Bevölkerung unter dem Eindruck der Bombennacht

Kriegsende vor 75 Jahren in Hanau: Erleichterung, aber kein Jubel

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Die Ruine der Wallonisch-Niederländischen Kirche: Nicht wesentlich anders als auf dieser Aufnahme von 1946 dürfte sich die zerstörte Hanauer Innenstadt dem Betrachter am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, gezeigt haben.

Als heute vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, die Wehrmacht kapitulierte und damit den Zweiten Weltkrieg beendete, hatte Hanau das Kriegsende schon gut vier Wochen hinter sich.

Nicht, dass nicht auch in der Goldschmiedestadt einige Fanatiker bis zum bitteren Ende weiterkämpfen wollten, aber das militärische Geschehen war mit dem zügigen Vormarsch der Amerikaner, die in der Nacht vom 22. auf den 23. März bei Oppenheim den Rhein überquert hatten, an den Ufern des Mains schnell zu Ende gegangen.

Am 29. März, dem Gründonnerstag, war nach dreitägigen ebenso erbitterten wie aussichtslosen Kämpfen um die Großauheimer Mainbrücke der Krieg für Hanau zu Ende.

Bombenangriff macht Hanau dem Erdboden gleich

Doch was war von Hanau geblieben? Beim letzten Bombenangriff des britischen Bomber Command war die, wie alle Ziele des nächtlichen Bomberterrors, militärisch bedeutungslose Stadt dem Erdboden gleichgemacht worden. Nur noch wenige Menschen waren in der nahezu komplett zerstörten Innenstadt, als die ersten US-Panzer durch das Trümmerfeld rollten.

Die Überlebenden des 19. März waren im weitgehend unzerstörten Stadtteil Kesselstadt, teilweise im Lamboy und vor allem auf den umliegenden Dörfern untergekommen. Nicht überall willkommen, vor allem aber traumatisiert vom Verlust von Hab und Gut und in Trauer um die zahlreichen im Bombenhagel getöteten Angehörigen.

Fanatischer Oberbürgermeister glaubte weiter an Endsieg

Zugleich aber spielte sich Bizarres ab. Für NS-Oberbürgermeister Junker galt es, trotz der anrückenden Amerikaner weiterhin für den „Endsieg“ zu arbeiten: Er befahl wenige Tage später, die provisorisch in der Geibelschule in Kesselstadt untergebrachte Stadtverwaltung zu evakuieren und nach Hilders in der Rhön zu verlegen. So wurden denn Akten und Büroeinrichtungen auf Lkw verladen und abtransportiert, wie Gerhard Flämig 1985 in der Serie „Tagesgespräch vor 40 Jahren“ im HANAUER berichtete.

Zur gleichen Zeit, also in den Tagen zwischen dem 19. und dem 29. März, verschwand ein Großteil des Inhalts der Silberkammer von Schloss Philippsruhe. Die Preziosen aus den umfänglichen landgräflichen und kurfürstlichen Sammlungen hatte man bereits in Kisten verpackt, um sie in Sicherheit zu bringen. Sie sind bis heute spurlos verschwunden.

Bevölkerung steht bei Befreiung noch unter dem Eindruck der Bombennacht

Hatte man nach dem 19. März noch gerungen um eine Erklärung für dieses ebenso vorhersehbare wie dann doch unfassbare Inferno, in dem unterschiedslos Alte, Frauen, Kinder, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ihr Leben lassen mussten, so wollte sich nun Jubel auch nicht breitmachen.

Amerikaner auf der Durchfahrt in Hanau: undatierte Aufnahme U.S. Army Photo Platoon

Vielfach sah man in den einrückenden Alliierten eher diejenigen, welche nächtens Bomben auf die Zivilbevölkerung abgeworfen und ein Kleinod deutschen Städtebaus vernichtet hatten. Konnte man sich von solchen Leuten „befreit“ fühlen? Und was sollte die Zukunft bringen?

Sinnlose Kämpfe gingen noch lange weiter

Noch waren die meisten Männer an der Front. Auch ganz in der Nähe wurde noch gekämpft: Im Vogelsberg versuchten die Reste der SS-Gebirgsdivison Nord die Amerikaner aufzuhalten, auf der Spielberger Platte ging es noch um den 20. April verlustreich, aber erfolglos zu Sache. Von den Kämpfen im Osten hörte man allen Propagandaberichten der Nazis zum Trotz nichts Gutes.

