Zukunft des Steinheimer Nordfriedhofs

Emotionale Bürgerversammlung: „Soll ich auf den Bus warten?“

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Kaum in Einklang zu bringen sind die Standpunkte der Stadt und vieler Steinheimer zum Nordfriedhof. HIS-Chef Henrich (links) und Stadtrat Morlock hatten einen schweren Stand. 

Steinheim - Warum muss die Trauerhalle auf dem Nordfriedhof weg - und warum jetzt? Auch nach der Bürgerversammlung in der Kulturhalle bleiben diese Fragen für viele offen. Von Oliver Klemt 

In einer emotionsgeladenen Diskussion sahen sich Stadtrat Thomas Morlock und Markus Henrich, Chef des Eigenbetriebs Hanau Infrastruktur Service (HIS), massiver Kritik ausgesetzt. Aus der Rathaus-Perspektive ist der Fall klar: 650.000 Euro, so hoch schätzen Experten die Kosten für eine Grundsanierung, sei die 60 Jahre alte Trauerhalle auf dem Nordfriedhof nicht mehr wert, betonte Henrich eingangs. Erst recht nicht, wenn der Nordfriedhof perspektivisch als Ruhestätte aufgegeben wird. Bis die letzten Grabstätten abgeräumt sind und der Friedhof an der Hermann-Ehlers-Straße zu einem Park wird, können nach seinen Worten zwar noch 80 bis 100 Jahre vergehen.

Den Verkauf von neuen Wahlgrabstätten für Erdbestattungen will die Stadt aber bereits zum 1. Juli einstellen. In bestehenden Familiengräbern können indes weiterhin Angehörige beigesetzt werden, versicherte Morlock. Die Trauerhalle ist laut städtischen Baufachleute indes marode, dass sie noch in diesem, spätestens 2019 abgerissen werden soll. Henrich zeichnete ein düsteres Bild: Kaputtes Dach, teils aus asbesthaltigem Eternit, Wasserschäden in den Räumen. Stahlträger und Beton-Armierungen sind verrostet, Putz bröckelt im feuchten Keller und im Treppenhaus, die Dacheinfassung ist ebenso hinüber wie die meisten Fenster und Türen. Wegen der uralten Wasserleitungen drohten sogar Probleme mit den Gesundheitsbehörden.

Das alles sei doch nach und nach zu richten, wandten mehrere Bürger ein. Kleinteilig und sukzessive könne die Stadt aber nicht vorgehen, hielten Morlock und Henrich dagegen. Gesetzliche Vorschriften verlangten eine fachgerechte Sanierung - oder eben den Abriss des schadhaften Bauwerks. Insgesamt 100.000 Euro sind im aktuellen Finanzplan für Abriss und einen kleinen Neubau vorgesehen, der Toiletten und einen Lagerraum für das Arbeitsgerät der Friedhofsgärtner aufnehmen soll.

Bei den rund 70 versammelten Steinheimern stieß das auf Unverständnis. Vor allem stört sie, dass die Trauerfeiern vor Beisetzungen auf dem Nordfriedhof künftig in der vor einigen Jahren errichteten Trauerhalle auf dem Südfriedhof stattfinden müssen. Danach, so das von einer Teilnehmerin als „unwürdig“ bezeichnete Szenario, müsse der Verstorbene zur Beerdigung auf den Nordfriedhof gefahren werden und die Trauergemeinde zusehen, wie sie dorthin gelange. 1,3 Kilometer Entfernung seien für alle, besonders für ältere, gehbehinderte Menschen eine Zumutung, empörten sich mehrere Besucher. „Soll ich auf den nächsten Bus warten?“, fragte eine Seniorin.

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Wenig Eindruck machten dem gegenüber die Fakten, mit denen Morlock und Henrich dem Unmut zu begegnen suchten. Bei 40 Hektar zu pflegender Fläche auf zehn Friedhöfen müsse die Stadt Sparpotenziale heben. Bei stark rückläufigen Erdbestattungen - aktuell finden 75 Prozent aller Beisetzung in Urnen statt, Tendenz steigend - nehme die freie und damit von den 16 Friedhofsgärtnern zu pflegende Fläche zu, und das bei sinkenden Einnahmen aus den Friedhofsgebühren.

„Wie will die Stadt einen Park pflegen, wenn sie nicht einmal den Friedhof pflegen kann?“, hielt eine Bürgerin dagegen und fasste die vielfach laut gewordene Kritik am Zustand des Nordfriedhofs zusammen. Hohes Gras und Wiesenblüten erhalte die Stadt auf ihren Grünflächen bewusst mit Blick auf die Artenvielfalt, beschied Henrich und wies seinerseits auf viele ungepflegte Gräber hin. Hinnehmen mussten er und der Stadtrat den vielstimmigen Vorwurf, die Trauerhalle lange vernachlässigt zu haben: Seit Jahrzehnten, so ein zorniger Besucher, sei an dem Gebäude nichts mehr gemacht worden.

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