140 Quadratmeter gegen das Vergessen

Begegnungsstätte am Heumarkt zum Gedenken an die Opfer des 19. Februar

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Die große Fensterscheibe gibt den Blick auf Krämerstraße und Heumarkt frei, einen der Orte des Attentats vom 19. Februar. An den Scheiben hängen die Illustrationen der Opfer. Die Hemmschwelle einzutreten, ist durch den von außen möglichen Blick nach innen gering.
Seda Ardal ist bei der Initiative 19. Februar

Von Kerstin Biehl Hanau – Der Blick durch das riesige Schaufenster gibt die Sicht auf den Heumarkt frei. Den Ort, an dem am 19. Februar das Attentat von Hanau verübt wurde. In den großzügigen Erdgeschossräumen, die früher einen Sexshop beheimateten, wurde vor einer Woche der Begegnungsraum der Initiative 19. Februar eröffnet. „Wir haben Glück gehabt mit den Räumen“, sagt Seda Ardal. Die 30-Jährige sitzt mit einer Tasse Tee auf der einladend wirkenden Samtcouch in einer Ecke des 140 Quadratmeter großen Raums. Seit einer Woche ist er Anlaufstelle für Trauernde, Begegnungs- und Gedenkraum. „Wir haben von vielen Angehörigen gehört, dass sie unseren Raum als neues Zuhause ihrer Töchter und Söhne wahrnehmen. Wenn sie hier sind, dann haben sie das Gefühl, sie sind zu Besuch bei Ihnen“, beschreibt die junge Frau. 

Einige Angehörige der Opfer seien mittlerweile so fest mit der Initiative verwachsen, dass sie bereits dazu- gehörten. Seit Anfang April hat die 15-köpfige Gruppe um Ardal den Raum renoviert. Schon zu dieser Zeit stand die Tür stets offen – und die Menschen kamen. Die riesige Fensterfläche, die auch den unverhüllten Blick von außen nach innen erlaubt, scheint Hemmschwellen zu nehmen. An dem großen Schaufenster hängen Illustrationen der Opfer. Auch das Logo der Initiative 19. Februar ist angebracht. Passanten erkennen direkt, worum es hier geht: um Begegnung, Beratung und Vermittlung. 

Seda Ardal: „Wir wollten diese schreckliche Tat nicht so stehen lassen“

Viele der Ehrenamtler kommen aus dem psychosozialen Bereich und der Traumapädagogik. „Es ist immer jemand von uns hier, sieben Tage die Woche von 12 bis 18 Uhr und zusätzlich nach Bedarf“, sagt Ardal. „Alle Betroffenen und Angehörigen können sich hier treffen, sollen sich hier wohlfühlen, können hier miteinander sprechen, können sich kennenlernen.“ Viel Positives werde der Initiative seitens der Angehörigen der Opfer und deren Freunden entgegengebracht. „Freundinnen und Verlobte der Opfer sagen uns zum Beispiel, wie schön es sei, dass sie sich hier kennengelernt hätten, dass sie sich austauschen können, dass sie sich wortlos verstehen, gar nichts erklären müssen“, erzählt die Ehrenamtlerin.

Auf den Aufklebern stehen die Namen der Opfer. Sie sind im Begegnungsraum erhältlich und sollen gegen das Vergessen fungieren.

 „Wir wollten diese schreckliche Tat nicht so stehen lassen und wollten diese Stadt nicht der Trauer und der Angst überlassen, sondern wollten verändern, das Stadtbild prägen. Wir kümmern uns ja auch um die niedergelegten Blumen und um die Kerzen, auch um die am Grimmdenkmal auf dem Marktplatz“, so Ardal. Daraus sei der Wunsch nach einem festen Ort, einem Platz, der bestehen bleibt, entstanden. „Denn die Blumen und Kerzen werden vielleicht irgendwann verschwinden“, glaubt sie. Was weniger schnell verschwinden wird, sind die von der Initiative entwickelten Aufkleber, auf denen die Namen der Opfer prangen. Sie zieren mittlerweile das Stadtbild. „Es sollen noch viel mehr werden. Denn die Namen dürfen nie vergessen werden“, sagt Ardal, während sie einem Gast im Gedenkraum die Kiste mit den Aufklebern zeigt. Man kann sie kostenfrei mitnehmen, um die Stadt damit zu bekleben. So, wie es ein Freund eines Opfers macht, der hereinkommt, kurz mit Ardal spricht, sich ein paar Aufkleber nimmt und wieder geht. Der Gedenkraum soll einen geschützten Rahmen und ein Zuhause zu geben. 

