Die Kritik zur Premiere

Rattenfänger von Hanau weist Brüche und Schwächen auf

Mit Flöte, Hut und in rot-grünem Gewand: Dieter Gring in der Rolle des Rattenfängers. Der Schauspieler hat in den vergangenen Monaten Blockflöte gelernt, um die Rolle möglichst authentisch auszufüllen.
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Mit Flöte, Hut und in rot-grünem Gewand: Dieter Gring in der Rolle des Rattenfängers. Der Schauspieler hat in den vergangenen Monaten Blockflöte gelernt, um die Rolle möglichst authentisch auszufüllen.

Hanau – Unendlich oft ist sie erzählt worden, die Sage des Rattenfängers von Hameln, der die Stadt von den Ratten befreit, keinen Lohn erhält und dann 130 Kinder entführt, die nie wieder nach Hause zurückkehren. Die bekannteste Version der Sage geht auf die Sammlung der Brüder Grimm von 1816 zurück. Die beiden Sprachwissenschaftler aus Hanau nahmen die Erzählung als „Die Kinder zu Hameln“ in ihr Buch der Deutschen Sagen auf. Auch die Brüder-Grimm-Festspiele haben sich des magischen Stoffs in dieser Saison angenommen. Autor Stephan Lack, der vor zwei Jahren das Buch zu „Schneewittchen“ geschrieben hat, und Regisseur François Camus (zum ersten Mal in Hanau dabei) haben eine besondere Inszenierung auf die Bühne gebracht. Am Donnerstagabend war Premiere.

Es bleibt düster auf der Bühne

Hameln, 1284. Tiefstes Mittelalter. Düster ist das Bühnenbild, bleibt es auch in den kommenden zweieinhalb Stunden. In der Stadt gibt es eine Rattenplage. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. In einer wilden (herausragend erdachten) Szene rasen die (Plüsch-)Tiere über die Bühne, schauen aus Türen und durch Fensterrahmen. Ein ebenso schneller wie raffinierter Einstieg in ein Stück, das später einige Längen hat.

Zurück zur Geschichte: Die Bürger setzen ihre Hoffnung in Abakus Maerz, einen fahrenden Händler und Jahrmarktzauberer. Helmut Potthoff ist die Rolle auf den Leib geschneidert. Mit spitzer Zunge und flotten Sprüchen begeistert er die Hamelner Frauen und das Publikum – Zaubertricks inklusive. Sein Wagen, der auf der Drehbühne steht, ist – auch ohne Pferde – ein schönes Element. Dass er ein Schwindler ist, der die Hamelner hinters Licht führen will, wird erst klar, als ein wundersamer Mann mit Flöte, rot-grünem Gewand, in spitzen Schuhen und mit einem mit Federn besetzten Hut erscheint. Flutus, so sein Name, gibt sich als Rattenfänger aus und verspricht, die Stadt für 100 Silbermünzen („Das ist der Preis für euren Seelenfrieden“) von der Plage zu befreien.

Gring allein besonders stark

Dieter Gring, der das Spiel auf der Flöte (die Komposition stammt vom Hanauer Kolja Erdmann) extra für die Rolle gelernt hat, hat seine besten Momente, als ihm die Bühne allein gehört, er die Ratten lockt.

Marie (Kristina Willmaser), Tochter des Bürgermeisters, Erzählerin, Stadtchronistin und Spürnase in einem, ahnt, dass etwas nicht stimmt mit dem wundersamen Mann. Als er die Ratten tatsächlich gelockt und in der Weser ertränkt hat, verwehren ihm die Hamelner den Lohn. Er wird als Betrüger festgenommen, kann sich befreien und kommt zurück, um Rache zu nehmen. Dass es aufgrund der Corona-Pandemie keine echten Kinder sein können, die ihm schließlich aus der Stadt folgen, sondern das Publikum, das schon zu Beginn in die Szenerie eingebunden wird, plötzlich noch mal die Rolle der Kinder ausfüllt und dann „in die Pause verschwindet“, erzeugt einen Bruch und sorgt für viele Fragezeichen. Diese Schlüsselszene hätte man vielleicht schlüssiger inszenieren können.

Fast eineinhalb Stunden dauert der erste Akt, zu lang sind einige Dialoge, manche wirken bemüht, auch bemüht witzig.

Klamauk fehlplatziert

Zur großen Überraschung des Zuschauers gibt es nach der Pause, als den Eltern das Verschwinden der Kinder auffällt, keine Trauer und keine Tränen. Statt Wehleiden sind die Dialoge zwischen Bürgermeister (Benedikt Selzner), seiner Frau Trude (Nadine Buchet), der Bäckermeisterin Anne (Marina Lötschert) und dem Adlatus Henricus (Marcus Abdel-Messih) von Klamauk bestimmt. Dieser erscheint genauso fehlplatziert wie die Reime des Adlatus.

Am Ende liegt es an Marie, die Kinder zu retten und das Geheimnis um den Rattenfänger aufzulösen. Dass Stephan Lack noch Margarethe (Katja Straub), Geist und Gewissen des Rattenfängers, den Graf von Spiegelberg (Christopher Krieg), der in einer der Sagenversionen als Mörder auftaucht, und dessen Sohn Albrecht (Jakob Drossel) in die Geschichte einbaut, gibt ihr eine Vielschichtigkeit, der man nur als sehr aufmerksamer Zuschauer folgen kann. Für Kinder ist das Stück wenig geeignet.

Verrat, Rache und dunkle Magie

Eine schöne Idee ist, dass Stephan Lack aus der Sage ein Märchen mit gutem Ausgang macht, das nicht mit dem Verschwinden der Kinder endet. Ebenso, dass er versucht zu erklären, warum der Rattenfänger tut, was er tut, was seine Geschichte ist. Die scheint den Autor besonders fasziniert zu haben. Verrat und Rache, dunkle Magie, Witz und ein Happy End – das ist der Stoff, aus dem die Hanauer Inszenierung der weltweit bekanntesten Sage ist.

Auch wenn die Inszenierung inhaltliche Schwächen und einige Längen hat und an der einen oder anderen Stelle konstruiert erscheint, ist die Leistung der Schauspielers tadellos. Besonders heraus stechen Marina Lötschert, die vor zwei Jahren mit dem Publikumspreis unserer Zeitung ausgezeichnet wurde, Kristina Willmaser und Helmut Potthoff. Alle drei brillieren in ihren Rollen. (Yvonne Backhaus-Arnold)

Weitere Infos

Wählen Sie Ihren Lieblingsschauspieler der diesjährigen Festspielsaison. Sie können bis zum 23. August, 18 Uhr, für den Publikumspreis, vergeben vom HA und den Festspielen, abstimmen.

» hanauer.de/festspiele

Die zersägte Jungfrau: Marina Löschert alias Anna im Zauberkasten von Helmut Potthoff.
Kristina Willmaser alias Marie muss auf Albrecht (J. Drossel) aufpassen.
Wie werden wir der Rattenplage Herr? Das überlegen die Menschen, die in Hameln auf Geheiß des Bürgermeisters (Benedikt Selzner, 2. v.l.) zusammenkommen.

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