Künstler unter Druck gesetzt

Eklat um Kunstwerk im Rathaus-Foyer

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Die „Speakers´ Corner“ in der „Pupille-Ausstellung: Nachdem Stadtverordnete sich angeblich heftig darüber beklagten, wurde sie zwischenzeitlich verhüllt, jetzt ist sie wieder offen. 

Hanau - Was darf Kunst? Wie frei ist sie? Und: Gab es Druck aus der Politik auf einen Künstler und sein Werk bei der aktuellen Ausstellung der Hanauer Künstlervereinigung „Pupille“ im Foyer des Neustädter Rathauses? Von Christian Spindler

Um diese Fragen geht es im Zusammenhang mit der Ausstellung, die unter dem Motto„Alles muss raus“ steht. Der Klein-Auheimer Künstler Klaus-Jürgen Guth hat zu diesem Motto eine Installation beigesteuert: eine „Speakers´ Corner“ nach dem Vorbild aus dem Londoner Hyde Park. Dazu hat er zwei Türen zu einer „Kommuniktionstafel“ montiert, auf der Besucher schriftlich alles äußern können, was sie bewegt; alles, was eben mal raus muss.

Künstler fühlt sich unter Druck gesetzt

Die „Speakers´ Corner“, mit der sich Guth auf die Theorie der „Sozialen Plastik“ von Joseph Beuys beruft, veranlasste bereits bei der Vernissage am Sonntag voriger Woche einen Besucher zu einer heftigen Schimpftirade gegen die Rathaus-Politik (wir berichteten). Am Freitag folgte ein Eklat: Demnach sollen einige Stadtverordnete, mutmaßlich aus Reihen der SPD, gegen das Werk interveniert haben, weil auf der Tafel auch harsche Angriffe gegen Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) niedergeschrieben wurden. Künstler Klaus-Jürgen Guth fühlte sich offenbar massiv unter Druck gesetzt. Seine Reaktion: Er verhüllte einen Teil der Tafel und brachte eine schriftliche Erklärung dazu an. Das Werk habe „einige Stadtverordnete“ heftig „in Rage gebracht“, es habe „Einschüchterungsversuche und Androhung einer Anzeige“ gegeben.

Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck (SPD), selbst eine Förderin der Kunst in Hanau, sagte auf Anfrage sie habe „nichts von Einschüchterungsversuchen gehört“ und nannte Guths Reaktion einen „heftigen Vorwurf“. Wer die Stadtverordneten gewesen seien, die gegen die „Speakers´ Corner“ interveniert hätten, wisse sie nicht zu sagen.

Im Zuge unserer Recherchen ließ der auf der „Kommunikationstafel“ angegriffene Rathauschef über seine Referentin ausrichten, er bedauere die Verhüllung des Kunstwerks. Das Projekt sei durch die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst voll gedeckt. Die Referentin: „Der OB sieht das ganz entspannt“ - anders offenbar als besagte Stadtverordnete. „Einige haben da offenbar zu heftig reagiert“, räumt die OB-Referentin ein.

Tafel wieder ganz zu sehen

Gestern Mittag nach einem Telefonat des OB-Büros mit dem Künstler dann die Wende: Die teilweise Verhüllung und die Erklärung dazu wurden wieder entfernt. Der Künstler wurde dazu aber angeblich gar nicht befragt. Er will das Verhüllungstuch und die Erklärung nun zu Füßen der offenen Wand platzieren. Beides soll somit Teil des Kunstwerks werden.

Die „Pupille“-Ausstellung ist noch bis zum 26. April zu sehen, täglich von 14 bis 17.45 Uhr, an Markttagen bereits ab 10 Uhr.

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