An Evakuierungsmission beteiligt

Hanauer IHK-Chef Quidde bei Afghanistan-Einsatz in Verantwortung

Dr. Gunther Quidde im Flecktarn: Drei Wochen im Jahr setzt die Bundeswehr auf die Führungsfähigkeiten des IHK-Geschäftsführers.
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Dr. Gunther Quidde im Flecktarn: Drei Wochen im Jahr setzt die Bundeswehr auf die Führungsfähigkeiten des IHK-Geschäftsführers.

Hanau – Mehr als 400 Soldaten haben in Afghanistan unmittelbar an der größten militärischen Evakuierungsmission in der Geschichte der Bundeswehr teilgenommen. Einer der Verantwortlichen, die im Hintergrund die Fäden gezogen haben, war der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, Dr. Gunther Quidde. Als Oberst der Reserve gab er den Marschbefehl für einige Soldaten der Truppengattung Operative Kommunikation.

Bundeswehrsoldaten am Hamid-Kazai-Airport: Es war ein emotional schwieriger Einsatz für die Soldaten.

Stationiert ist die Einheit in der Oberst-Hauschild-Kaserne im kleinen Eifelstädtchen Mayen.

Seit 1997 tauscht Quidde einmal im Jahr für drei Wochen Anzug und Krawatte gegen „Flecktarn“ und tritt seinen Dienst als Reservist und Staatsbürger in Uniform an. Diesmal sollte er die Urlaubsvertretung für den Kommandeur des Standorts übernehmen. „Im August, da passiert wieder nicht viel, hatte ich gedacht, und mich gründlich getäuscht“, weiß Quidde jetzt. „Diesen Dienst werde ich in meinem Leben nicht vergessen.“

Kommunikationsexperten in Uniform

Mittlerweile ist Quidde in sein Büro in der IHK in Hanau zurückgekehrt und beschreibt, was im Hintergrund zu erledigen ist, bevor eine Evakuierung beginnt. Die Situation am Hindukusch hatte sich schlagartig verändert: Die Taliban standen schon vor den Toren von Kabul. In Berlin tagte der Krisenstab, die Bundeswehr bekam den Auftrag zur „militärischen Evakuierungsoperation (MEO)“. Die militärischen Verbände, deren Personal in den Einsatz soll, wurden alarmiert. „Man muss sich das vorstellen, als ob ein Orchester auf Tournee geht, der Dirigent sich für Streichquartett oder Blasorchester entscheidet und aus seinem großen Orchester seine Musiker für das neue Konzert zusammenstellt“, erläutert der IHK-Hauptgeschäftsführer. Der Dirigent war in diesem Fall Brigadegeneral Jens Arlt, der die Evakuierungsmission leitete.

Aus Mayen verstärkten Kommunikationsexperten in Uniform das Kontingent für den heiklen Einsatz am Hamid-Kazai-Airport von Kabul: Soldaten, deren Aufgabe es sein würde, mit tragbaren Lautsprechern auf dem Rücken Botschaften in mehreren Sprachen zu versenden und ein sogenannter Einsatzkameratrupp. Dessen Videobeiträge, die in Windeseile aufgenommen, professionell aufbereitet und versendet werden, dienen der Operationsführung zur Einschätzung der Lage vor Ort, sie gehen also mitunter auch direkt in den Krisenstab in Berlin. „Unsere Soldatinnen und Soldaten schießen nicht, sondern reden“, sagt Gunther Quidde, um dann aber gleich zu ergänzen: Wer in den Einsatz geht, ist so ausgebildet und ausgestattet, dass er sich auch wirkungsvoll verteidigen kann.

Ernst, aber gefasst war die Stimmung

An jenem Freitag war im Lagezentrum in Mayen noch nicht ganz klar, ob es wirklich zum Einsatz in Afghanistan kommen und der ersten Alarmierung schlussendlich auch der Einsatzbefehl folgen würde. „Wir haben im Lagezentrum Wetten abgeschlossen und ich hatte diesmal recht mit meinem Gefühl, dass es ernst wird“, sagt Quidde. Nachdem am Samstag die „militärischen Kräfte aktiviert und die Verlegung an die deutschen Flughäfen angewiesen worden war“, wie es im Bundeswehrjargon heißt, erfolgte am Sonntag dann tatsächlich der Regierungsbeschluss zum Einsatz. Ernst, aber gefasst sei daraufhin die Stimmung am Standort gewesen, beschreibt Quidde die Gemütslage seiner Soldaten, die auch stolz waren, im Einsatz zu zeigen, wofür sie bisher trainiert hätten.

Emotional war für Quidde die Situation schwierig. Was sagt man Soldaten, die in einen Einsatz gehen, der potenziell tödlich enden kann? „Unsere Spezialisten haben sie über die aktuelle Lage aufgeklärt, ihnen gesagt, dass die Taliban die Evakuierung akzeptiert hätten. Und zum Abschluss habe ich ihnen Soldatenglück gewünscht. Viel mehr kann man in einer solchen Situation nicht tun“, sagt der IHK-Chef.

Die Frage, warum ein Reservist im Krisenfall solche Verantwortung aufgebürdet bekommt, hat Quidde erwartet. „’Saufen, schießen, Schlauchboot fahren’ das war, wenn überhaupt, früher.“ Diese Stereotypen, die man früher mit Reservisten in Verbindung gebracht habe, die hätten spätestens mit der Umwandlung der Bundeswehr in eine Berufsarmee ausgedient, heute werde im Idealfall jeder Soldat durch einen Reservisten ergänzt und damit eventuell auch bei Abwesenheit vertreten. Eine Einheit, die nur aus Reservisten besteht, so wie früher, die gibt es fast nicht mehr. Heutzutage werden die top ausgebildeten Reservisten vollständig in die regulären Truppen integriert.

Militärische Laufbahn begann 1987

Seine militärische Laufbahn begann Quidde 1987 und war dann zwei Jahre lang aktiver Soldat. Schon damals diente der heute 54-Jährige in der Vorgängerorganisation seiner heutigen Truppengattung. Er erinnert sich: „Meine Aufgabe war es unter anderem, die Stimmungslage in der Nationalen Volksarmee der DDR zu analysieren, damit dann andere Soldaten unserer Truppe sie gezielt hätten ansprechen können.“

Durch stetig gute Beurteilungen seiner Vorgesetzten und regelmäßige militärische Weiterbildungen wuchs auch der Verantwortungsbereich des promovierten Volkswirts. Zugführer, Kompaniechef, Bataillonskommandeur und jetzt Oberst. Quidde ist an der Spitze angekommen. Einen höheren Rang kann ein Reservist bei der Bundeswehr nicht bekleiden.Warum er das macht? Zum einen aus einem Gefühl der Verantwortung heraus, das er gegenüber seinen Kameraden verspüre. Zum anderen aber auch, weil seine Arbeit bei der Bundeswehr auch Führungstraining für ihn sei, so der IHK-Chef: „Militärische Führung ist oft klarer, präziser und eindringlicher als zivile und sie schärft das Verantwortungsgefühl. Diese Erfahrung hilft auch der zivilen Führungskraft!“(Holger Weber)

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