Leben am Fluss

Ein Besuch beim Schleusenbetriebsleiter der Staustufe Mühlheim bei Hanau

Staustufe Mühlheim
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Ein beeindruckendes Bauwerk – Die Staustufe Mühlheim entstand im Jahr 1980 mit Schleusen, Kraftwerk und drei Wehrfeldern.

Schleusen sind für die Binnenschifffahrt elementar. Wie der Betrieb dort abläuft haben wir uns bei der Staustufe Mühlheim bei Hanau angesehen.

Hanau – Zischend und sprudelnd fällt das Mainwasser die knapp vier Meter hohe Staustufe hinab. Gischt, der Fluss, spritzt auf, schäumt, kreiselt, bis nach mehreren Metern das Wasser wieder zur Ruhe kommt. Seinen gewohnten Lauf nimmt – talwärts. So heißt es in der Sprache von Schiffern und Schleusern.

Talwärts fahren möchten an diesem Morgen auch zwei Sportboote. Um die Mühlheimer Staustufe von Hanau kommend in Richtung Offenbach zu passieren, müssen sie die Schleuse nehmen. „Für die kleineren Sportboote gibt es eine eigene Sportbootschleuse. Die Bootsführer können sich dort selbst durchschleusen“, erklärt Schleusenbetriebsstellenleiter Thomas Wagner vom Wasser- und Schifffahrtsamt. Von seinem Posten auf dem Schleusenturm zwischen Kesselstadt und Dörnigheim hat er eine optimale Sicht. Wie ein Flugzeugtower mutet sein Arbeitsplatz an: Vollverglasung nach allen Seiten. Dazu viele Monitore, Funkgerät, Telefon. Displays mit Knöpfen und Schaltern. Und ein Fernglas. Damit erkennt er Schiffe schon von Weitem. Vier Kilometer kann er den Main flussabwärts einsehen, zwei Kilometer in Richtung Hanau.

Große Mainschiffe nehmen per Funk Kontakt auf

Die großen Mainschiffe nehmen per Funk Kontakt zur Schleuse auf. So wie Cedi. Der Frachter meldet eine Talfahrt an. Er kommt aus dem Hanauer Hafen, will weiter in Richtung Rhein. Selbstbedienung, wie bei den kleinen Sportbooten, gilt für die Großschifffahrt nicht. Hier sind die Betriebsstellenleiter für die Schleusung verantwortlich.

Das nächste Schiff kündigt sich an – Schleusenbetriebsstellenleiter Thomas Wagner hat vom Schleusenturm aus einen optimalen Rundumblick.

„Die Staustufe Mühlheim“, erklärt Wagner, „besteht aus der großen Schleuse, der kleinen Sportbootschleuse, dem Wehr mit drei Wehrfeldern und einem Wasserkraftwerk. Dort wird aus der Energie des abfließenden Wassers Strom erzeugt.“ Staustufen, erzählt er weiter, stauen zunächst einmal Wasser auf, mit der Intention, einen Höhenunterschied zu überwinden. „Wenn der Main früher normal Wasser hatte, konnten Güter mit dem Schiff transportiert werden. Gab es einen trockenen Sommer mit entsprechend wenig Wasser, war Schiffsverkehr nicht möglich. So kam die Idee der Aufstauung des Flusses, um Schifffahrt immer möglich zu machen.“

Wehr sorgt für gleichbleibenden Wasserstand

Diese Funktion übernimmt das Wehr. Es sorgt für einen immer gleichbleibenden Wasserstand und ermöglicht eine fortwährende Befahrbarkeit. Alle zehn bis 15 Kilometer gibt es eine solche Staustufe, insgesamt 36 auf dem Main. Dabei wird ein Höhenunterschied zwischen drei und sechs Metern überwunden.

