Bronze bei der Weltausstellung

Nach zähem Beginn setzt Jubiläumsausstellung in Steinheim auf den Neustart

Mithilfe eines Touchscreens kann man zu 42 besonderen, zumeist von Privatleuten zur Verfügung gestellten Exponaten die dahinter steckenden Geschichten aufrufen.
+
Mithilfe eines Touchscreens kann man zu 42 besonderen, zumeist von Privatleuten zur Verfügung gestellten Exponaten die dahinter steckenden Geschichten aufrufen.

Am Ende kann man gewissermaßen eigene Steinheimer Geschichten mitnehmen. Man kann unter 42 auswählen. Zum Beispiel die Geschichte von Henry John Kaiser. Der Sohn des Steinheimer Schusters und Amerika-Auswanderers Franz Kaiser (1842-1929) avancierte in den Vereinigten Staaten zu einem der bedeutendsten Unternehmer. Er baute im großen Stil Straßen, den Hoover-Staudamm, Frachtschiffe, produzierte Autos und übernahm das Unternehmen Willys-Overland („Jeep“).

Das Exponat zu dieser Geschichte ist eher unscheinbar. Es ist ein Porträtfoto Kaisers. 41 weitere Objekte sind in den großen Vitrinen gruppiert: Etwa ein altes Karneval-Zepter mit Narrenkopf, das Modell des historischen Fischerzunfthauses an der Brauhausstraße, ein Teil der Ankerkette des legendären Dampfschiffs Maakuh, das Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Main fuhr, aber auch eine Urkunde, die Steinheimer Bier bei der Weltausstellung 1867 eine Bronze-Auszeichnung bescheinigt.

Der Clou im dritten Raum der sehenswerten Ausstellung „700 Jahre Stadtrechte Steinheim“: Die Besucher können die zu einem Objekt gehörenden Informationen an einem Touchscreen abrufen und nach ihren Interessen individuell zusammenstellen. Dieser Ausstellungsteil ist ein Höhepunkt der von Kai Jakob kuratierten Schau. Der war kein guter Anfang beschieden. Wenige Tage nach der Eröffnung im vorigen Herbst kam der Lockdown. Die Besucherzahlen blieben zwangsweise äußerst überschaubar. Seit Kurzem gibt es aber auch in Schloss Steinheim einen Neustart.

Button aus dem Kaugummiautomaten

Wer den ersten der drei Ausstellungsräume betritt, dem fliegen erst mal deckenhoch auf blauen Wänden unzählige Schlagworte vor die Augen, die mit Steinheim verbunden sind: Johannisfeuer, Indagine, Gerichtslinde, Druckhaus, Maintor und und und. Begriffe, mitunter auch Zahlen, die zum Reden, Diskutieren und zum Fragen anregen. Mit dem „Raum der Kommunikation“, in dem außerdem etliche veritable Einzelobjekte stehen, hat Kai Jakob einen gelungenen Einstieg für einen Rundgang geschaffen. Hier soll man auch selbst aktiv werden: An einigen umfunktionierten Kaugummiautomaten kann man mittels Jetons, die zu einem kleinen Besucherpaket gehören, das man am Eingang bekommt, wählen, was man mit Steinheim verbindet. Als Belohnung spuckt der Automat einen Steinheim-Button aus. Zu dem Besucherpaket gehört außerdem ein Spiegel, der auf einer speziellen Erkundungsspur für Kinder gute Dienste leistet, die sich durch alle drei Räume zieht.

Raum 2 der Exposition ist gleichsam das historische Kernstück, ein „akademischer Raum“, sagt Kai Jakob. Zu entdecken gibt es auch hier eine Menge. Im Fokus stehen natürlich Urkunde und Wachssiegel vom 4. Dezember 1320, mit denen Gottfried IV. von Eppstein von König Ludwig IV. dem Bayern die Stadtrechte verliehen bekam. In der Steinheimer Jubiläumsausstellung ist freilich nur eine Kopie zu sehen. Das Original liegt im Bayerischen Staatsarchiv in Würzburg. Ausleihe unmöglich.

Mit den Stadtrechten wurden die Steinheimer seinerzeit zu freien Bürgern, verbunden mit Fischerei-, Markt- oder Zollrechten. „Es lag aber an ihnen, das Stadtrecht zu gestalten“, erläutert Kai Jakob. Der Historien-Raum beleuchtet aber noch mehr. Beim Rundgang zeigt Jakob beispielsweise einige Funde aus der Steinzeit, die die Anfänge der Besiedlung auf der heutigen Klein-Steinheimer Gemarkung dokumentieren.

Über die historische Entwicklung geben unter anderem eine ganze Reihe von großformatigen Ansichten Auskunft. Die älteste datiert von 1579.

Steinheim hatte einst großen Einfluss in der gesamten Region

Dass Steinheim einst in der gesamten Region „große Bedeutung und großen Einfluss“ (Jakob) hatte, mag man allein daran ermessen, dass zum Amt und Hochgericht Steinheim im 14. Jahrhundert 22 Ortschaften gehörten – von Dietesheim über Bieber bis Alzenau.

Woher stammt eigentlich der Name Steinheim? Auch das erfährt man bei einem Ausstellungsbesuch. Und dass er inhaltlich für Heimat und ein festes Haus steht, wie Kai Jakob auch in einer von den Städtischen Museen herausgegebenen und aufwendig gestalteten Begleitpublikation schreibt.

Aktionstag am Sonntag, 25. Juli

Im Jahre 1320 erwarben die Herren von Eppstein von König Ludwig dem Bayern für ihre Siedlung und Burg Steinheim die Stadtrechte. Die Altstadt nebst Stadtmauer gibt bis heute Zeugnis von der einstigen Vormachtstellung Steinheims in der Region. Anlässlich des Jubiläums zeigt das Museum in Schloss Steinheim die Sonderausstellung „700 Jahre Stadtrechte Steinheim: Identität, Geschichte, Objekte“. Sie ist samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Zum Rahmenprogramm gehört am kommenden Sonntag, 25. Juli, von 11 bis 17 Uhr ein Aktionstag mit Familienführungen, einer Ausstellungsrallye und Mitmachaktionen im Schlosshof. Zudem bietet der Heimat- und Geschichtsverein Turmbesteigungen an, und im Schlosshof sind unter anderem Flohmarktstände aufgebaut. Ab 14.30 Uhr spielen Musiker der Neuen Philharmonie Frankfurt, und auch kulinarisch wird einiges geboten.

Weitere Infos zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm im Internet. » museen-hanau.de

Nachdem zum Steinheimer Stadtrechtsjubiläum 2020 wegen der Corona-Pandemie praktisch alle Veranstaltungen abgesagt werden mussten und auch heuer die geplanten Großveranstaltungen wie ein Festzug oder ein Mittelaltermarkt nicht stattfinden können, steht immerhin fest, dass die gelungene Ausstellung bis Ende 2022 zu sehen sein wird. Denn im geschichtsträchtigen Hanauer Stadtteil steht im kommenden Jahr ein weiteres Jubiläum an: 800 Jahre Schloss Steinheim.

(Von Christian Spindler)

An die lange Tradition der Zigarrenherstellung in Steinheim erinnern einige Objekte.
Im Fokus stehen Urkunde und Siegel zur Stadtrechtsverleihung 1320.
An Automaten kann man wählen, was man mit Steinheim verbindet.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare