Menschen halten zusammen

Corona in Afrika: Die Hanauerin Manuela Müller berichtet von ihrem Alltag in Kenia

Keine Touristen, keine Spenden: Damit überhaupt Geld in die Kasse kam, hat der Zoo in Nairobi, in dem die vom Aussterben bedrohten Rothschild-Giraffen aufgezogen und später ausgewildert werden, die Bevölkerung aufgerufen, zu Besuch zu kommen. Auch Manuela Müller war mehrfach vor Ort.
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Keine Touristen, keine Spenden: Damit überhaupt Geld in die Kasse kam, hat der Zoo in Nairobi, in dem die vom Aussterben bedrohten Rothschild-Giraffen aufgezogen und später ausgewildert werden, die Bevölkerung aufgerufen, zu Besuch zu kommen. Auch Manuela Müller war mehrfach vor Ort.

Seit zehn Jahren lebt Manuela Müller aus Hanau in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia. Sie erlebt die Corona-Pandemie in der afrikanischen Metropole und berichtet von ihrem Alltag in der Pandemie.

Hanau/Nairobi – Es ist Dienstagnachmittag. Manuela Müller sitzt auf der Terrasse eines Cafés mitten in Nairobi. Es ist Sommer. Das Thermometer zeigt 28 Grad. Zehn Monate sind seit unserem letzten Video-Interview Anfang April vergangen. Damals berichtete die gebürtige Hanauerin von der aktuellen Situation in der Dreieinhalb-Millionen-Einwohner-Metropole.

Wir wollen wissen, wie es ihr heute geht, wie die zurückliegenden Monate waren und wie die aktuelle Corona-Situation vor Ort ist.

Kenia: Menschen halten sich an die Corona-Auflagen

„Die Cafés sind geöffnet, Restaurants und Geschäfte auch“, erzählt die 37-Jährige, während im Hintergrund Menschen kommen und gehen. Alle tragen Maske. Das sei Pflicht, sobald man das Haus verlasse und unterwegs sei, so Müller. Im März und April habe die Polizei die Corona-Auflagen noch überwacht, heute sei das nicht mehr nötig, fast alle Menschen hielten sich daran.

Müller hat nach ihrem Abitur an der Otto-Hahn-Schule Wirtschaftsinformatik in Darmstadt studiert. Schon während des Studiums engagierte sie sich in einer internationalen Studentengruppe, danach entdeckte sie die Welt. Polen, Kenia, London. Müller war in Schwellenländern wie Indien unterwegs, in Lateinamerika und eben auch in Ostafrika. Uganda, Ruanda, Tansania, Kenia.

Hanauerin berichtet: „Viele haben ihre Jobs verloren“

Hier lebt sie seit fast zehn Jahren, hat gemeinsam mit einer Freundin eine Unternehmensberatung gegründet. Müller und ihre sechs Mitarbeiter arbeiten Ostafrika-weit mit innovativen Start-ups in den Bereichen Energie- oder Wasserwirtschaft zusammen. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf allen Fragen rund um die Themen Unternehmenskultur und Personalwesen. Seit März sind Aufträge weggebrochen, andere hinzugekommen: Müller und ihr Team beraten verstärkt Vereine und Verbände und internationale Firmen. „Die kenianischen Unternehmen investieren aktuell kaum. Viele Menschen haben ihren Job verloren; Geschäfte und Büros stehen leer.“

Auf dem Weg nach Hause: Diese Jungen und Mädchen haben ihren Schultag für heute geschafft.

Schon im Frühjahr haben Zeitarbeiter und Tagelöhner die Stadt verlassen, sind zurück aufs Land gegangen. Hier hat fast jede Familie ein Stück Land. Es ist aktuell der Rückzugsort für viele. Eine einfache Hütte, selbst angebautes Essen und das wichtigste: kaum Kosten.

Nairobi: Ausgangssperre ab 22 Uhr seit März

Seit März gibt es ein nächtliches Ausgangsverbot im Land. Um 22 Uhr müssen die Menschen zu Hause sein, um 20 Uhr schließen die meisten Geschäfte. Es gibt Einschränkungen im Öffentlichen Personennahverkehr und in religiösen Gebäuden. Überall finden sich Handwaschstationen, wird auf die Einhaltung der Abstandsregeln hingewiesen. In der Öffentlichkeit herrscht ein Versammlungsverbot. „Hochzeiten und Beerdigungen sind auf 200 Personen beschränkt“, erzählt Müller, üblich seien sonst zwischen 400 und 1000 Menschen.