Wasser- und Schifffahrtsamt

Das Wasser- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg ist als Dienstleister für den Schifffahrtsverkehr auf dem 185 Kilometer langen Abschnitt des Mains von der Mündung in den Rhein bis kurz unterhalb der Schleuse Rothenfels zuständig. Das Amt sorgt für einen reibungslosen und sicheren Verkehrsablauf auf der Bundeswasserstraße Main. Das Amt unterhält 21 Schifffahrtsschleusen. Die Wasserstraße Main ist durch den Main-Donau-Kanal eine wichtige Verkehrsverbindung mit europäischer Bedeutung. kb

Frachter Cedi ist mittlerweile in die Schleuse eingefahren. Drückt Betriebsstellenleiter Wagner den entsprechenden Knopf, schließen sich die Schleusentore. Der Kapitän der Cedi muss genau steuern, denn mit einer Breite von nur zwölf Metern ist der Platz in der Schleuse ziemlich eng bemessen. Dafür kann die Schleuse eine Länge von 300 Metern aufweisen. Drei große Schiffe können zeitgleich geschleust werden. „Ohne die Schleusen gäbe es für die Schiffe keine Möglichkeit, die Staustufen zu überwinden“, macht der Betriebsstellenleiter deutlich.

So funktioniert die Schleuse am Main

Zwei Boote vom Bootsverleih „Aquafun Charterboote“ schleusen sich selbst durch die Sportbootschleuse.

Wagner erklärt, wie genau die Schleuse funktioniert: Im Schleusenbecken gibt es oben und unten jeweils ein Tor. Um Wasser in dieses Becken zu lassen, wird um die Tore herum ein Verschluss geöffnet. Um das Becken ist ein Kanal mit Umlaufverschluss. Dadurch fließt das Wasser von oben ins Becken hinein, so lange bis der Wasserstand der Höhe von oben entspricht – oder umgekehrt, wie im Fall des Frachters Cedi, der ja flussabwärts möchte. Hier muss das Wasser aus der Schleuse herauslaufen. „Wie wenn ich bei einer Badewanne den Stöpsel ziehe. Die Umlaufverschlüsse werden geöffnet, das Wasser fließt raus, bis der Wasserstand dem Unterwasser angeglichen ist. Dann sprechen wir vom Wasserausgleich“, sagt Wagner und deutet auf die große Schleuse. Dort ist eben dieser Wassserausgleich erreicht. Frachter Cedi befindet sich jetzt auf der korrekten Höhe. Das untere Schleusentor kann geöffnet werden, und Wagner gibt dem Kapitän ein Signal zur Ausfahrt.

30 bis 50 Großschiffe schleust Wagner im Durchschnitt am Tag. Die Schleuse ist rund um die Uhr, auch an Feiertagen, geöffnet. Mit dem im Berliner Koalitionsvertrag festgelegten Wegfall der Schifffahrtsabgaben ist das Schleusen kostenfrei. Auch für die kleinen Sportboote, die ihren Schleusengang ebenfalls erfolgreich selbstständig gemeistert haben. In Schritttempo verlassen sie das Schleusenareal, düsen dann Mainabwärts davon.

Die Geschichte der Staustufe Mühlheim

Der Bund hat im Jahr 1980 die Schleuse, im Jahr 1988 die Wehranlage errichten lassen. Die Staustufe Mühlheim gehört zur Route der Industriekultur Rhein-Main. Ein Blick in die Geschichte: 1883 begann der Ausbau des Mains. Damit sollte die Anbindung an die Rheinschifffahrt gesichert werden. Heute ermöglichen von der Mündung bis Miltenberg elf Anlagen, teils mit Sportbootschleusen und Fischtreppen, eine freie Fahrt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden in Mühlheim eine Staustufe und ein im Main stehendes Wasserkraftwerk gebaut. Wegen der markanten Architektur hatte es den Beinamen „Kirche im Main“. Beim weiteren Mainausbau nach wurde die Staustufe Mühlheim erneuert. Die neue Schleusenanlage (Länge: 300 Meter, Breite: zwölf Meter, Fallhöhe: 3,77 Meter) wurde in 1980 in Betrieb genommen und später mit einem Wehr und einer Bootsschleuse ergänzt. Das alte Wasserkraftwerk wurde 1989 abgerissen und durch eine moderne Anlage mit zwei Turbinen und einer Leistung von 4800 Kilowattstunden ersetzt.

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