Leben am Fluss

Eine Fahrt mit zwei niederländischen Binnenschiffern von Kleinostheim nach Hanau

Harry (links) und Leon van Laak lieben es, unterwegs zu sein: Hier nähern sie sich mit ihrem Schiff „WATNA“ dem Schloss Philippsruhe in Hanau.
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Harry (links) und Leon van Laak lieben es, unterwegs zu sein: Hier nähern sie sich mit ihrem Schiff „WATNA“ dem Schloss Philippsruhe in Hanau.

„Etwa gegen 13 Uhr am Montag sind wir in Kleinostheim“, hatte Harry van Laak zwei Tage zuvor am Telefon gesagt. Da lag das Schiff zum Beladen im Würzburger Hafen: 1100 Tonnen Getreide für ein noch unbekanntes Ziel. Und tatsächlich: Nur wenige Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt taucht der Bug der „WATNA“ an der Flussbiegung kurz vor der Kleinostheimer Schleuse auf. Dort, so hatte man es verabredet, sollte der Reporter an Bord gehen, um Harry van Laak (68) und dessen Bruder Leon (63) ein Stück ihres Weges zu begleiten.

Region Hanau – In Schrittgeschwindigkeit gleitet das Frachtschiff in die erste der beiden Kleinostheimer Schleusenkammern. Die Einfahrt in eine Staustufe ist für Harry van Laak eine Routineübung, die dennoch höchste Konzentration verlangt. In der Schleuse gehe er nie ans Telefon, erzählt er später. Zwischen Schiffs- und Schleusenwand liegen beidseitig nur ein paar Zentimeter. Am Schiff vertäute Holzblanken verhindern, dass Metal und Beton aufeinanderstoßen. Van Laak steuert die „WATNA“ von der Brücke aus mit der linken Hand, in dem er einen kleinen Hebel nach rechts oder links schiebt. Dabei blickt er in die beidseitig weit außen liegenden und auf die Bordkante gerichteten Spiegel. In modernen Schiffen erklärt er, wird dafür moderne Kameratechnik eingesetzt. Auf der „WATNA“ wird dagegen noch viel per Hand gemacht.

Der Frachter, Baujahr 1963, ist genau 86 Meter lang, er hat die maximale Länge für Schiffe, die zu zweit gefahren werden dürfen. „Nur ein paar Zentimeter mehr und wir brauchten ein drittes Besatzungsmitglied“, sagt Leon. Das würde die beiden Brüder vor ein Problem stellen. Seit 1986 bilden die beiden Männer aus Rotterdam ein eingespieltes Team. Sie haben keine Kinder, sie sind nicht verheiratet. Sie haben kein Wohnsitz auf dem Land. „Unser Leben spielt sich auf diesem Schiff ab“, sagt Harry, während die „WATNA“ schon längst die Kleinostheimer Schleuse verlassen hat und nun – begleitet vom Geräusch des Dieselmotors – gemächlich flussabwärts durchs Wasser pflügt.

Die Brüder kennen nur die Schifffahrt

Schon Großvater Wilhelm fuhr ein Dampfschiff, Vater Cornelius zeit seines Lebens einen Schlepper auf der Ruhr. „Wir haben nie etwas anderes kennengelernt“, sagen die beiden, die mit drei weiteren Brüdern und drei Schwestern aufgewachsen sind.

Bei der Schifffahrtsgenossenschaft NPRC gelten die van Laaks als Urgestein unter den rund 120 Mitgliedern, deren insgesamt 200 Schiffe rund 13 Millionen Tonnen Fracht pro Jahr über die europäischen Wasserstraßen schippern. Die Mitglieder sind sogenannte Partikuliere, die auf eigene Rechnung fahren.

Alles im Griff auf der Brücke: Harry van Laak

Während das Schiff sich langsam Kahl und somit der bayrisch-hessischen Landesgrenze nähert, berichtet Harry, dass man den Zielhafen für die 1100 Tonnen Getreide, die man in Würzburg an Bord genommen hat, noch immer nicht kenne. „Wahrscheinlich verhandeln sie gerade noch“, sagt er und lacht. Eine halbe Stunde später kommt dann endlich der Anruf aus Mannheim, wo die Genossenschaft eine ihrer fünf Niederlassungen betreibt. Das Boot soll in Meppeln in Friesland gelöscht werden. Bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 13 Stundenkilometern liegen somit noch ein paar Tage Fahrt vor den beiden Brüdern.

