Corona-Pandemie

Corona-Krise trifft Hanauer Gastronom hart - „Schlimmste Situation meines Lebens“

Gastronom Thorsten Bamberger im Weissen Saal von Schloss Philipssruhe
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Weiß nicht wie es weiter geht: Der Hanauer Gastronom und Veranstalter Thorsten Bamberger in seiner Veranstaltungslocation, dem Weissen Saal von Schloss Philippsruhe.

Der Hanauer Gastronom Thorsten Bamberger ist „am Ende“. Seit einem dreiviertel Jahr konnte so gut wie keine Veranstaltung in seinen Räumlichkeiten stattfinden.

Hanau - „Ich bin ziemlich am Ende“ – Nach einem dreiviertel Jahr Corona-Pandemie beschreibt Thorsten Bamberger seine derzeitige Situation. Der Hanauer Gastronom sitzt im Weissen Saal von Schloss Philippsruhe. Normalerweise richtet er hier große Hochzeiten oder Bankette aus. Seit April fand in diesen Räumlichkeiten nahezu keine Veranstaltung mehr statt. Tische und Stühle sind verwaist. Im Saal ist es kalt. Bamberger hat jahrelang den Culture Club betrieben. Er hat die Schlossgastronomie mit Weissem Saal, Gewölbekeller und Biergarten am Mainufer wiederbelebt und viel Geld in diese Projekte investiert. Er hat sich in der Veranstaltungsbranche einen Namen gemacht. „So etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt“, sagt er. „Ich ergreife jeden finanziellen Strohhalm, um weitermachen zu können.“

Anschlag in Hanau: Viele Veranstaltungen im Februar abgesagt

Ein Blick zurück: Februar 2020 – Die Stadt Hanau wird am 19. des Monats von Anschlägen erschüttert. Fasching fällt im Zuge dessen in der Grimmstadt aus; und damit auch zahlreiche Veranstaltungen in Bambergers Locations. „In den Wochen nach dem Anschlag ging das Geschäft rapide zurück“, erinnert er sich. Doch die Lager waren voll. Auf bereits besorgtem Essen blieb Bamberger sitzen.

Doch Bamberger hat nach vorne geschaut, neue Veranstaltungen organisiert – und den nächsten Dämpfer bekommen: „Wir haben aus den Medien von dem geplanten großen Konzert zugunsten der Anschlagsopfer an der Philippsruher Allee, also gleich vor unserer Haustür, erfahren. Im Zuge dessen hagelte es Absagen bei uns. Die Leute hatten Bedenken, wegen der großen Menschenmassen überhaupt nicht bis zu unserer Location durchzukommen. Außerdem war Hanau gebrandmarkt.“

Corona-Lockdown in den umsatzstärksten Monaten

Doch auch in dieser Situation blieb Bamberger weiter positiv. Mit März und April standen schließlich die, nach Dezember, traditionell für ihn umsatzstärksten Monate bevor. Also wurden die Lager erneut gefüllt, die Kühlhäuser mit Lebensmitteln bestückt, zahlreiche externe Caterings standen an. Fünf Köche hatte Bamberger zu diesem Zeitpunkt noch engagiert – dann kam der Corona-Lockdown.

„Wir saßen gerade beim Meeting, als die Info vom Main-Kinzig-Kreis kam – Licht aus“, erinnert er sich. Bamberger warf zum zweiten Mal unzählige Lebensmittel für bevorstehende Events in die Tonne. „Dabei waren wir in diesem Jahr so gut gebucht wie nie.“ Dennoch. Der Gastronom und Veranstalter schaute auch da noch nach vorne: „Wir kommen da raus, wir schaffen das“, beschreibt er seine damaligen Gedanken. Doch die Situation wurde zunehmend schwieriger.

Gastronom aus Hanau muss Anzahlungen zurückzahlen

Sein Unternehmen machte nicht nur keinen Umsatz mehr, es musste zudem bereits getätigte Anzahlungen für Hochzeiten wieder zurück überweisen. „Nach anderthalb Monaten wurde es eng“, sagt Bamberger. Reihenweise wurden Veranstaltungen gecancelt.

Doch er gab nicht auf, entwickelte die Idee eines To-go-Geschäfts am Mainufer. Hier sollten zumindest Getränke an die Passanten verkauft werden. „Wir hatten so sehr darauf gehofft.“ Die Stadt allerdings machte einen Strich durch seine Rechnung: Sie sperrte die Mainwiesen.

„Volldrama“, fasst Bamberger die Situation zusammen. „Ein paar Kilometer weiter flussabwärts war das alles erlaubt. In Frankfurt gab es Ausschank am Main. Wie willst Du das denn den Leuten erklären? Meiner Meinung nach ist die Stadt Hanau da übers Ziel hinaus geschossen.“

Gastronomie in Hanau: Mitarbeiter müssen in Kurzarbeit

Inzwischen hatte Bamberger seine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen. Und auf die in Aussicht gestellten Hilfen des Bundes gesetzt. Doch: „Da kam nichts. Ein Schlag ins Gesicht und ein Tritt hinterher“, bringt er seine Erfahrung auf den Punkt. Also versuchte sich Bamberger an anderen Hilfen, nennt den KfW-Kredit und resümiert: „Ein Schlag in die Magengrube. Wir haben alles vorbereitet, hatten wirklich viel Arbeit mit der Zusammenstellung der Unterlagen. Und haben letztlich eine Ablehnung bekommen.“ Die Begründung der Bank: Es sehe nicht so aus, als würde sich die Gastro- und Veranstaltungsbranche in nächster Zeit erholen.

