Vor den Steckdosen brodelte es

Bastian Völler und seine Familie wurden von dem Hochwasser in Büdingen hart getroffen

Lassen den Kopf nicht hängen: Bastian Völler, seine Lebensgefährtin Friederike Echterhoff und ihr gemeinsamer Sohn Konstantin waren zu Hause, als das Wasser von allen Seiten hereinbrach. Bis zum Ende des Mauervorsprungs stand das Wasser innen wie außen, daher muss nun das komplette Erdgeschoss saniert werden.
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Lassen den Kopf nicht hängen: Bastian Völler, seine Lebensgefährtin Friederike Echterhoff und ihr gemeinsamer Sohn Konstantin waren zu Hause, als das Wasser von allen Seiten hereinbrach. Bis zum Ende des Mauervorsprungs stand das Wasser innen wie außen, daher muss nun das komplette Erdgeschoss saniert werden.

Container reihen sich auf Straßen und Plätzen in der Büdinger Altstadt aneinander. Sie sind randvoll mit Säcken, Platten sowie Dekoartikeln aus Geschäften. Daneben stehen kaputte Waschmaschinen und Trockner sowie allerlei Sperrmüll. Die Geschäfte sind überwiegend leer geräumt, kaum etwas war in der Büdinger Altstadt vor dem Hochwasser sicher, das am Freitag große Teile der Altstadt überflutete.

Büdingen – Zahlreiche Keller sind vollgelaufen. Das Wasser stand stellenweise über einen Meter hoch in den Straßen, Menschen konnten ihre Häuser nicht mehr verlassen und mussten mit Booten abgeholt werden. Das Wochenende über waren die Büdinger im Dauereinsatz, um die Schäden zu beseitigen (wir berichteten) und auch zu Beginn der Woche – als das Hochwasser längst zurückgegangen war – waren die Spuren noch überall zu sehen.

Der Schlagbohrer dröhnt durch die Straßen, die noch nach nassem Stein riechen. Das Geräusch führt zu einem der ältesten Fachwerkhäuser Hessens: zum Büdinger Urhaus. Hier wohnt der gebürtige Hanauer Bastian Völler, der mit Frau und Kind zu Hause war, als das Wasser von allen Seiten ins Haus eingedrungen ist. Vom Hochwasser wurde die Familie schwer getroffen: „Unsere Heizung ist kaputt, die Waschmaschine, der Pelletofen, die Küche und jede Menge Regale“, sagt Völler. In der Nacht kam die Familie bei Freunden unter, sie wohnt nun übergangsweise in einer Ferienwohnung. Das Erdgeschoss haben sie mit unzähligen Helfern leer geräumt. Beim Besuch unserer Zeitung am Montag entfernen sie mit Freunden und Bekannten den Estrich mit dem Schlagbohrer und tragen größe und kleine Brocken Wannen- und Eimerweise auf die Straße. Die Türen zu den Kellern der Nachbarhäuser stehen zum Auslüften offen, ein Haus in der Straße ist unbewohnbar geworden.“

Jahrhundert-Hochwasser: Bis eine Hand breit unter die Türklinke kletterte der Wasserstand innen wie außen.

Völler hätte nie gedacht, dass das Hochwasser ihn so hart treffen könnte

„Jetzt ist schon wieder fast alles ordentlich – im Vergleich zum Wochenende“, sagt Völler mit Blick auf die Straßen. „Am Samstag lag so viel Sperrmüll in der Altstadt, dass man mit Kinderwagen kaum noch durchgekommen ist.“ Der 40-Jährige Hanauer führt seit mittlerweile elf Jahren ein Architekturbüro für Denkmalpflege in der Altstadt von Büdingen, etwa fünf Gehminuten von dem Haus entfernt, in dem er mit Lebensgefährtin Friederike Echterhoff mit dem gemeinsamen Sohn Konstantin und in wechselnder Besetzung mit den drei weiteren Kindern der Patchwork-Familie Jakob (5), Leo (4) und Mira (9) wohnt. Ihr Haus wurde bereits 1476 gebaut und liebevoll saniert. Echterhoff dürften viele Hanauer als Inhaberin der Eisdiele „Eis und Liebe“ am Altstädter Markt in Hanau kennen.

