Baum dolmetscht für brummenden Bär

Brüder-Grimm-Festspiele: Premiere von „Schneeweißchen und Rosenrot“ begeistert mit witzigen Einfällen

Den Schatz im Arm: Der zum Bär verwandelte Prinz Tristan (Florian Rast) trifft auf die Waldgeister.
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Den Schatz im Arm: Der zum Bär verwandelte Prinz Tristan (Florian Rast) trifft auf die Waldgeister.

Eine rätselhafte Fäulnis bedroht die Menschenwelt und das Reich der Waldgeister. Nur wenn die geteilte Krone der Eintracht wieder zusammengefügt wird, können beide gerettet werden. Eine Aufgabe, der sich die Schwestern Schneeweißchen und Rosenrot stellen. Aber auch die beiden Prinzen Tristan und Eugen machen sich auf die Suche nach dem Machtsymbol – wenn auch aus anderen Motiven.

Hanau –Gemeinsam geraten sie in ein Abenteuer mit einem fiesen Zwerg und misstrauischen Waldgeistern. Die Premiere des dritten Stücks der Brüder-Grimm-Festspiele unter der Regie von Dennis Krauß überzeugt durch witzige Dialoge, eingängige Lieder und spielfreudige Darsteller.

Die Begeisterung, dass die Märchen aufgrund der Pandemie nach einem Jahr Verzögerung endlich wieder auf der Bühne des Amphitheaters zu sehen sind, ist bei Zuschauern und Festspiel-Team an diesem Nachmittag zu spüren. Doch dass es eine Premiere unter besonderen Bedingungen ist, auch. Nur rund 150 Zuschauer sitzen am Dienstagnachmittag unter dem Zeltdach. Dabei wäre auch unter Corona-Bedingungen Platz für 350 Leute gewesen. So leer war es wohl noch nie bei der ersten Aufführung. Beim Schlussapplaus klatscht das Publikum aber so begeistert, dass man glatt denken könnte, die Reihen seien voll besetzt.

Und das aus gutem Grund: Für knapp zwei Stunden konnten die Gäste im Amphitheater ihre Sorgen vergessen und sich in eine Märchenwelt entführen lassen. Lob an Autor Jan Radermacher, der mit vielen witzigen Einfällen punkten kann. Zum Beispiel als ein Baum die Brummgeräusche des zum Bär verwandelten Prinz Tristan dolmetscht. Oder als sich die Geschöpfe des Waldes auf einen Protestzug begeben und skandieren: „Wir sind der Wald“. Die Demonstranten fürchten sich davor, von Menschen „überfremdet“ zu werden.

Kostüme sind ein Hingucker

Ein echter Hingucker sind wie immer die Kostüme von Ulla Röhrs. Während die vier Protagonisten (das weibliche und das männliche Geschwisterpaar) in sehr schlichter aber plakativer Robe daherkommen, überwältigen die magischen Gestalten des Waldes die Zuschauer mit aufwendigen, ornamentalen Details. Und als Prinz Tristan vom garstigen Zwergenkönig in einen Braunbär verwandelt wird, gleicht der eher einem plüschig-tapsigen Riesenteddy als einem gefährlichen Raubtier.

Übellaunig und hinterlistig: Der Zwerg Gorm (Barbara Krabbe) zeigt wenig Dankbarkeit.

Kristina Willmaser überzeugt als zaghaftes Schneeweißchen, das im Lauf der Geschichte seine mutige Seite entdeckt. Großen Spaß macht es zum Beispiel, als sie den eitlen Prinz Tristan mit ihrem kleinen roten Knirps-Schirm k. o. schlägt. Annalisa Stephan gibt das übermütige Rosenrot, das immer auf der Suche nach dem Abenteuer ist. Die beiden ergänzen sich perfekt, auch stimmlich: Die zweistimmigen Gesangsduette der Schwestern gehen unter die Haut, wenn auch die Akustik im Amphitheater den Gesangsleistungen leider nicht immer ganz gerecht wird. Ihre Gegenparts erhalten die Schwestern in den Prinzenbrüdern Eugen (Marcus Abdel-Messih) und Tristan (Florian Rast), der eine schüchtern und belesen, der andere ein echter Draufgänger. Und entgegen des trotzigen Songtexts „Gegensätze ziehen sich überhaupt nicht an“ finden diese Gegenparts dann doch zusammen. Nachdem die vier Helden nach einer Geschichte voller Kurzweil sowie vielen Musik- und Tanzeinlagen endlich beide Kronen der Eintracht vereint haben, regiert der schüchterne Eugen mit Rosenrot das Königreich und Tristan eint mit dem zarten Schneeweißchen den Zauberwald. Denn „Magie“, so lehrt uns der Ohrwurm im irischen Riverdance-Sound, gibt es nicht nur im Zauberwald. Sie „ist Teil von dieser Welt und auch ein Teil von dir“.

Herausragend ist der Part des Zwergenkönigs Gorm, gespielt von der kernigen, gesangsstarken Barbara Krabbe. Behäbig, übellaunig und hinterlistig schimpft er auf die Menschen, die er abfällig „Nacktbacken“ nennt. Seine zischenden Gespräche mit einem imaginären Gegenüber amüsieren. Sie erinnern sicher nicht zufällig an den niederträchtigen Gollum aus der Verfilmung der „Herr-der-Ringe“-Saga.

In Sicherheit: Schneeweißchen (Kristina Willmaser) und Rosenrot (Annalisa Stephan) suchen Zuflucht in der heimischen Hütte von Mama Nann.

Detlev Nyga hinterlässt Eindruck in einer Nebenrolle: Als unbarmherziger König Ivar von Donnerhall versucht er, die Einheit der beiden Reiche zu verhindern – bis er durch einen Zauber in eine surrende Waldelfe verwandelt wird. Der Wandel in Nygas’ Spiel, hier bedrohlicher Regent, dort zappelige Witzfigur, gelingt fantastisch. Zum neunköpfigen Ensemble gehören neben Nyga drei weitere Urgesteine der Festspiele: Benedikt Selzner und Nadine Buchet amüsieren als Waldgeister und Claudia Brunnert gibt die kräuterkundige Mama Nann, Pflegemutter von Schneeweißchen und Rosenrot. Fazit: Das kunterbunte Spektakel für die ganze Familie ist den Besuch auch unter Corona-Bedingungen definitiv wert. (Von Mirjam Fritzsche und Christine Semmler)

Weitere Infos

Wählen Sie Ihren Lieblingsschauspieler der diesjährigen Festspielsaison. Sie können bis zum 23. August, 18 Uhr, für den Publikumspreis, vergeben vom HA und den Festspielen, abstimmen.

» hanauer.de/festspiele

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