Wenn der soziale Kontakt fehlt

Corona in Hanau: Wie funktioniert die Nachbarschaftshilfe in der Krise?

Telefonisch halten Günter Rost und sein Team den Kontakt zu den fast 400 Mitgliedern der AiA. 
+
Telefonisch halten Günter Rost und sein Team den Kontakt zu den fast 400 Mitgliedern der AiA.

Wie funktioniert Nachbarschaftshilfe in Zeiten von Corona? In erster Linie über das Telefon.

  • Viele Menschen leben aufgrund der Coronavirus-Pandemie in Einsamkeit
  • Soziale Kontakte liegen aufgrund der Krise auch in Hanau brach
  • Über das Telefon bleibt die Nachbarschaftshilfe mit ihren Mitgliedern in Kontakt

Hanau – Günter Rost, Vorsitzender der Nachbarschaftsinitiative „Aktiv in Auheim“, hat mit seinem Büroteam seit Anfang April nahezu alle der rund 400 AiA-Mitglieder in Großauheim und Wolfgang kontaktiert. Nahezu täglich griffen er und seine Mitstreiter im Büro an der Haggasse zum Telefonhörer. In durchschnittlich 15-minütigen Gesprächen schilderten die Senioren ihre Sorgen, Nöte und Bedürfnisse. „Wir haben 85 Prozent aller Mitglieder erreicht“, bilanziert Rost. Viele von ihnen fühlen sich in der Krise isoliert.

Coronavirus in Hanau: Alle Termine wegen der Krise abgesagt

Seit 14. März sind alle Termine im ansonsten gut gefüllten AiA-Jahreskalender abgesagt. Das monatliche Frühstück am 13. März war die letzte Veranstaltung. Ein geplantes Gespräch mit Bürgermeister Axel Weiss-Thiel am gleichen Tag sei coronabedingt abgesagt worden.

Neun Wochen sind seither vergangen, die sozialen Kontakte der Mitglieder liegen brach. „Es ist eine schwierige Situation“, sagt der AiA-Vorsitzende. Gemeinsam mit der Evangelischen Gemeinde habe die AiA eine Einkaufshilfe angeboten. „Das wurde jedoch kaum nachgefragt.“ 80 Prozent der Mitglieder haben Kinder, Verwandte oder Bezugspersonen, die für sie eingekauft haben. „Dass die Kinder sich um ihre Eltern kümmern, finden wir prima und wollen uns da mit unserem Einkaufsangebot auch nicht einmischen“, sagt Rost. „Dass Jung und Alt auseinanderstreben, konnten wir für Großauheim und Wolfgang so nicht feststellen.“ Der Zusammenhalt in den Familien existiere nach wie vor, gerade in diesen schwierigen Zeiten.

Hanau – Nachbarschaftshilfe in der Corona-Krise: „Die AiA-Mitglieder waren alle sehr froh“

Und dennoch: „Die AiA-Mitglieder waren alle sehr froh, dass wir mit ihnen Kontakt aufgenommen haben.“ Gerade die Osterzeit sei für viele Mitglieder problematisch gewesen, es hätten die persönlichen Kontakte zu den Angehörigen gefehlt. Auch die Veranstaltungen und Zusammenkünfte des Vereins werden schmerzlich vermisst. „Der soziale Kontakt fehlt ihnen unheimlich“, stellt Rost fest. Vorbehaltlich der weiteren Entwicklung will die Nachbarschaftsinitiative deshalb ab 5. Juni wieder öffnen.

Für die Mitglieder hat Rost vom Großauheimer Nähkreis um Tanja Petry und Grit Stadler 100 Mund-Nasen-Masken organisiert. „50 Prozent unserer Mitglieder sind über 75 Jahre alt, wir haben viele 80- und 90-Jährige in unseren Reihen“, berichtet Rost. Aber: „Wir können die ältere Generation ja nicht einsperren und brauchen eine Strategie, wie zukünftig Veranstaltungen und Treffs stattfinden können.“ Er würde sich dabei auch Unterstützung seitens der Stadt Hanau wünschen, etwa in Form von Coronatests für die Aktiven. „Der Virus ist ja nicht aus der Welt, und wir können auch nicht warten, bis es einen Impfstoff gibt.“ Für Besuche im AiA-Büro möchte der Verein ein berührungsloses Fieberthermometer einsetzen.

Hanau in der Corona-Krise: Soziales Angebot der Nachbarschaftshilfe ist zum Erliegen gekommen

Rost hat das Gefühl, dass Initiativen wie seine und deren Bedeutung gerade für ältere Menschen nicht genug wahrgenommen werden und sieht Einrichtungen der Stadt wie den Krisenstab oder das Seniorenbüro in der Pflicht. „Es ist nicht damit getan, nur An- und Verordnungen der Stadt und des Landes zu verschicken“, ärgert sich Rost. „Es gibt zu wenig Kontakt und speziell für die Nachbarschaftsinitiativen auch keine Infos, wie es denn nun weiter gehen soll.“

Neben den geselligen Angeboten der AiA ist nämlich aus Angst vor einer Ansteckung auch das soziale Angebot – der eigentliche Zweck der 1998 gegründeten Nachbarschaftsinitiative – zum Erliegen gekommen. Mitglieder-Fahrdienste zu Arzt- und Massagebesuchen und Einkaufshilfen scheitern laut Rost am vorgegebenen Mindestabstand von 1,50 Metern.

Nachbarschaftshilfe in Hanau: Könnte ein „Corona-Bus“ helfen?

Der geschäftsführende AiA-Vorstand kommt ab und zu zur Lagebesprechung zusammen und macht sich dabei auch Gedanken, wie der Personenfahrdienst unter Einhaltung der Vorgaben aufrecht erhalten werden könnte. Ideal wäre aus Sicht des Vorsitzenden eine Art „Corona-Bus“ – ein Kleinbus mit Plexiglasscheibe zwischen Fahrer und Gästen, mit dem Mitglieder zum Arzt oder zum Einkäufen gefahren werden können.

In Hanau wurden die ersten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus gelockert. Einige Museen öffnen wieder. Das Besuchsverbot in Kliniken bleibt aber vorerst. Corona ist in der Region um Hanau, Darmstadt und Offenbach jedoch weiterhin präsent. Die aktuellen Corona-Zahlen für Hanau gibt es im News-Ticker.

VON HOLGER HACKENDAHL

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare