Kämpferin für Frauenrechte

Die Unermüdliche: Autorin und Aktivistin Ilse Werder wird 95 Jahre alt

Ilse Werder feiert heute in Hanau ihren 95. Geburtstag. Das Thema häusliche Gewalt beschäftigt die engagierte Journalistin und Buchautorin nach wie vor. Gerade hat sie sich dazu ein neues Buch besorgt.
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Ilse Werder feiert heute in Hanau ihren 95. Geburtstag. Das Thema häusliche Gewalt beschäftigt die engagierte Journalistin und Buchautorin nach wie vor. Gerade hat sie sich dazu ein neues Buch besorgt.

Hanau – „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so alt werden würde!“, sagt Ilse Werder und lächelt verschmitzt. Heute (21.10.2020) feiert die Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher ihren 95. Geburtstag – im kleinen Kreis in ihrer Wohnung unweit des Kurt-Blaum-Platzes, wie es die Coronaregeln nahelegen.

Damit wird es keine Feier mit offiziellen Lobeshymnen oder Dankesreden geben. Auf die kann die gebürtige Kasselanerin auch locker verzichten. Das Bundesverdienstkreuz und die August-Gaul-Plakette hat sie bereits erhalten, den Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises für ihre vielfältigen Impulse in die Kultur der Region ebenfalls.

Und die jüngste Auszeichnung, die Willy-Brandt-Medaille als höchste Auszeichnung der SPD, wurde ihr vor zwei Jahren vom damaligen Vorsitzenden der SPD Hessen, Thorsten Schäfer-Gümbel, ans Revers geheftet – dafür, dass sie der Sozialdemokratischen Partei über 60 Jahre angehört und mit ihren Ideen und ihrem kritischen Geist der Partei und der Region prägende Anstöße gegeben hat.

Ilse Werder: Auch mit 95 Jahren noch angriffslustig

Ihren wachen und streitbaren Geist hat sich Ilse Werder bis heute bewahrt. Mit ihrer Kritik macht sie auch vor dem nicht – vielleicht gerade nicht – Halt, was ihr lieb und teuer ist. Der Hanauer SPD wirft sie immer wieder vor, dass sie zu wenig über dringend notwendige Sachthemen streitet und sich aus den Ortsvereinen zu wenig Ideen entwickeln.

Mit Oberbürgermeister Claus Kaminsky legte sie sich vergangenes Jahr an, weil ihr die Darstellung der Rolle der Wehrmacht und die Position der Linken in der Ausstellung zum 19. März 1945 im Schloss Philippsruhe zu undifferenziert erschienen.

Ilse Werder kämpft für Frauenrechte und Gleichberechtigung

Das Streiten und Kämpfen – stets mit dem gebotenen Respekt vor dem Gegenüber – hat die Mutter von vier Kindern früh gelernt. In Kassel kämpfte sie bereits an der Seite von Elisabeth Selbert, einer der Mütter des Grundgesetzes, für Frauenrechte und Gleichberechtigung. Von 1967 an, dem Jahr, als sie als Redakteurin zur „Frankfurter Rundschau“ nach Hanau kam, kämpfte sie gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft und legte mit der von ihr mit-initiierten Gründung des Vereins Frauen helfen Frauen den Grundstein für das spätere Hanauer Frauenhaus.

Dass das heute breite Unterstützung aus der Bürgerschaft erfährt, freut die engagierte Seniorin. Aber die Wut kommt ihr hoch, wenn sie sieht, dass Gewalttaten in den Familien keineswegs zurückgegangen sind. „Die Frauenhäuser sind nach wie vor voll“, stellt sie fest, „ich werde mich jetzt mit meinen Appell an die Männer wenden. Sie müssen ihre Geschlechtsgenossen zur Vernunft bringen“, erklärt sie.

Autorin zahlreicher Bücher

Das in Gelnhausen ansässige Archiv Frauenleben, das sie ebenfalls mitbegründet hat, hält diesen Kampf der Frauen und Geschichte aus Frauensicht seit Jahrzehnten mit Veröffentlichungen fest. Werder hat hier viele Mitstreiterinnen gefunden und mit ihnen gemeinsam Bücher herausgegeben, etwa über prägende Frauenfiguren in der Region oder über die Tabakarbeiterinnen im Main-Kinzig-Kreis.

Gerade erst nahm sie an der jüngsten Jahreshauptversammlung des Vereins Archiv Frauenleben teil und berichtet erfreut von der jüngeren Generation, die dort jetzt im Vorstand Verantwortung übernommen hat. So sind also die Tage der 95-Jährigen nach wie vor ausgefüllt, Langeweile kommt bei Ilse Werder nicht auf.

Denn neben dem Schreiben und Recherchieren hat sie irgendwann auch die Lust am bildhaften Gestalten entdeckt und begonnen, Collagen zu schaffen. Jetzt muss sie noch die Bilder zum Rahmen bringen, mit denen eine Ausstellung bestückt werden soll. Die Bezeichnung Kultur-Aktivistin hat sie daher mehr als verdient.

Pilze und Heilkräuter sind Ilse Werders Leidenschaft

Neben der Kulturscheune, mit der sie jahrzehntelang in Katholisch-Willenroth für ein Kulturangebot sorgte, hat sie die Verbraucherberatung in Hanau mit ins Leben gerufen. Und immer war sie dabei nicht nur für die Ideen und Anstöße zuständig, sondern auch ganz tatkräftig und handfest bei der Sache. Etwa, indem sie Pilzberatungen und Führungen zu Pilzen und Heilkräutern anbot. Diese Leidenschaften sind ihr geblieben.

Am kommenden Wochenende will sie mit ihren Kindern noch einmal in den Wald spazieren und nach Pilzen suchen. Die Gehhilfe, auf die sie mittlerweile häufiger zurückgreifen muss, wird sie von diesem Vorhaben nicht abbringen. „Beim letzten Mal hat das auch prima funktioniert“, sagt sie und zeigt, dass sie sich auch von körperlichen Schwächen nicht unterkriegen lässt. „Ich habe noch einiges vor“, versichert die Unermüdliche. Und wer Ilse Werder kennt, der weiß, dass sie auch umsetzt, was sie sich vorgenommen hat.

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