Beim „Memory“ im Vorteil

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Was Buchstaben und Ziffern bedeuten, lehrt die Volkshochschule in ihren Alphabetisierungskursen, dem Schwerpunktthema des kommenden Semesters, das Stadtrat Dr. Ralf-Rainer Piesold und VHS-Chefin Elke Hohmann gestern vorstellten.

Hanau ‐ Im Bildersuchspiel „Memory“ hat Hildegard Kaschuba-Karl gegen die Teilnehmer ihres Volkshochschulkurses keine Chance. Die Kursleiterin bringt Erwachsenen das Lesen und Schreiben bei. Von Erwin Diel

Wer sich als Analphabet durchs Leben schlängelt, der hilft sich statt mit Buchstaben und Ziffern mit Bildern und Symbolen, sagt Kaschuba-Karl. Das trainiert die fürs „Memory“ wichtige Merkfähigkeit. Im häuslichen Alltag und im Beruf sind Analphabeten klar im Nachteil. Sie können keinen Busfahrplan studieren, kein Fernsehprogramm, keine Gebrauchsanweisung und keinen Beipackzettel zur Pillendose. Lesen und schreiben lernen ist das Schwerpunktthema der VHS im Frühjahrs- und Sommersemester, das am 7. Februar beginnt. Gestern stellten Stadtrat Dr. Ralf-Rainer Piesold und VHS-Leiterin Elke Hohmann gemeinsam mit Mitarbeitern das neue Programm vor.

Für die Zielgruppe der des Lesens und Schreibens Unkundigen, hätte sich das städtische Bildungsinstitut das 160-seitige Programmheft und den Internetauftritt sparen können. „Das sind wir auf Mundpropaganda angewiesen,“ sagt VHS-Chefin Hohmann. Rund 4 Millionen erwachsene Menschen in Deutschland können nach Schätzungen nicht ausreichende lesen und schreiben, fünf Prozent der Bevölkerung.

Mindestens drei Jahre fürs Lesen und Schreiben

Auf Hanau gerechnet wären das weit mehr als 4000 Personen. Die Volkshochschule hofft, dass auch Mitarbeiter von Behörden oder der Agentur für Arbeit für die Alphabetisierungskurse werben, Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn Betroffene auf die Kurse aufmerksam machen.

Mindestens drei Jahre brauche ein Erwachsener, um lesen und schreiben zu lernen. Die VHS lehrt in kleinen Gruppen von etwa acht Personen, die sich zweimal wöchentlich treffen. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen, alle Altersgruppen vertreten. Die Ursache für Analphabetismus seien vielfältig, sagt die Kursleiterin. Desolate Elternhäuser, häufige Umzüge und Schulwechsel, längere Krankheiten oder Heimaufenthalte sorgten dafür, das Menschen in ihrer Schulzeit durchs Bildungsraster fielen. Mittelstandskarrieren seien dabei, etwa Leute, die ein Haus gebaut haben.

Vier Alphabetisierungskurse laufen derzeit bei der VHS, die dieses Angebot schon seit mehr als 30 Jahren pflegt. Die Gruppen sind von ihren Eingangsvoraussetzungen und den Fortschritten der Teilnehmer sehr unterschiedlich, sagt Kaschuba-Karl. Bei Teilnehmern ohne oder mit wenig Deutschkenntnissen, die in eigenen Kursen unterrichtet werden, müssen manchmal erst Fingerfertigkeiten geübt werden. Frauen, die in der Türkei oder in Thailand nie eine Schule besuchten, müssten erst lernen, einen Stift zu halten. Trotzdem gebe es auch in diesen Gruppen „sensationelle Fortschritte“.

Teilnehmerzahlen sind stabil

Insgesamt bietet die Volkshochschule im kommenden Semester 720 Kurse. Die Fremdsprachen sind mit 218 Lehrgängen der größte der insgesamt sechs Programmbereiche, gefolgt von Kultur und Gestalten (143 Kurs), Gesundheit, (141), EDV, Arbeit und Beruf (120), Politik und Gesellschaft (71) sowie Schulabschlüsse und Grundbildung (13). Die „junge vhs“ und die Jugendkunstschule bieten 118 Kurse an. Das Angebot ist erstmals ins allgemeine Programmheft integriert. 320 Dozenten hat die VHS unter Vertrag, 20 mehr als im Vorsemester.

Die Teilnehmerzahlen sind nach Angaben der VHS-Chefin stabil. Deutliche Steigerungsraten meldet Michael Werner, der Leiter der Jugendkunstschule. Im zweiten Semester des vergangenen Jahres stiegen die Teilnehmerzahlen um 51 Prozent. Hier zahlten sich Werbeanstrengungen aus. Die Jugendkunstschule fährt eine Plakataktion in den HSB-Bussen und hat die Zusammenarbeit mit Schulen intensiviert. Teils werden Kurse nach speziellen Anforderungen der Schulen organisiert.

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