Schule

Corona-Lockerungen: So fühlt sich die Schulöffnung nach wochenlangem Homeschooling an

Die Schulen in Hessen öffnen wegen der Corona-Lockerungen zumindest teilweise wieder. Auch Grundschüler dürfen wieder in die Schule. Ein Erfahrungsbericht.

  • Schulen in Hessen wegen Corona geschlossen
  • Homeschooling und Homeoffice in den eigenen vier Wänden
  • Corona-Lockerungen sorgen für Entspannung

Es ist Dienstagmorgen, kurz nach 8 Uhr, und mich beschleicht ein unwirkliches Gefühl. Ich bin tatsächlich auf dem Weg in die Redaktion. Unsere Sechstklässlerin nimmt zwar schon seit zwei Wochen wieder am Präsenzunterricht teil, doch nach elf Wochen Homeschooling ist dies der erste Tag, an dem unser Sohn wieder in die Grundschule gehen darf. Zwar nur für drei Schulstunden – aber wir sind für alles dankbar.

Am Abend haben wir gemeinsam das Mäppchen sortiert und den Schulranzen gepackt. Der Drittklässler ist aufgeregt, kann schlecht einschlafen. Beim Abschied vor der Haustür habe ich noch schnell ein Foto gemacht – mit Ranzen und Mundschutz. Es ist fast wie eine zweite „Einschulung“.

Wegen Corona: Schulen in Hessen wurden im März geschlossen

Rückblende auf den 13. März. Corona hat Deutschland fest im Griff. Täglich steigen die Zahlen. Wir sind mitten in der aktuellen Tagesproduktion für den HA, bearbeiten eine Veranstaltungsabsage nach der anderen, als eine Nachricht eintrifft, die vor allem die Eltern unter uns erwartet und gefürchtet hatten: Die hessische Landesregierung entscheidet, dass die Schulen in Hessen wegen der Corona-Pandemie zunächst bis zu den Osterferien geschlossen bleiben.

Mich befällt leichte Panik. „Drei Wochen – wie sollen wir das nur schaffen?“ Über meine Reaktion von damals kann ich heute nur müde lächeln. Zählt man die Ferien mit, sind wir mittlerweile in Woche 13. „Die Bewältigung der Corona-Krise ist kein Sprint, sie ist ein Marathon“, klingen mir die viel zitierten Politikerworte noch im Ohr. Wie wahr!

Die „Dauerläufer“ Mama und Papa hätten zumindest gerne ein Ziel vor Augen. Mir geht die Puste aus. Doch bis heute steht nicht fest, wann Hessen den regulären Schulbetrieb wieder aufnehmen wird. Aktuell nehmen wir die Sommerferien fest in den Blick.

Schulen wegen Corona geschlossen: Homeoffice und Homeschooling

Zurück zum Anfang: Die ersten Wochen stehen unter dem Thema „Neuorganisation“ und verlaufen recht chaotisch. Beide Elternteile sind im Homeoffice, beide Kinder im Homeschooling. Die Frage ist: Wer arbeitet wo und vor allem wann? Reicht das technische Equipment?

Ein LAN-Kabel und ein neuer Bildschirm werden angeschafft, ein richtiger Bürostuhl bestellt. Auch die Versorgung ist ein wichtiger Punkt. Wenn alle zu Hause sind, brauchen wir mehr Lebensmittel. Also: Einkaufen, Kochen, Unterricht und natürlich müssen wir auch immer noch arbeiten. Mein Mann zieht mit seinem Dienstlaptop ins Schlafzimmer, dort hängt er stundenlang in Telefonkonferenzen fest.

Schüler und Eltern zusammen Zuhause wegen Corona

Ich belege das Wohnzimmer, parke auf den Tisch auch mehrere Schuber für unseren Grundschüler, die Hefte nach Fächern sortiert. Auch er wird hier „arbeiten“. Unsere zwölfjährige Tochter lernt in ihrem Zimmer und ist zum Glück schon sehr selbstständig. Wochenpläne sind für sie keine Neuheit.

