Probleme bleiben dennoch

Beim Innenstadt-Umbau ist für Blinde viel passiert

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Ein Leitsystem für Sehbehinderte und Blinde wurde im Zuge des Innenstadt-Umbaus an etlichen neuralgischen Punkte wie hier an den Bushaltestellen auf dem Freiheitsplatz installiert. Silvia Schäfer und Andreas Schild zeigen, wie es funktioniert.  

Hanau - Wie kommt man als Sehbehinderter oder Blinder in der Innenstadt zurecht? Welche Barrieren tun sich auf, wenn man bei einem Arztbesuch der deutschen Sprache nicht mächtig ist? Solchen und anderen Hürden im Alltag gehen wir in loser Folge in einer neuen Serie nach. Von Christian Spindler 

Wir stellen Menschen vor, die diese Hürden bewältigen müssen und zeigen auch, welche Hilfen ihnen zuteil werden. „Gleich wird´s tückisch“, sagt Silvia Schäfer, verlangsamt ihren Schritt und lässt ihren Blindenstock noch aufmerksamer im Halbkreis vor sich über den Boden pendeln. Der Stock ist quasi ihr Sinnesorgan, denn Silva Schäfer muss ertasten, wohin sie geht. Sie ist praktisch blind, hat nur noch ein Prozent Sehvermögen. Die Strecke, die wir beim Ortstermin laufen, kennt sie. Sie ist Teil ihres Wegs zur Arbeitsstelle. Und sie kennt die tückischen Stellen: etwa in der Römerstraße, wo Geschäfte auf dem Gehweg Werbereiter aufgestellt haben. Was für Sehende allenfalls ein Ärgernis ist, weil sie drumherum laufen müssen, kann für Sehbehinderte und Blinde zur gefährlichen Stolperfalle werden. Ob in der Nürnberger Straße oder in der Rosenstraße - wir werden beim weiteren Rundgang an etliche tückische Stellen kommen. „Wenn die Werbetafeln wenigstens in einer Linie und nicht versetzt stehen würden, wäre schon viel geholfen“, sagt Schäfer.

Es sind Werbereiter, Tische und Kleiderständer vor Läden, aber auch das Auto, das vor der Hauptpost mitten auf dem Gehweg parkt, die für Menschen wie Silvia Schäfer und Andreas Schild, der beim Rundgang dabei ist, zu Hürden im Alltag werden.

Oft ist es Unachtsamkeit oder fehlendes Wissen, das dazu führt, dass Sehbehinderten und Blinden der Weg versperrt ist.

Eigentlich sei die Situation nach dem Innenstadt-Umbau für Sehbehinderte und Blinde in Hanau „richtig gut“, sagt Schäfer. „Es ist viel gemacht worden“, pflichtet Schild bei. Muss auch. Denn wo neue Bushaltestellen oder Überwege angelegt werden, sind die Kommunen gesetzlich verpflichtet, auch Hilfen für Sehbehinderte oder Blinde zu installieren. Und weil in Hanau viel erneuert wurde, gibt es auch viele solcher Hilfen. Zum Beispiel so genannte Aufmerksamkeitsfelder an potenziellen Gefahrenpunkten. Helle Pflastersteine mit Rillen, in denen der Blindenstock von Silvia Schäfer gleitet. Die Rillen geben die Richtung vor, Noppenfelder weisen auf neuralgische Punkte hin. So ein Leitsystem ermöglicht es Blinden, auch schwierige Übergänge wie etwa zur Bushaltestelle auf dem Kreisel am Kanaltorplatz zu bewältigen.

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Zudem gibt es an vielen Ampeln akustische Signale, die zum einen auf die Ampel an sich hinwiesen; zum anderen kann mit einem verdeckten Knopf ein weiteres Akustik-Signal angefordert werden, das anzeigt, wann Grün ist.

Es ist beeindruckend, wie sicher Silvia Schäfer und Andreas Schild auch solche vermeintlich schwierige Situationen mit viel Verkehr und mehreren Überwegen wie am Kanaltorplatz meistern. „Hier kenne ich mich auch aus“, sagt Schäfer, andernorts tue sie sich viel schwerer. Erst recht, wenn Orientierungshilfe fehlen, wie zum Beispiel vielfach am Hanauer Hauptbahnhof.

Silvia Schäfer ist Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hanau, der hier 190 Mitglieder zählt, 40 davon fördernde. Wie viele Sehbehinderte und Blinde es in Deutschland gibt, weiß man nicht genau. Sie werden nicht erfasst. Schätzungen sprechen von 1,2 Millionen. Andreas Schild, der immerhin Hell-Dunkel-Kontraste wahrnehmen kann, gehört zum Leitungsteam der Bezirksgruppe. Vor dem City-Umbau sei die Bezirksgruppe angehört worden, berichtet er, es gab auch Begehungen. Und auf Anfragen und Vorschläge, etwas zu ändern, werde von der Stadt „in der Regel rasch reagiert“, lobt Schäfer. Und vielleicht wird auch eine Änderung umgesetzt, die Schäfer und Schild für die neuen, mit elektronischen Anzeigetafeln ausgestatteten Bushaltestellen vorschlagen. Dort können Blinde und Sehbehinderte mittels Knopfdruck zwar eine Fahrplanansage abrufen. „Die ist aber viel zu lang und verwirrend“, sagen Schäfer und Schild, während sie die Funktionsweise an der Marktplatz-Haltestelle demonstrieren.

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Oft ist es aber die Achtlosigkeit von anderen, die für Sehbehinderte und Blinde zur Hürde wird - zum Beispiel beim Leitsystem. „Viele denken einfach nicht daran, oder sie wissen gar nicht, was das ist“, sagt Schäfer. Offenbar weiß auch ein Gastronom am Freiheitsplatz nicht um die Rillensteine, die für Blinde wichtige Orientierung sind. Jedenfalls hat er die große Hinweistafel seines Lokals mitten auf das Leitsystem platziert. Es sind solche Dinge, Gefahrenpunkte für Sehbehinderte oder Blinde, auf die Schäfer und Schild hinweisen. Sie wollen aufmerksam machen, damit hie und da etwas für Menschen mit Handicaps verbessert wird, damit Hürden abgebaut werden, wo es notwendig ist. Das ist schon viel. „Denn wir wollen ja gar nicht“, sagt Silvia Schäfer, „dass sich alles nur um uns dreht.“

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