Dass sie vom Hochwasser einmal so stark betroffen sein könnten, hätten sie nicht gedacht. Am Freitag habe Völler die Kinder deswegen von der Schule abgeholt. Mit den Kindern habe er sich angeschaut, wie die tiefen Gräben am Schloss und dem Jerusalemer Tor volllaufen. „Da habe ich das Ganze noch gar nicht so richtig ernst genommen“, sagt er. Später habe sich das Ausmaß der Katastrophe Schritt für Schritt abgezeichnet: „Am Amtsgericht standen Autos unter Wasser, da hat nur noch das Dach aus dem Wasser herausgeguckt. Dann kam auch schon die Ansage, dass wir unsere Autos alle aus der Altstadt herausfahren sollen“, so Völler. Wenig später kroch das Wasser unter der Haustür durch. „Wir haben versucht, das Wasser mit Säcken aufzuhalten, die wir vor die Tür gelegt haben haben versucht, das Wasser mit Eimern aus dem Haus zu befördern. Ich habe alles, was ich noch retten konnte, auf ein Podest gestellt“, so Völler. „Irgendwann kam das Wasser aus allen Richtungen, und das Haus ist nur noch vollgelaufen.“

Mit Booten wurden Leute aus den anliegenden Gebäuden evakuiert

Seine Partnerin sei mit dem kleinen Konstantin auf dem Arm aus dem Fenster gestiegen, Völler habe weiter versucht, persönliche Gegenstände, die Einrichtung und das Haus zu retten. „Irgendwann stand das Wasser im Erdgeschoss einen halben Meter hoch, und es hat aus den Steckdosen gedampft und gebrodelt. Da hatte ich natürlich Angst vor einem Stromschlag. Ich dachte, es knallt einmal die Sicherung durch und dann ist gut.“ Doch dann sei er gedankenverloren mit dem Wasser in Berührung gekommen und es sei nichts passiert. Wenig später, als das Wasser bereits eine Hand breit unter der Türklinke stand, habe auch er das Haus durch die Fenster verlassen, in Unterhose – die trockenen Klamotten in der Hand, um sie über Wasser zu halten: „Das Wasser war bitterkalt, und mittlerweile war es schon dunkel“, sagt Völler.

Über Eltern und Bekannte habe er Fischerhosen bekommen und sei durch die Stadt gelaufen. „Da sind schon Boote durch unsere Straße gefahren, die Menschen aus ihren Häusern geholt haben.“ Stellenweise habe dem zwei Meter großen Mann das Wasser bis zur Brust gestanden. Gegen 20 Uhr hieß es dann, dass nicht mehr viel passieren würde, gegen Mitternacht ging das Wasser laut Völler 20 Zentimeter zurück.

Wasserstand des Jahrhundert-Hochwassers von 1739 erreicht: An der Pegelskala des Büdinger Schlosses zeigt Völler, dass die historische Marke erneut erreicht wurde.

„Das war der Sperrmüll des Jahrhunderts“

Einen Tag später seien dann die Bagger durch die Altstadt gerollt. „Am Samstag war hier die Hölle los! Alles stand voll, das war der Sperrmüll des Jahrhunderts. Jeder hat einfach Sachen vor die Tür gestellt, und die Stadt hat alles mitgenommen.“ Die ganze Straße sei voller Menschen gewesen, die einander mit Masken und Abstand geholfen hätten. „Die Hilfsbereitschaft war unvorstellbar. Das treibt einem die Tränen in die Augen“, sagt er. Schon am Freitagnachmittag seien der Familie zahlreiche Bekannte, Familienangehörige und Freunde zu Hilfe gekommen, hätten Dinge organisiert, geholfen, das Wasser aus dem Haus zu befördern und Gegenstände in Sicherheit zu bringen. „Wir haben unsere Küche ausgeräumt und den gesamten Hausstand in Kisten verpackt und an Freunde und Bekannte verteilt, die sich darum kümmern und uns helfen, alles sauber zu machen. Noch am Sonntag seien Keller ausgepumpt worden.

Den an seinem Haus entstandenen Schaden schätzt Völler auf 30 000 bis 50 000 Euro. „Wir machen das beste draus“, sagt Völler und lacht. „Jetzt sind wir mehr oder weniger gezwungen, das Erdgeschoss zu sanieren.“ Wie weit er Hochwasserschäden bei sic mitversichert habe, damit wolle er sich jetzt noch nicht beschäftigen, sondern erstmal den Schaden begrenzen. Zu klären bleibe weiterhin, welche politischen Versäumnisse den Büdingern zum Verhängnis geworden sein könnten. Denn das Ausmaß der Überschwemmungen in der Altstadt habe sich durch eine marode Hochwasserschutzmauer verschärft, die unter den Wassermassen gebrochen war. Seit Jahrzehnten wurde zudem über ein weiteres Rückhaltebecken oberhalb der Stadt diskutiert. Gebaut wurde es nicht.

(Von Jasmin Jakob)

Wo am Freitag das Wasser stand, reihen sich noch zu Beginn der Woche prall gefüllte Container aneinander.

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