Fünf Jahre Flüchtlingsankunft in Hanau

Kommentar: Die Mitmenschlichkeit verliert an Kraft

HA-Redakteur Holger Weber-Stoppacher. Archivfoto: HA
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Ein Kommentar von Holger Weber-Stoppacher, Redakteur des Hanauer Anzeiger.

Es war kalt und es war nass. Jeder, der in jener Nacht im September 2015 auf dem Bahnsteig am Nordbahnhof gefroren und nach Ankunft des Zugs in die übermüdeten und abgekämpften Gesichter der Menschen geblickt hat, hat dies nicht so schnell vergessen. Die Bilder, die wir für diese Seite aus dem Archiv gesucht haben, bezeugen kein singuläres Ereignis. Man hätte ähnliche Fotos in den vergangenen fünf Jahren an vielen Orten immer wieder machen können, weil der Strom der Flüchtlinge eigentlich nie versiegt ist.

Verschwunden waren die Bilder nur aus unserem Bewusstsein, überlagert von der Klimakrise und Corona. Erst jetzt durch das Feuer im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist der breiten Öffentlichkeit wieder vor Augen geführt worden, dass die Not immer noch groß ist. Dass da immer noch Menschen sind, deren Habseligkeiten in eine Plastiktüte passen und die sich nach Frieden und Freiheit und einem menschenwürdigen Platz zum Leben für sich und ihre Kinder sehnen.

In den fünf Jahren ist aber auch viel passiert in unserer Gesellschaft. Rechtspopulistische Parteien haben im ganzen Land Zulauf bekommen und sind in Parlamente eingezogen. Politiker wurden wegen ihrer Menschlichkeit angegriffen und verletzt. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke musste seine Parteinahme für Flüchtlinge sogar mit dem Leben bezahlen. Das alles hat das Klima in unserem Land verändert. Die Aufnahme von rund 1500 Menschen aus Moria, also nur etwa 500 mehr als Hanau damals quasi von heute auf morgen aufnehmen musste, bereitet vielen politischen Verantwortungsträgern aktuell Kopfschmerzen. Unter anderem deshalb, weil man ein neuerliches Erstarken der Rechtspopulisten fürchtet.

Angesichts der persönlichen Erfahrung von damals ist es schwer erträglich, zu sehen, dass die Mitmenschlichkeit durch den Druck von rechts an Kraft verliert.

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