Karten sind neu gemischt

Das sagen die Bundestagskandidaten aus dem Wahlkreis 180 zum Wahlausgang

Im Wahllokal in der Mensa der Karl-Rehbein-Schule in der Hanauer Innenstadt machen Wähler ihr Kreuz in den aufgestellten Wahlboxen.
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Im Wahllokal in der Mensa der Karl-Rehbein-Schule in der Hanauer Innenstadt machen Wähler ihr Kreuz in den aufgestellten Wahlboxen.

Im Wahlkreis Hanau (180) haben gestern von Maintal bis Langenselbold, von Nidderau bis Großkrotzenburg die Wähler mit ihrer Erststimme Lennard Oehl als Direktkandidaten in den Bundestag gewählt (31,22 Prozent, 38 581 Stimmen; *alle Zahlen Stand Sonntag, 22.50 Uhr, noch sechs Wahlbezirke offen). Das Wahlergebnis verfolgte der 27-Jährige gemeinsam mit Parteigenossen in seiner Heimatgemeinde, im Bürgerhof in Nidderau-Ostheim.

Region Hanau – Bei der Wahl 2017 musste sich die SPD, damals noch mit Kandidat Dr. Sascha Raabe, mit 30,4 Prozent der Stimmen der Christdemokratin geschlagen geben. Jetzt wurden die Karten neu gemischt. CDU-Kandidatin Dr. Katja Leikert, die bei der letzten Bundestagswahl die meisten Erststimmen im Wahlkreis 180 bekommen hatte (35,3 Prozent) und jetzt erneut angetreten war, musste sich gestern Abend gemeinsam mit ihren Parteifreunden im Café Ellis am Hanauer Johanneskirchplatz mit ihrer Niederlage auseinandersetzen: 34  224 Stimmen (27,70 Prozent).

Außer Leikert und Oehl hatten sieben weitere Kandidaten im Wahlkreis ihren Hut für die Bundestagskandidatur in den Ring geworfen. Unsere Zeitung hat sie zum Wahlausgang befragt.

Marcus Bocklet (Bündnis 90/Die Grünen), der auf 12,21 Prozent der Stimmen (15 081) kommt, damit die drittmeisten Stimmen auf sich vereinen kann, feierte sein Wahlergebnis im Tropical Garden in Rodenbach. „Persönlich freue ich mich sehr, auch darüber, dass wir im Bundestrend zugelegt haben und im Wahlkreis die Erst- und Zweitstimmen so nah zusammengehalten haben.“ Die Grünen können im Vergleich zum Wahljahr 2017 ein Plus von über sechs Prozent verbuchen. Das spreche für einen guten Wahlkampf, dafür, dass er gesehen worden sei. Es scheine sich eine Stammwählerschaft herauszubilden, auf die man aufbauen könne. „Ich werde nicht im Bundestag dabei sein. Meine Glückwünsche gehen an Lennard Oehl, er ist jung und engagiert.“

Bocklet lobte den „extrem fairen Wahlkampf“, der nicht immer selbstverständlich sei. Oehl und auch Katja Leikert, die mutmaßlich über die Landesliste erneut in den Bundestag einziehen wird, wünschte Bocklet alles Gute. „Es wird eine schwierige Regierungsbildung werden. Und ich freue mich, dass der plakatierte Kanzler des Klimaschutzes, Olaf Scholz, jetzt sein Wort halten muss. Jetzt ist es an der Zeit, Farbe zu bekennen in Sachen Klimaschutz. Jetzt muss er liefern“, so Bocklet.

Bei Professor Erich Albrecht (AfD) haben 10,48 Prozent der Wähler (12 950 Stimmen) ihr Kreuz gemacht. Der Maintaler bezeichnet das Ergebnis als „recht erfreulich“. Er habe mit einem zweistelligen Ergebnis gerechnet. Natürlich könnte es besser sein, so Albrecht. Sein Dank gehe an die Wähler. „Wir müssen schauen, wie es weiter geht. Im Vergleich zum Bundestrend liegen wir im Wahlkreis 180 ganz gut.“ Der Verlust von rund 2,3 Prozent im Vergleich zur Wahl von 2017 halte sich im Rahmen.

