Anstoßer statt Aufspießer

Dieter Nuhr in ausverkaufter August-Schärttner-Halle

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Dieter Nuhr

Hanau - An Donald Trump kommt auch er nicht vorbei. Angewiesen ist Dieter Nuhr auf den „Elefanten im weltgrößten Porzellanladen“ indessen nicht.

Dass er auch sonst genug vom Leben und seinen absurden Momenten mitbekommt, stellte der rheinische Langstrecken-Humorist am Sonntagabend in der ausverkauften August-Schärttner-Halle in seinem neuen Programm „nur Nuhr“ großzügige zwei Stunden lang unter Beweis. „Humorist“ – ein seltsam lebensarmes Wort aus Zeiten Loriots und doch auch eines, das den inzwischen 56 Jahre alten Plauder-Virtuosen beschreibt. Für einen Standup-Comedian lärmt Nuhr einen Tick zu leise. Fürs klassische Kabarett sind seine Pointen gelegentlich zu deftig oder politisch nicht hinreichend zugespitzt. Sollen sie auch nicht. Dieter Nuhr will kein Dieter Hildebrandt sein, kein Aufspießer, sondern ein Anstoßer. Einer, der Fragen offen lässt, gern laut sinniert und mitdenken lässt. Warum regen die, die herkommen, andere auf, die vorher schon hier waren? Und mit welchem Recht? „Wer hier geboren ist, hat dafür nichts getan,“ meint Nuhr.

„Ein paar Gramm mehr Gelassenheit“ legt Nuhr mit seinem Filigran-Sarkasmus den allzu Eifrigen nahe - kompromisslosen Veganern, Untergangsneurotikern, Verschwörungsgläubigen und religiösen Absolutisten. Überhaupt, Religion: „Wie christlich ist ein Abendland, wo 19 Prozent vom Preis für jeden Weihnachtsbaum als Mehrwertsteuer den Finanzminister mästen?“, fragt Nuhr. Und er rätselt ob eines Systems, das die Milch im Supermarkt mit sieben Prozent, die Milch im Coffee to go aber mit 19 Prozent Mehrwertsteuer belastet.

Aber zurück zur Religion, einem von Nuhrs Lieblingsthemen. Da bewundere er die Zeitgenossen, die glaubten, den Schlächtern vom IS mit christlicher Tugend begegnen zu können: „Schwer, die andere Wange hinzuhalten, wenn der Kopf ab ist.“ Was aber sonst tun, wenn die Bundeswehr mit schiefen Läufen nicht richtig trifft? Gulaschkanonen laden, mit Schweinefleisch?

Überhaupt, findet Nuhr: Neue Härte braucht das verweichlichte Land, wo man früher zum Luftschnappen, heute zum Rauchen das Haus verlässt. Wo flennende Männer vor Einbrechern zittern, aber gut Zimtsterne backen, Kinder im Sandkasten einen Sturzhelm brauchen und das Internet der Dinge daheim die niedere Arbeit macht. Kann schiefgehen: Das Klo verpetzt die Leberwerte, worauf der Kühlschrank den Biervorrat sperrt und die Krankenkasse den Beitrag erhöht. „Fehlt nur noch, dass wer über Whatsapp schwanger wird“, findet Nuhr. (rdk)

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