Zuschauer begeistert

Brüder-Grimm-Festspiele: „Der zerbrochne Krug“ mit Spannung, Witz und erstklassiger Besetzung

Soll eigentlich richten, muss sich nun aber nach allen Seiten verteidigen: Dorfrichter Adam (Hartmut Volle, Mitte), aufmerksam beäugt von Gerichtsschreiber Licht (Dieter Gring, rechts) und dem geschniegelten Gerichtsrat Walter (Christopher Krieg, links).
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Soll eigentlich richten, muss sich nun aber nach allen Seiten verteidigen: Dorfrichter Adam (Hartmut Volle, Mitte), aufmerksam beäugt von Gerichtsschreiber Licht (Dieter Gring, rechts) und dem geschniegelten Gerichtsrat Walter (Christopher Krieg, links).

Bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau wird Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ aufgeführt. Die Premiere kam bei den Zuschauern hervorragend an.

Da liegt er nun in seinem Bette, von schlimmen Träumen geplagt, der Dorfrichter Adam. Wälzt sich herum, das Hemd verrutscht, stöhnend, verletzt an Kopf und Beinen – bis er auf den Boden fällt, den Zuschauern fast vor die Füße. Schon der Auftakt zu Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“, am Freitagabend als zweite Premiere im Reigen der Brüder-Grimm- Festspiele aufgeführt, verheißt Spannung.

Und dieser Spannungsbogen in dem von Intendant Frank-Lorenz Engel inszenierten Stück hält an bis zur letzten Sekunde.

Inszenierung orientiert sich eng an der Vorlage

Krimi, Drama, Psychostudie, Lustspiel, Poetry Slam -–ein eindeutiges Etikett lässt sich Kleists Geschichte um einen in moralische Nöte geratenen Dorfrichter nicht anheften. Auch die eng an der klassischen Vorlage orientierte Inszenierung bietet von allem etwas. Vor allem aber ist sie bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzt, was das Zuschauen zu einem großen Vergnügen macht.

Der Dorfrichter Adam (grandios verkörpert in seiner tumben Durchtriebenheit von Hartmut Volle) hat zunächst die Sympathien auf seiner Seite. Scheint der arme Mann doch völlig aus der Bahn geworfen. Ausgerechnet heute muss der Gerichtsrat Walter auftauchen (Christopher Krieg im schicken gelben Anzug), um die Rechtsprechung in Husum unter die Lupe zu nehmen. Dabei hat Adam genug damit zu tun, seine nächtliche Schandtat zu vertuschen.

Drama um Richter entwickelt sich rasant

Er war, und das wird erst zum Schluss des Stückes klar, in der Nacht zuvor in der Kammer von Eve (Katja Straub). Ob er die junge Frau bedrängt oder gar sexuell belästigt hat, bleibt offen. Als Eves Verlobter Ruprecht (Florian Rast) auftaucht, bringt sich der Richter mit einem Sprung aus dem Fenster in Sicherheit und verliert dabei seine Perücke – und seine Glaubwürdigkeit.

Es geht um die Ehre ihrer Tochter: Vor Marthe Rulls (Barbara Krabbe) spitzer Zunge ziehen alle den Kopf ein. Auch der Vater des Angeklagten (Detlev Nyga) scheint ratlos.

Tags drauf nimmt das Drama seinen Lauf: Denn Adam muss nun, kahlköpfig und ohne Perücke, für deren Verschwinden er die abenteuerlichsten Ausreden ersinnt, den Fall des zerbrochnen Krugs im Beisein des Gerichtsrats verhandeln. Eines Krugs, der in Eves Kammer in der Nacht zu Bruch ging und nun von Eves Mutter Marthe Rull (überzeugend spitzzüngig und wortgewaltig: Barbara Krabbe) zum Prozessgegenstand gemacht wird. Wie Marthe das Gericht vom Wert ihres Kruges überzeugt, indem sie dessen Geschichte und die Zeichnungen auf jeder Scherbe detailgenau und ausführlich wiedergibt, ist grandios. Und längst hat der Zuschauer gemerkt, dass es hier weniger um den Krug geht, als um die Ehre der Tochter.

Wortspiel und Sprachwitze bei den Brüder-Grimm-Festspielen

Bei Marthe Rulls Auftritt kommt Kleists Lust am Wortspiel und Sprachwitz besonders zum Ausdruck. Doch Dorfrichter Adam bleibt davon unbeeindruckt. Wäre nicht der Gerichtsrat Walter anwesend (von Christopher Krieg trefflich korrekt und süffisant gespielt), wäre die Sache schnell erledigt und Eves Verlobter Ruprecht (Florian Rast) als vermeintlicher Täter ausgemacht und verurteilt.

Doch Adams plump-komische Versuche, den Gerichtsrat zu täuschen, beleidigen dessen Intelligenz. Zudem bastelt der Gerichtsschreiber Licht (Dieter Gring köstlich hinterfotzig) intrigant an der eigenen Karriere und stellt Adam bloß.

Dass Eve schweigt, weil sie vom Richter erpresst wird, erschwert die Aufklärung. Erst als Frau Brigitte (Andrea Wolf) in den Zeugenstand tritt, die den Teufel gesehen haben will, die Perücke herbeibringt und von Spuren spricht, die zu des Richters Haus führen, bricht Eve ihr Schweigen.

Thematik gerade heutzutage aktuell

Der Stoff, den Frank-Lorenz Engel im Rahmen der Reihe „Grimm Zeitgenossen“ auf die Bühne bringt, ist ungebrochen aktuell. Kleist hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die Kluft zwischen dem Idealbild einer nach Gerechtigkeit strebenden Justiz und deren Korrumpierbarkeit zum Gegenstand seines Dramas gemacht. Die Frage „Bin ich bereit, einen eigenen Fehler einzugestehen, auch wenn mich das um Kopf und Kragen bringt?“, beschäftigt nicht nur Richter, Politiker und Manager. Die Frage nach dem eigenen moralischen Kompass begegnet uns immer wieder. Im Lichte der Me-too-Debatte bekommt der Stoff noch eine ganz andere Bedeutung. Zwar bleibt bei Kleist die vermutliche sexuelle Nötigung unausgesprochen, aber der Richter erhält zum Schluss seine gerechte Strafe, die Ehre Eves ist wiederhergestellt.

Abstimmen für Publikumspreis

Wählen Sie ihren Lieblingsschauspieler der diesjährigen Festspielsaison. Sie können bis zum 23. August, 18 Uhr, für den Publikumspreis, vergeben vom HA und den Festspielen, abstimmen. Hier geht‘s zur Abstimmung.

Für eine zum Schmunzeln anregende Atempause im spannenden Gerichtskrimi sorgt zwischendrin ein mit Samba-Klängen untermalter Auftritt der beiden Dienstmägde des Dorfrichters, Annalisa Stephan und Marina Lötschert. Sie tänzeln zum Servieren herein und verabschieden sich mit einem gekonnten Hüftschwung. Ein wahrhaft rundum großes Vergnügen für die Zuschauer, die bei der Premiere die Aufführung gebührend bejubelten.

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