Henrik Statz (FDP) kann 12 561 Stimmen (10,17 Prozent) auf sich vereinen. „Ein gar nicht mal so schlechtes Ergebnis“, sagt der Hanauer. In der Grimmstadt sei es sogar „das beste Erststimmenergebnis seit 1961. Damit bin ich sehr zufrieden, auch nachdem der Wahlkampf nicht wirklich einfach war, unter Pandemiebedingungen.“

Immerhin fast 3,8 Prozent Gewinn verzeichnet die FDP im Vergleich zu 2017. Auch das Zweitstimmenergebnis lasse sich sehen. „Über dem Bundesdurchschnitt, das war unser Ziel. Dieses Zeil haben wir erreicht.“ Im Gesamten könne die FDP hoch zufrieden sein, „vielleicht nicht euphorisch“, aber was die Bundespolitik betreffe befänden sich die Freien Demokraten in einer „hoch komfortablen Situation“.

Alexander Kuhne (Die Linke) kommt auf 3,47 Prozent (4287 Simmen). Der aus Hasselroth stammende 22-Jährige ist mit seinem persönlichen Wahlergebnis zufrieden. Auch wenn die Linken im Vergleich zu 2017 fast 2,5 Prozent einbüßen müssen. „Es geht in die richtige Richtung.“ Allerdings müsse die Linke im Bund starke Verluste hinnehmen. „Das sind Fehler der vergangenen Jahre, die wir gemeinsam als Partei mittragen. Diese Fehler gilt es aufzuarbeiten und gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Er werde weiter für seine Wähler kämpfen, für soziale Gerechtigkeit und eine klimagerechte Politik.

Christian Clauß (Freie Wähler) kommt auf 3152 Stimmen (2,55 Prozent). „Da ist noch Luft nach oben“, sagt der Bruchköbeler. Dennoch, er habe sehr viel positive Resonanz bekommen. Das habe er auch vor Ort im Wahllokal gemerkt. „Wir freien Wähler bemühen uns, in der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen zu werden. Das ist uns, zugegebenermaßen, nicht immer so gut gelungen. Durch das knappe Gerangel haben die etablierten Parteien mehr Aufmerksamkeit bekommen.“ Es müsse noch eine gewisse Sensibilisierung der Wähler stattfinden, meint Clauß. Doch das werde sich langsam Stück für Stück aufbauen. „Wir haben jetzt den Grundstock geschaffen, jetzt müssen wir weiter ins Bewusstsein kommen um gute, bürgernahe Politik zu machen.“

Für Dr. Ralph Haußels (Basisdemokratische Partei) stimmten 1931 Wähler (1,56 Prozent). „Für mich war diese Wahl eine Premiere. Wir haben erst im April den Kreisverband gegründet und waren froh, zur Wahl zugelassen zu werden“, sagt der Nidderauer. Jetzt freue er sich, gemeinsam mit der Partei bekannter geworden zu sein. „Natürlich hätten wir uns über mehr Stimmen gefreut, aber wir sehen das Ergebnis als großen Erfolg, auch weil wir enorm viel gelernt haben. Wir wollen auf jeden Fall weiter machen.“ Die Erfahrung bezeichnet Haußels als unglaublich wertvoll. „Ich habe mit so vielen Bürgern gesprochen, mit denen ich sonst nie ins Gespräch gekommen wäre. Das ist eine wirklich große Bereicherung. Ich habe viele Sorgen der Menschen kennengelernt und habe dadurch sehr viel Material, mit dem wir nun gemeinsam arbeiten wollen.“

Der Parteilose Dr. Peter Rehbein vereint 0,64 Prozent der Stimmen (794 Stimmen) auf sich. Für eine Stellungnahme war er am Sonntagabend nicht erreichbar.

Bei der letzten Bundestagswahl konnten im Wahlkreis 180 CDU 35,3 Prozent (46 656 Stimmen), SPD 30,4 Prozent (40 185 Stimmen), AfD 12,8 Prozent (16 907 Stimmen), FDP 6,4 Prozent (8418 Stimmen), Linke 5,8 Prozent (7715 Stimmen), Grüne 6,1 Prozent (8054 Stimmen) und Sonstige 3,1 Prozent (4124 Stimmen) der Erststimmen auf sich vereinen. » Ausführliche Berichte zu Katja Leikert und Lennard Oehl auf den Seiten 11 und 14

Von Kerstin Biehl

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