Dritter Tag im Zerstückelungsprozess

„Man nennt sie Motorsägenfrau“

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Wegen Totschlags muss sich Tanja B. - im Bild mit ihrem Verteidiger - vor dem Landgericht Hanau verantworten.

Hanau – Die Frage nach Totschlag oder Notwehr wird derzeit am Hanauer Landgericht ausgefochten. Hat die 35-Jährige Tanja B. ihren Lebensgefährten Martin F. am 5. Juni 2018 vorsätzlich mit 31 Messerstichen getötet? Oder hat sie sich gegen seinen Würgeangriff gewehrt und in Panik mit einem Küchenmesser zugestochen? Am gestrigen dritten Verhandlungstag brachten Zeugenaussagen neue Erkenntnisse. Von Kerstin Biehl

Monika W. sitzt seit gut drei Jahren in der Frankfurter Vollzugsanstalt. Verurteilt wegen Raub. Sie ist Zeugin im Zerstückelungsprozess. Kennengelernt habe sie die Angeklagte Tanja B. bei der gemeinsamen Arbeit in der JVA: Maßbänder einpacken. Oder Hundefutter. Oder Papier. Sie habe die Angeklagte über Details zur Tötung ausgefragt. Und Tanja B. habe mit einem Lächeln davon erzählt.

Dieses Lächeln trägt Tanja B. auch am gestrigen Verhandlungstag. Zusammen mit ihrer Winterjacke, die sie den ganzen Verhandlungstag bis 16 Uhr nicht auszieht.

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Zu Wort kommt gestern außerdem die Zeugin Claudia P., Disponentin beim Busunternehmen, bei dem das Opfer gearbeitet hat. Genauso wie dessen Nachbarinnen Monika E. und Heidi F. und sein Freund und Kollege Harry H. beschreibt sie Martin F. als ruhig und unauffällig, als angenehmen Menschen, zuverlässig und hilfsbereit. An dem Tag, an dem Martin F. starb, habe sie per WhatsApp eine Krankmeldung bekommen, was ungewöhnlich war, da die Busfahrer angehalten seien, sich telefonisch krank zu melden. Daraufhin habe sie ihn angerufen. Tanja B. sei rangegangen und habe behauptet, ihr Lebensgefährte sei entführt worden.

Zeuge Harry H. beschreibt das Opfer als „Seele von Mensch“. Und er erzählt von einer Sprachnachricht in der Busfahrer-WhatsApp-Gruppe, einem Geständnis von Tanja B. „Die Potenzmittel haben ihn aggressiv gemacht, (...) er dachte, ich sei vom Teufel besessen (...) er liegt in der Badewanne.“ Der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück spielt die Audiodatei vor.

Heidi F., die mit dem Opfer befreundet war, beschreibt F.s Wohnung als sauber und ordentlich. Die Bilder, die der Richter präsentiert, zeichnen aber ein anderes Bild: Zu sehen ist eine Wohnung, in der alles wild durcheinander liegt, das Chaos regiert. Das liege an Tanja B., meint die Zeugin. Martin F. habe sie so nicht gekannt.

Dass Tanja B. in einem Steinauer Baufachmarkt zwei Kettensägen gekauft habe und eine weitere in einem Wächtersbacher Markt, bestätigen die Zeugen, die in den Baumärkten arbeiten. Dabei habe sie einen völlig normalen Eindruck gemacht.

„Bei uns nennt man sie nur die Motorsägenfrau“, sagt Mithäftling Monika W. Tanja B. habe über die Tat erzählt, als sei es etwas Alltägliches. „Sie hat gesagt, dass sie auf Notwehr macht, das habe ihr Anwalt gesagt, und dass sie an Weihnachten wieder draußen ist. Ihr Anwalt mache das schon und sage ihr, was sie sagen müsse, wenn der Gutachter kommt, damit sie als nicht zurechnungsfähig hingestellt werde.“ Sie habe ihr von den Messerstichen erzählt, vom Holen der Kettensäge aus dem Keller, vom Zersägen der Leiche in sechs Teile. Beine, Arme, Kopf.

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Und davon, dass sie zwei Tage nach der Tat mit 200 Euro zum Tätowierer gegangen sei, um sich den Namen ihres Opfers, Martin F., dessen Geburts- und Todestag tätowieren zu lassen. Tanja B. habe ihr außerdem gesagt, sie habe die Leiche verschwinden lassen wollen, allerdings seien die Säcke mit den Leichenteilen zu schwer gewesen.

„Ich kenne sehr viele traumatisierte Frauen. Aber keine hat mir jemals mit einem Lächeln auf dem Gesicht von dem erzählt, was war“, sagt Monika W.

Am 22. Januar wird weiter verhandelt.

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