Auch ein anderer Kredit wurde abgelehnt, da Bamberger im Jahr 2017 wegen umfangreicher Investitionen und massiven Umbauverzögerungen beim Gewölbekeller ein Minus verbuchen musste. „Von den in Aussicht gestellten ‘unbürokratischen Hilfen’ kann keine Rede sein. Jede Hilfe, die wir annehmen wollten, war mit massivem Aufwand verbunden und wurde letztlich doch abgelehnt.“

Soforthilfe der Regierung ein „Lichtblick“

Ein Rettungsanker war dann im Frühsommer die erste Soforthilfe des Regierungspräsidiums Kassel und ein Kleinkredit über die IHK. „Das hat zwar lange gedauert, aber zusammen mit dem parallel dazu ausgezahlten Kurzarbeitergeld war das ein kleiner Lichtblick.“

Nach den Lockdown-Lockerungen begann Bamberger mit der Außengastronomie auf der Schlossterrasse. Das Hygieneteam der Stadt habe ihn dabei gut unterstützt. Bis zu 120 Gäste konnte er dort bewirten. Das habe gut funktioniert. Auch einige wenige Hochzeiten habe er im Sommer ausrichten können. „Aber 80 Prozent der Veranstaltungen des Jahres wurden abgesagt“, so Bamberger.

Steigende Corona-Zahlen im September treffen Gastronomen hart

Der September dämpfte dann die Stimmung erneut. Die Corona-Zahlen in Hanau gingen erneut hoch. „Das trieb mir wieder Tränen in die Augen. Viele Veranstaltungen sind dann einfach nach Frankfurt umgezogen. Da war noch alles erlaubt.“

Im Herbst bekam Bamberger dann eine erste Überbrückungshilfe für die Monate Juli, August und September. Damit habe er nur einen Teil der Kosten decken können. „Deshalb muss ich jetzt knallharte Verhandlungen mit den Gläubigern führen. Zum Glück reagieren die meisten verständnisvoll.“

Gastronom müssen finanzielle Löcher irgendwie stopfen

Nun allerdings kämen Zahlungen auf ihn zu, die bisher gestundet wurden. Beispielsweise an das Finanzamt, von dem er schon jetzt regelmäßig Post mit Zwangsandrohung erhalte. „Keiner kann sagen, was im kommenden Jahr mit den gestundeten Zahlungen passiert. Von was sollen wir das bezahlen? Mir graut es davor.“ Für den Moment könne er nur versuchen, Löcher zu stopfen. „An Rücklagen ist mit den kleinen Erträgen, die reinkommen, doch nicht zu denken.“

Bamberger beantragt nun eine weitere Überbrückungshilfe für Oktober, November und Dezember. Allerdings möchte der Bund dafür eine Umsatzprognose. Aber: „Was soll ich denn da schreiben?“ Denn Umsatz kann er schlichtweg nicht prognostizieren. Bamberger ist im kompletten Lockdown. Alles ruht. Truhen und Lager sind erneut komplett leer geräumt. Die Kosten allerdings laufen weiter. „Mein Lebenswerk ist am Ende“, sagt er. Jetzt fange auch noch sein Team an zu bröckeln. „Sie suchen sich etwas anderes. Weil sie Geld brauchen, klar.“

Gastronom in Hanau: Alle Hoffnungen ruhen auf 2021

Der letzte Strohhalm, an dem sich der Hanauer jetzt festhält, ist das kommende Jahr. „Wir haben dafür ab Mai eine Bombenauslastung und kaum noch freie Wochenendtermine für Veranstaltungen, Bankette oder Hochzeiten. Darauf liegt jetzt unsere große Hoffnung, sollte sich die Lage wieder einigermaßen entspannen. Was das angeht, schauen wir positiv in die Zukunft. Was allerdings die Alltagsgastronomie betrifft, wage ich keine Prognose“, so Bamberger. „Allerdings möchten wir ab Frühjahr sofort wieder mit der Außengastronomie am Mainufer starten“

Frustriert ist er darüber, dass selbst gut durchdachte Outdoorkonzepte wie der geplante Winterzauber im Schlosspark abgesagt und und vorerst auf kommendes Jahr verschoben sind. „Alles, was nur irgendwie mit Ausgehen, Spaß oder Kommunikation zu tun hat, ist damit gestorben. Deshalb wird wohl jetzt illegal privat gefeiert. Und da werden keine Adressen gesammelt, kein Abstand gehalten. Dann doch lieber Veranstaltungen mit Regeln zulassen!“

Kritik an erneutem Lockdown in der Gastronomie

An der Veranstaltungsbranche sei viel ausprobiert worden, es sei alles Mögliche getestet worden. Man habe gesehen, dass es funktioniert. „Und trotzdem zieht man bei uns den Stöpsel. Das passt nicht zusammen“, sagt er – und die Hoffnung auf Lockerungen der neuen Auflagen schwingt in seinen Worten mit.

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