Tag der Jugend

Box-Gym Kesselstadt wurde hart von dem Terroranschlag und Corona getroffen: So sieht es heute dort aus

Sind im Jugendzentrum Kesselstadt mehr gefordert denn je: Trainer und Sozialarbeiter Antje Heigl und Davut Demir.
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Sind im Jugendzentrum Kesselstadt mehr gefordert denn je: Trainer und Sozialarbeiter Antje Heigl und Davut Demir.

Im Keller des Jugendzentrums K-Town liegt der prominente Mittelpunkt der Jugendsozialarbeit in Hanau: Der Trainingsraum des Box-Gyms. Nur noch drei Boxsäcke hängen dort zur Zeit, die blauen Matten am Boden sind mit silbernem Klebeband unterteilt. „Wir mussten die anderen Boxsäcke abhängen, um Platz zu schaffen“, sagt Trainer Davut Demir. Wegen des coronabedingten Hygienekonzepts hat sich einiges am Training der rund 120 jungen Leute im Alter von 10 bis Mitte 20 geändert.

Hanau – „Vieles, was den Boxsport ausmacht, geht aktuell nicht. Wir können überwiegend nur Konditions- und Technikübungen mit den Kindern und Jugendlichen machen“, sagt Antje Heigl, die als Sozialarbeiterin sowie Kinder- und Jugendtherapeutin zuständig für das pädagogische Boxangebot ist.

Das Jahr 2020 startete für das Box-Gym noch recht gut. Nach einem Spendenmarathon Ende vergangenen Jahres konnte die Zukunft des Box-Gyms auf weitere zwei Jahre gesichert werden. Die Stadt Hanau finanziert das Jugendzentrum zwar zu zwei Dritteln, die evangelische Kirche zu einem. Die 20 000 Euro jährlich hingegen für die Boxtrainer sowie für das Material müssen über Spenden und Sponsoring reingeholt werden. „Wir würden uns wünschen, dass wir nicht immer so viel Unsicherheit haben und um unsere Zukunft hier bangen müssen“, meinen Heigl und Demir dazu.

Corona und der Anschlag trafen die Arbeit des Box-Gym schwer

Doch dann kam nicht nur die Tragödie des rassistischen Anschlags in Hanau, sondern auch Corona. „Der Lockdown hat uns ziemlich überrascht, wir waren immer noch sehr mit dem Anschlag vom 19. Februar beschäftigt“, berichtet Heigl. Der rassistische Anschlag hat alle im Jugendzentrum hart getroffen. Nicht nur, dass viele der Opfer mit einigen der Jugendlichen befreundet oder verwandt waren. Auch einige der jungen Erwachsenen, die regelmäßig beim Box-Gym auf der Matte stehen, wurden bei dem Anschlag selbst verletzt. Trauer und Fassungslosigkeit waren bei allen groß. Und just in dem Moment, kaum vier Wochen nach der Tat, als die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen am meisten die Unterstützung der Trainer und Sozialarbeiter brauchten, kamen die Kontaktbeschränkungen wegen Corona hinzu. „Wir haben in dieser Zeit viel Kontakt per Telefon oder WhatsApp gehalten, aber das war kein Ersatz für die persönliche Nähe“, berichtet Antje Heigl nachdenklich, „Ich hatte immer irgendwie das Gefühl, nicht genug zu tun.“

Viele der Jugendlichen hielten die Situation kaum aus, trafen sich - trotz der Kontaktbeschränkungen - auf der Straße oder einer Wiese. Diese Ansammlungen wurden von der Polizei als Ordnungswidrigkeit geahndet. Die Polizei, die auch aufgrund des rassistischen Anschlags mehr Streife fuhr, hatte zu dieser Zeit einen schlechten Stand bei den jungen Leuten. „Viele von uns fühlten sich gegängelt durch die ständigen Passkontrollen. Auch ich hatte den Eindruck, dass die Polizei gerade hier in Kesselstadt besonders kontrolliert hat“, sagt Trainer Demir.

Teilnehmer des Box-Gym seien bei den Hygieneregeln sehr gewissenhaft

Doch nun geht es beim Box-Gym wieder langsam bergauf. Mitte Mai startete das abgespeckte Boxtraining, zunächst nur draußen und unter großem Sicherheitsabstand. Danach legten die Trainer und Sozialarbeiter der Stadt und dem Träger des Jugendzentrums, der evangelischen Kirche, ein Hygienekonzept vor. Seitdem ist auch wieder im eigentlichen Trainingsraum im Keller das Training möglich. Die Trainingsgruppen wurden halbiert, die Gruppenanzahl dadurch verdoppelt. Infolge dessen musste die Trainingszeit auch verkürzt werden, um die Mehrbelastung der Trainer einzugrenzen. Nun seien die Teilnehmer beim Box-Gym auch sehr gewissenhaft mit den Hygieneregeln: „Keiner der Jugendlichen will, dass das Training plötzlich nicht mehr stattfinden kann“, sagt Antje Heigl.

Neben dem Boxangebot werden im Jugendzentrum noch weitere Sozialarbeit wie Berufsberatungen und Hausaufgabenhilfen angeboten. Auch ein Schwimmkurs ist jüngst wieder gestartet. Allerdings ohne Nichtschwimmer. „Aufgrund der Abstandsregeln können wir seit zwei Jahrzehnten das erste Mal nicht das Schwimmen beibringen“, sagt Heigl. Nur sichere Schwimmer können im Kurs nun ihre Schwimmabzeichen machen. Das Schwimmangebot ist sehr beliebt. Nur zehn Euro kostet dort ein Schwimmkurs. Denn viele der Kinder und Jugendliche im Hanauer Stadtteil Kesselstadt leben von staatlicher Unterstützung.

Für die Zukunft hoffen Trainer Antje Heigl und Davut Demir darauf, dass es nicht zu einem weiteren Lockdown kommt. „Bei all dem Geschehen hilft, wie im Boxen, nur eines: Aufstehen, weiterkämpfen“, sagt Trainer Demir.

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