HA-ADVENTSKALENDER: Wilhelms Liebesnest

Blick hinter die Tür der Burgruine im Staatspark Wilhelmsbad

Das runde Kabinett ist der hellste Raum im Erdgeschoss. Das winzige Gefäß in der Mitte war die einzige Waschgelegenheit und damit quasi das Badezimmer des 18. Jahrhunderts.
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Das runde Kabinett ist der hellste Raum im Erdgeschoss. Das winzige Gefäß in der Mitte war die einzige Waschgelegenheit und damit quasi das Badezimmer des 18. Jahrhunderts.

Hanau – Sie ist eine perfekte Attrappe: Jeder gebrochene Stein, jede schiefe Kante der Burgruine wurde akribisch vom Erbauer konstruiert. Erbprinz Wilhelm ließ die künstliche Ruine im Mittelalterstil um 1780 als persönlichen Rückzugsort und als Versteck für seine Liebeskapriolen errichten.

„Während seine Gemahlin Caroline von Dänemark im Schloss Philippsruhe saß, vergnügte er sich hier mit seiner Lieblingsmätresse Rosa Ritter“, erzählt uns Stadtführerin Ellen Gudath und öffnet uns die Tür zu den prachtvollen Gemächern. Innen ist die vermeintlich verfallene Burg so prunkvoll eingerichtet wie ein Schloss – nur im Miniaturformat. Zehn Jahre traf Wilhelm seine Liebste in der Mini-Burg und zeugte mit ihr acht Kinder. „Mit seiner Ehefrau hatte er nur vier“, berichtet Gudath schmunzelnd. Die Ehegatten waren von ihren Eltern bereits im Alter von acht und 14 Jahren versprochen worden, eine Liebe entwickelte sich nie.

Die Legende besagt, dass sich Diener auf den Dächern von Burg und Schloss Philippsruhe Zeichen gegeben haben sollen, sobald die Gattin eine Kutsche nach Wilhelmsbad nahm. „Rosa hatte dann noch genug Zeit, um durch eine Geheimtür nach draußen zu verschwinden.“

Von außen sieht das Gebäude aus wie eine alte, verfallene Burg.

Auf unserer kleinen Führung bewegen wir uns durch eine Innenarchitektur, die die Stauraumkünstler des großen schwedischen Möbelhauses neidisch machen würde. Auf kleinstem Raum ist alles vorhanden. Und jedes Zimmer beeindruckt mit feinster Seidentapete und einem Mobiliar nach neuster Fasson der 1780er Jahre. Nichts davon ist original: „Napoleon persönlich ließ alle Gegenstände in der Burg 1806 beschlagnahmen und schenkte sie seinem General“, erklärt Gudath. Den Rest besorgte der Nachbesitzer Alexander Friedrich von Hessen: Er nahm vom Edelholzfußboden über den Kaminsims bis zur Leuchte alles mit in sein Schloss in Rumpenheim.

Von 1983 bis 1999 wurde die Burg aufwendig restauriert. In dieser Zeit wurde die komplette Inneneinrichtung nachgebaut. Wir betreten das Schlafzimmer des Prinzen. Das mit grünem Samt bezogene Himmelbett ist kaum 1,80 Meter lang und nur 1,20 Meter breit. „Man schlief damals im Sitzen“, erläutert Gudath, „in der Angst, die inneren Organe würden zerquetscht“. Außerdem behielt man die Perücke auf, um die wenigen übrig gebliebenen Haare zu verbergen. Die Hygiene in dieser Zeit beschränkte sich auf ausgiebiges Pudern, Wasser war nur zum Erfrischen da und wurde in homöopathischen Dosen benutzt. Deshalb gibt es auch keine Waschgelegenheit in der Burg, nur eine sogenannte Athenienne im runden Kabinett, dem schönsten und hellsten Raum der Burg. Dabei handelt es sich um ein kunstvoll gefertigtes Tischchen, das einen sehr kleinen Wasserbottich beherbergte.

Gegen Flöhe und Läuse, die in Folge fast jeden plagten, drapierten Damen und Herren Flohfallen unter der Kleidung und im Haar. Sie waren mit klebrigem Harz und etwas Blut gefüllt.

Sein Geschäft erledigte der Prinz in einem tragbaren Toilettenstuhl. „Diener trugen ihn eben dort hin, wo der Erbprinz gerade war“, sagt Gudath.

Hinter einer Geheimtür im Treppengang offenbart sich diese Überraschung: Im versteckten Gewölbe sollen sich zu Zeiten Wilhelms Freimaurer getroffen haben.

Über eine schmale Treppe gelangt man ins Obergeschoss, in dem der Prinz Bälle abhielt und sich mit seinen Lieblingsgästen zum Pharao-Spielen traf. Der berühmte Maler Reinhold Ewald, der die Ruine mit weiteren fünf Männern zwischen 1945 bis 1972 bewohnte, hatte später hier oben sein Atelier.

Immer mit Taschenlampe: Ellen Gudath kennt die lichtarme Ruine wie ihre Westentasche.

Im Treppengang selbst befindet sich überdies eine sehr gut versteckte Tür, die zu einem noch geheimeren Ort führt, als es die Ruine ohnehin schon ist. „Zwei von Wilhelms Brüdern, Carl und Friedrich, sollen Mitglieder der Freimaurerloge gewesen sein“, berichtet Gudath. „Es heißt, dass sie hier geheime Treffen abgehalten haben.“ Wer jetzt neugierig ist, kann sich schon auf das Frühjahr freuen.

Ellen Gudath und ihre Kollegen bieten ab April (natürlich abhängig von der Corona-Lage) an den Wochenenden wieder öffentliche Führungen in das geheime Liebesrefugium des Erbprinzen Wilhelm an.

Von Christine Semmler

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