Am Wochenende müsse man auf dem Main auf Motorboote acht geben

Auf dem Main herrscht an diesem Tag wenig Verkehr. „Tote Hose“, sagt Leon, nachdem er aus der komfortabel bestückten Küche eine Thermoskanne Kaffee und selbst-gebackenen Kuchen zur Brücke gebracht hat. Harry blickt derweil mit einem Auge immer auf den Fluss. Vor allem an den Wochenenden müsse man aufmerksam sein, sagt er. Motorboote, an einigen Stellen auch Wasserskifahrer teilen sich dann den Main mit den schwimmenden Kolossen. Aber eigentlich sei der Main einer der eher gemütlichen Flüsse, finden die van Laaks. Am liebsten schippern sie über die Mosel mit den steilen Weinbergen an den Ufern. Den Neckar hingegen mag Leon überhaupt nicht. Da gebe es an Bord nur kalte Küche, weil er wegen der vielen Schleusen nicht zum Kochen komme, sagt er und lacht.

Die van Laaks kennen jeden Ort am Main und zu allen haben sie eine Geschichte parat. Kein Wunder, sie sind diesen Fluss unzählige Male bergab und bergauf gefahren. Ein Klassiker ist für die beiden die Tour von Rotterdam nach Budapest über Rhein, Main und Donau. Bei Fahrten über die Donau ist die „WATNA“ wegen ihres geringen Tiefgangs von nur 1,10 Meter vor allem bei Niedrigwasser sehr gefragt. 13 Tage dauert die Reise in die ungarische Hauptstadt. Hin und zurück verbraucht der 800 PS starke Motor rund 35 000 Liter Diesel, etwa 60 Liter pro Stunde. Das klingt viel, sei aber wenig, wenn man die Fracht und den Verbrauch ins Verhältnis zu dem setzt, was ein Alternativtransport mit dem Lkw oder der Bahn bedeuten würde, so die beiden Schiffer. Laut der Berechnung eines Fachportals im Internet bewegt ein Lkw-PS eine Last von 150, ein Schiffs-PS dagegen dagegen eine Last von 4000 Kilogramm.

Mehrere Schlafzimmer an Bord des Schiffes

Während die „WATNA“ Kurs auf die Schleuse in Großkrotzenburg nimmt, bleibt Zeit für einen Rundgang im Inneren des Schiffs. „Schuhe ausziehen“, heißt es, wenn man den Wohnbereich betritt. Im Bug befindet sich der Gästetrakt, in dem Leon und Harry schon mal zwei ihrer Schwestern mitnehmen oder auch Passagiere, die für Kost und Logis zahlen und das unkonventionelle Reisen mögen. Dort befindet sich alles, was man braucht: zwei Schlafzimmer, ein Bad sowie ein Aufenthaltsraum. Etwas größer ist der Wohnbereich, den sich die Brüder im Heck des Schiffes teilen. Hunderte von Büchern haben sie dort verstaut. Fachliteratur und Romane. „Man müsste hier mal aussortieren“, sagt Leon schmunzelnd. Im Badezimmer befindet sich auch eine Waschmaschine. Jeder Zentimer Platz wird ausgenutzt.

Im Gegensatz zu vielen Binnenschiffern haben die van Laaks kein Auto an Bord. „Wir brauchen keins“, sagt Harry. Wenn sie im Hafen von Hanau liegen, dann fahren sie mit dem Rad in die Innenstadt. Das Auto sei vor allem für Binnenschiffer von Bedeutung, deren Kinder zur Schule gehen. Viele Mütter holten den Nachwuchs freitags aus dem Internat in den Niederlanden und brächten ihn am Sonntag wieder zurück. Das Leben auf dem Schiff ist für die Familien kein leichtes, wissen die beiden Brüder aus eigener Erfahrung. Sie gingen einst auf ein Internat mit 200 Jungs, deren Eltern entweder Schiffsleute oder Schausteller waren. Zumindest würden die Kinder heute nicht mehr nach Geschlechtern getrennt, sagt Harry.

Lustige Anekdoten von den Brüdern

Die „WATNA“ hat die Brücke von Großauheim erreicht, die bei den Binnenschiffern einst wegen ihrer geringen Durchfahrtshöhe gefürchtet wurde. Leon van Laak erzählt eine Anekdote von einem Kollegen, der die Luft aus den Reifen seines an dem Deck stehenden Autos herauslassen musste, damit das Schiff unter der Brücke hindurch fahren konnte.

Als die „WATNA“ den Hafen von Hanau rechts liegen lässt, fällt den Brüdern sogleich auf, dass dort eine neue Anlegestelle geschaffen worden ist. „In keinem anderen Hafen am Main wird der Platz so gut ausgenutzt wie in Hanau“, sagt Harry.

Nachdem das Schiff zur Rechten Schloss Philippsruhe hinter sich gelassen hat, bereitet sich der Reporter auf den Abschied an der Mühlheimer Schleuse vor. Zweieinhalb Stunden auf dem Fluss sind vorüber, für die beiden Brüder wird die Reise noch sehr lange dauern.

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