine Geldauflage von 400 Euro an die Staatskasse gezahlt hat. Und seine Anwaltskosten muss er ebenso aus eigener Tasche zahlen.

M. willigt ein, und so hat die Oberamtsanwältin dann eine versöhnliche Geste. Hoffmann greift ihn ihren Aktenstapel und holt einen Umschlag hervor, geht zur Anklagebank und gibt M. seinen Führerschein zurück. Mit mahnenden Worten: „Passen sie gut darauf auf!“ (Von Thorsten Becker)

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