Ein Schmuckstück mit Botschaft

„slow jewellery“: Nicola Jägers Beitrag zum Friedrich-Becker-Preis 2020 im Goldschmiedehaus

Künstlerin Nicola Jäger
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Kunst mit Nachhaltigkeitsgedanken: Nicola Jäger präsentiert ihr Thema „fast fashion – slow jewellery“ gerade im Rahmen einer Ausstellung im Deutschen Goldschmiedehaus.

Hanau – Gefaltetes Silberblech, das den Charakter kleiner glänzender Schächtelchen hat, auf dem filigran geflochtene Silberfäden appliziert sind, an denen wiederum spielerisch leicht aus Kleidung gelöste „Waschetiketten“ angebracht sind, während das komplette Schmuckstück von einem Samtband mit Wäscheschließe gehalten wird: Nicola Jäger hat mit ihrem Werk „Dry clean only“ aus der Serie „fast fashion – slow jewellery“ ein Schmuckstück mit Botschaft geschaffen, die sie unserer Zeitung bei einem Treffen im Deutschen Goldschmiedehaus Hanau erläutert.

Hier ist der Halsschmuck der Hanauer Goldschmiedin aktuell im Rahmen der Ausstellung zum Friedrich-Becker-Preis 2020 unter dem Motto „So geht Schmuck!“ mit den Arbeiten von 41 ausgewählten Künstlern zu sehen, unter anderem auch mit den Broschen „Boxes“ des diesjährigen Preisträgers Junwon Jung.

Nicola Jäger, Gewinnerin des 6. Hanauer Schmuckpreises 2018, zeigte unter anderem 2019 ihre Arbeiten in einer Sonderausstellung im Souterrain des Goldschmiedehauses. Nach ihrem BWL-Studium machte sie 1994 ihren Abschluss als Goldschmiedegesellin an der Staatlichen Zeichenakademie Hanau und war auch nach der Geburt ihrer beiden Töchter viele Jahre in diesem Beruf teils selbstständig teils angestellt tätig, bevor sie sich 2014 dazu entschloss, noch mal die Schul- beziehungsweise Lehrbank zu drücken und an der Zeichenakademie Hanau ihren Abschluss als Gold- und Silberschmiedemeisterin sowie als staatlich geprüfte Produktdesignerin Schwerpunkt Schmuck, Gerät und Accessoire zu machen.

Kunst mit Nachhaltigkeitsgedanken: Nicola Jäger präsentiert ihr Thema „fast fashion – slow jewellery“ gerade im Rahmen einer Ausstellung im Deutschen Goldschmiedehaus

„Ich war eine der ältesten Kursteilnehmerinnen. Aber die Zeit war sehr bereichernd, und ich habe mich zwischen und mit den anderen deutlich jüngeren Teilnehmern wohl gefühlt. Denn ich wollte vor allem künstlerisch weiterkommen, habe nach Austausch und neuen Impulsen für meine Arbeit gesucht“, erinnert sich Jäger, die zumeist alleine in ihrer häuslichen Werkstatt arbeitet, auch wenn sie lange Zeit mit einem eigenen Laden geliebäugelt hat. Inzwischen hat sie diese Idee aufgegeben, denn sie verfügt über viele Stammkunden, gewinnt auf Märkten neue hinzu und präsentiert ihre Schmuckstücke im Internet.

Zu ihrem aktuellen Thema „fast fashion – slow jewellery“ kam Nicola Jäger im Gespräch mit ihren Töchtern über die schnelllebige Massenproduktion großer Billig-Modeketten, die die neuesten Trends der Designer kopieren und die Kunden mit wöchentlich wechselnden Kollektionen in die Geschäfte locken, um ihre Umsatzzahlen zu steigern.

„Dies ist ein Trend zulasten unserer Umwelt. Durch ständige Neuheiten und sehr günstige Preise wird der Konsument zu einer Wegwerfeinstellung erzogen. Gleichzeitig ist die Qualität dieser Produkte oft so minderwertig, dass sie nicht einmal für die Altkleidersammlung oder zum Recycling von Putzlappen taugen“, erklärt die Schmuckgestalterin.

Jährlich werden auf der Welt rund 150 Milliarden Kleidungsstücke hergestellt, meist in Billiglohnländern unter zum Teil katastrophalen Arbeitsbedingungen und enormen Zeitdruck. Auch dürfe man nicht die Milliarden Kleideretiketten nicht vergessen, die fast immer aus synthetischen Fasern gemacht sind. Ihre aufgedruckte Schere fordere zum sofortigen Herausschneiden und Wegwerfen geradezu auf, so Jäger. „Die Rohstoffe, wie Baumwolle, sind oft stark pestizidbelastet. Viele Produkte werden unter Verwendung von Chemikalien hergestellt oder toxisch veredelt und der Wasserverbrauch ist enorm“, ergänzt die Schmuckgestalterin. Ihre „slow jewellery“-Reihe setze sich kritisch mit dem „fast fashion“-Trend auseinander.

„Das gefaltete Blech steht für die Schnittmuster der Textilindustrie, das geprägte Blech deutet die Stoffproben an, die geflochtenen und gewebten Silberfäden versinnbildlichen die Fasern der Textilien, Samtband und Schließe erinnern an Wäsche, und die befestigten Kleideretiketten lassen an billige Massenware denken“, beschreibt die Hanauerin die Bedeutung der einzelnen Schmuckelemente. Das Schmuckstück ist im Gegensatz zur „schnellen Mode“ aus langlebigem Edelmetall gefertigt nach einem Entwurf von Jäger und nicht als Kopie eines Designers. „Das Konzept für meine Arbeit wurde mit Liebe entworfen und unter angenehmen Bedingungen mit Muße in meiner kleinen Werkstatt umgesetzt. Als Unikat soll es dem Träger oder der Trägerin ein Leben lang Freude machen und gleichzeitig ein bisschen zum Nachdenken anregen“ sagt Goldschmiedin Nicola Jäger über den von ihr gestalteten Halsschmuck.

Die Ausstellung

Die Ausstellung mit Werken des Friedrich-Becker-Preises im Deutschen Goldschmiedehaus am Altstädter Markt ist aktuell Freitag bis Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet. Weitere Infos im Internet.

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