Gedenkveranstaltungen an jedem 19. des Monats sowie an den Geburtstagen der Opfer

Um möglicherweise auch eine Anlaufstelle zu haben, die nicht ganz so belastet wie der Besuch auf dem Friedhof. Doch der richtige Entstehungsprozess dieses Raumes beginnt erst jetzt. Das Team der Initiative ist offen für alles und sagt: „Die Angehörigen haben das letzte Wort, sie sind die Entscheidungsträger.“ Zu jedem 19. im Monat ist künftig eine Erinnerungsveranstaltung geplant. Genauso wie zu den Geburtstagen der Opfer. Möglich gemacht werden sollen zudem Filmabende, Kochabende oder Sprachkurse für Kurdisch. Alles ohne religiösen Hintergrund. 

Der Raum finanziert sich komplett über Spenden. 2500 Euro muss die Initiative monatlich für die Ladenmiete aufbringen. Das Geld wird über eine Spendenkampagne akquiriert. Der Raum ist auf drei Jahre angemietet, 90 000 Euro Miete sind dafür fällig. „Wir haben jetzt schon ein Viertel des Geldes zusammen“, sagt Ardal. Doch was genau passiert nun, betritt ein Gast den Gedenkraum? „Wir lassen den Leuten erstmal Zeit. Sie schauen sich um. Meist setzen sie sich dann hin und fangen ganz von alleine an zu erzählen, öffnen sich sehr schnell. Zum Beispiel berichten sie, in welchem Verhältnis sie zu dem Opfer standen. Verwandte, Freunde, auch schon Lehrer waren hier“, sagt Ardal.

Gedanke werde gut angenommen - auch trotz Corona

Nun sind die Ehrenamtler im Gedenkraum natürlich nicht alle ausgebildete Psychologen, Sozialarbeiter oder Therapeuten. Ardal beispielsweise verdient als Autorin ihr Geld. Wie klappt es, dass sich die Menschen hier dennoch aufgehoben fühlen? Dass Gespräche entstehen? „Die Psychologen oder Sozialarbeiter in unserem Team können sich, besteht Bedarf, in einen separaten Raum mit den Angehörigen zurückziehen. Generell ist hier aber eine positive Stimmung, wir lachen hier auch viel. Aber manchmal kippt es natürlich, und dann fließen auch Tränen. Deshalb versuchen wir auch untereinander füreinander da zu sein, aufeinander aufzupassen und besprechen uns auch im Team.“ 

Ein Ort des Erinnerns soll der Begegnungsraum sein. Die Menschen kommen herein, schauen sich um und fangen meist ganz alleine an zu reden.

Trotz der derzeitigen Einschränkungen durch Corona werde der Gedenkraum sehr gut angenommen. „Weil manches jetzt nicht geht, nutzen wir momentan sehr viel die Social-Media-Kanäle. Außerdem haben wir sehr kreative Leute in der Initiative, Filmemacher, Schreiber, Designer. Wenn man sich physisch gerade nicht versammeln kann, dann machen wir es eben medial!“ 

 

 

Die Initiative 19. Februar 

Nach den rassistischen Morden in Hanau am 19. Februar haben sich 15 Hanauer auf Mahnwachen, Kundgebungen und Beerdigungen ehrenamtlich zusammengetan und beschlossen, dafür zu sorgen, dass die Namen der Opfer nicht vergessen werden dürfen. Unter dem Hashtag #saytheirnames haben sie dafür in den sozialen Netzwerken geworben und sich schließlich zur Initiative 19. Februar zusammengetan. Damit sollen Solidarität und der Forderung nach Aufklärung und politischen Konsequenzen ein dauerhafter Ort gegeben werden. Die Initiative möchte direkte Unterstützung für Betroffene bieten, Kontakte zu Rechtsberatung und erfahrenen Anwälten vermitteln, aber auch psychologischen Beistand leisten. Auch möchte die Initiative gegen Rassismus kämpfen. 

„Wir schaffen einen Raum des Vertrauens. Wir wollen politische Solidarität und Sichtbarkeit. Wir stehen für die Gesellschaft der Vielen. Hanau ist unsere Stadt, unser Zuhause. So ist es, und so wird es bleiben. Hier sind die Angehörigen, Familien und Freunde der Opfer und Verletzten. Sie müssen gehört werden. Die nächsten Wochen, Monate und Jahre werden wir uns gegenseitig Halt geben. Und dafür sorgen, dass Konsequenzen gezogen werden – und dass nichts vergessen wird“, schreibt die Initiative 19. Februar über ihre Funktion. kb

Mehr Infos finden sich auf der Website der Initiative.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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