Bisher sind die rund 51 Millionen Kenianer gut durch die Krise gekommen, zumindest wenn man auf die Zahlen blickt. Rund 100 200 Corona-Fälle wurden seit März 2020 registriert, 1750 Menschen sind mit oder an Covid- 19 gestorben. In Deutschland liegen die registrierten Fälle im gleichen Zeitraum bei fast 2,2 Millionen, über 53 000 Menschen sind hier gestorben. Die verhältnismäßig niedrigen Zahlen hätten sicher verschiedene Gründe, so Müller. Getestet wird in Kenia eher selten, positive Fälle verlaufen zu 80 Prozent symptomlos.

Ihre Hände waschen diese Schüler aus Nairobi an einem Wasserkanister.

Zudem spielt sich ein Großteil des Lebens draußen ab, die Menschen laufen viel, sind wenig in geschlossenen Räumen. Und die Regeln im Umgang mit dem Virus seien einfach, landesweit identisch und änderten sich nicht alle vier Wochen. „Die Leute machen mit, schränken sich wirklich sehr ein, um die Ansteckungsgefahr gering zu halten. Sie sind sensibilisiert, weil sie Erkrankungen wie HIV, Tuberkulose, Malaria oder Typhus kennen.“

Corona-Pandemie: Kenianer müssen ihr Erspartes opfern

In einer kürzlich veröffentlichen Umfrage gaben 91 Prozent der befragten Kenianer an, Einkommensverluste zu haben, 67 Prozent haben bereits Erspartes, das eigentlich für die Ausbildung der Kinder zurückgelegt worden war, ausgegeben, um die Kosten des täglichen Bedarfs zu decken. „Die langfristigen Folgen der Corona-Pandemie sind überhaupt nicht abzuschätzen“, glaubt Manuela Müller.

Einblick: So sieht die Intensivstation eines Isolations- und Behandlungszentrums im kenianischen Machakos aus, wo Corona-Patienten betreut werden.

Kurzarbeitergeld? Sonstige staatliche Unterstützungen? Fehlanzeige! Die Leute seien auf sich selbst gestellt. Als Nairobi von Mitte März bis Mitte Juli abgeriegelt war, half man sich untereinander. Bis heute ist das so geblieben. Manuela Müller und einige ihrer kenianischen Freunde fingen damals an, Jungen und Mädchen in einem Kinderheim zu besuchen. Alle paar Wochen sind sie seither dort, um im Garten gemeinsam Spiele zu spielen. Vereinsangebote, ärztliche Aufklärung – zum Beispiel zum Thema Brustkrebs – alles hier laufe über die Zivilgesellschaft, über Vereine oder Verbände. „Auf den Staat oder das Gesundheitssystem wartet hier niemand“, sagt die 37-Jährige.

Menschen in Kenia haben kein Vertrauen in den Staat

Anfang Januar haben die Kindergärten, Schulen und Universitäten wieder geöffnet – nach zehn Monaten Schließung. In dieser Zeit hat der Unterricht für jene, die nicht über Wlan und Laptop verfügen, über Radio und SMS stattgefunden. Auch hier waren lokale Gruppen die Initiatoren, nicht der Staat. Viele Menschen hätten darauf gehofft, dass die Regierung die Gebühren für die weiterführende Schule, umgerechnet rund 130 Euro für vier Monate, erlassen würde. „Aber auch das ist nicht geschehen“, so Müller.

Die Cafés in Nairobi haben geöffnet. Hier der Blick in ein Café im Stadtteil Kilimani. Meistens sind die Locations draußen, aber überdacht.

Sie ist über Weihnachten vier Woche durch Kenia gereist. Ein Besuch in Hanau sei in nächster Zeit nicht geplant. „Ihr habt doch jetzt Winter. Da ist es mir zu kalt“, sagt Manuela Müller und lacht.

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