Zum ersten Mal haben wir kein schlechtes Gewissen, dass sie ein eigenes Handy besitzt. Das ist jetzt pädagogisch sinnvoll. Für die Kommunikation mit den Freunden und den Lehrern. Überhaupt kommt sie am besten von uns gut mit der Situation zurecht. Es entspricht anscheinend dem Naturell einer Pubertierenden, möglichst viel Zeit in ihrem Zimmer zu verbringen - natürlich ungestört.

Schulen geschlossen: Fester Tagesablauf auch während Corona-Pandemie

Streit gibt es in einem Punkt. Warum sie „schon“ um 7.30 Uhr am Frühstückstisch sitzen soll, ist ihr völlig unbegreiflich. Bloß weil die Eltern an einem einigermaßen „normal“ strukturierten Tagesablauf festhalten wollen. Lächerlich.

„Andere Kinder dürfen bis 12 Uhr schlafen“, behauptet sie. Wer genau diese „anderen“ sind, konnte ich bis jetzt noch nicht rausfinden. Als Zeichen ihres Protests weigert sie sich, ihren Pyjama gegen Jeans und T-Shirt zu wechseln. Damit kann ich leben.

Unser Sohn fordert bei den Schulaufgaben mehr Unterstützung ein. „Das Lernen alleine macht nicht so viel Spaß“, erkennt er schon früh. Vor allem seine Freunde vermisst er. Neue Lerninhalte kann er sich selbstständig natürlich noch nicht erschließen.

Corona bedeutet neuen Alltag für Familie wegen Schulschließungen

Es entwickelt sich für uns alle ein neuer Alltag. Die Woche beginnt am Sonntagabend. Dann müssen die Wochenpläne und Arbeitsblätter für die kommende Woche ausgedruckt werden. Anfangs kommen sie per E-Mail, mittlerweile werden sie auf Plattformen hochgeladen. Online-Unterricht gibt es leider nicht.

Morgens stehen zuerst zwei Stunden Homeschooling an, dann setze ich mich an den Rechner. Mittagspause. Weiter im Programm. Konzentrieren fällt schwer. „Mama, was soll ich jetzt machen?“ Und „Mama, kannst du mir bei der Aufgabe mal helfen?“ sind häufig gehörte Sätze in diesen Wochen.

Corona stellt Eltern vor Herausforderung wegen Schließung der Schulen

Erste Lockerungen: Geschäfte öffnen nach und nach Ende April und Gaststätten im Mai – doch Kitakinder und Grundschüler bis zur dritten Klassen bleiben weiter zu Hause. Am Arbeitsplatz ist wieder mehr Präsenz gefragt. Wir wechseln uns mit der Betreuung daheim ab. Mit zwei schulpflichtigen Kindern habe ich das Gefühl, mittlerweile ein halbes Referendariat absolviert zu haben.

Dabei stand Lehrerin nie auf meiner Berufswunschliste. Ich habe Teilbarkeitsregeln gepaukt, Satzglieder bestimmt, mich mit der Mondfinsternis beschäftigt, Vokabeln abgefragt und einiges über den Apostel Paulus gelernt. Doch so langsam würde ich mich gerne mal wieder ausschließlich auf das konzentrieren, wofür ich ausgebildet wurde: Interviews führen, Artikel schreiben, Texte redigieren.

Corona-Lockerungen: Schulen öffnen teilweise

Dann vor zehn Tagen die gute Nachricht. An zwei Tagen in der Woche geht es auch für die Drittklässler weiter. Ab sofort bin ich nur noch Aushilfslehrerin in Teilzeit. Ich habe die Stundenpläne unserer Kinder verglichen. An exakt zwei Tagen bis zu den Sommerferien sind beide Kinder parallel in der Schule. Wie gesagt, Corona ist ein Marathon.

Hessens Kultusminister Lorz erntet harsche Kritik für seine Überlegung, die Schulen vor den Sommerferien testweise für eine Regelbetrieb zu öffnen.

Rubriklistenbild: © dpa

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