Zu Zehntausenden fielen Soldaten beider Seiten in sinnlosen Abwehrschlachten; die Überlebenden gerieten in Gefangenschaft und ließen die Familien oft jahrelang im Ungewissen über ihr Schicksal.

Amerikaner schaffen schnell Verwaltungsstrukturen

Nein, befreit konnte man sich in Hanau nach dem 29. März beileibe nicht fühlen, auch wenn mit den Amerikanern eine Instanz das Ruder übernahm, die dem Nazisystem und dem Krieg nun ein rasches Ende bereiten sollte. Gleichwohl sahen die einen die Trümmerwüste Hanau nun „in der Hand des Feindes“, andere fühlten sich zumindest erleichtert, denn der Krieg war für die Stadt und zunehmend auch das Umland zu Ende.

Die Amerikaner waren bemüht, in den von ihnen besetzten Orten schnell neue Verwaltungsstrukturen zu schaffen. Nachdem die Kampftruppen in Richtung Mittelbuchen weitergezogen waren, requirierten sie für die nachrückenden Stäbe und Sonderkommandos unzerstörte Häuser in Kesselstadt und Steinheim. Diese Sondereinheiten suchten Naziverbrecher oder betätigten sich als „Kunstschutzoffiziere“, welche die Kulturgüter des besetzten Gebietes sichern sollten.

So wurden manche „Ausgebombte“ schon nach wenigen Tagen wiederum des Dachs über ihren Köpfen beraubt. Diesmal traf es aber auch die vorherigen, von den Bomben verschonten Kesselstädter. Nach Ostern 1945 rollte auf die Dörfer des Hanauer Umlandes eine zweite Welle von „Einquartierungen“ zu.

Dramatische Versorgungslage in Hanau

Am 3. April 1945 hatte die US-Militärverwaltung den 1933 von den Nazis aus dem Amt gejagten Oberbürgermeister Kurt Blaum wieder als provisorisches Stadtoberhaupt eingesetzt. Die Versorgungslage in der zerstörten Stadt war prekär, während der Ostertage hatten hungrige Hanauer die Lager der Lebensmittelgroßhandlung E. F. Döring an der heutigen Friedrich-Ebert-Anlage ausgeräumt.

Lebensmittel waren rar: Das Foto vom Hanauer Hauptbahnhof zeigt Hanauer, die einen Zug plündern.

So war eine der ersten Amtshandlungen Kurt Blaums die amtliche Bekanntmachung Nr. 1 folgenden Wortlauts: „ Jedes Vergreifen an fremdem Eigentum, Plündern und Zerstören muss sofort aufhören“! Eine neu aufgebaute Polizei werde mit äußerster Strenge eingreifen.

Hanauer werden auf die Dörfer vertrieben

Die Versorgung mit Lebensmitteln auf den Dörfern war nicht sehr viel besser als in der Stadt. Die Kriegswirtschaft hatte auch die Landwirtschaft ausgelaugt. Und so sahen viele Bauern die ausgebombten und nun von den Amerikanern vertriebenen Hanauer nicht nur mit Sympathie. Noch wusste man nicht, wie die gemeinsame Zukunft aussehen sollte, vor allem aber wie lange dies alles noch dauern sollte. 

Um es vorweg zu sagen: Jahre. Eine ganze Generation von Hanauer Kindern wurde auf den Dörfern rundherum eingeschult. Und doch entwickelten sich auch zahlreiche lebenslange Verbindungen in jenen schwierigen Jahren. Die Hanauerin Doris Müller-Glattacker hat dieser Zeit und ihren Menschen 2008 in ihrem autobiografischen Buch „Schnuddeputzers Tochter“ eindrucksvoll ein literarisches Denkmal gesetzt.

Männer zwischen 16 und 65 werden in der Landwirtschaft eingesetzt

Mit der städtischen Bekanntmachung Nr. 2 vom 21. April wurde die „Notdienstverpflichtung“ verkündet. Alle Männer zwischen 16 und 65 Jahren mussten sich registrieren lassen und wurden bei Aufräumungsarbeiten und in der Landwirtschaft eingesetzt. Das hatte noch nichts mit den späteren Arbeitseinsätzen zur Trümmerbeseitigung zu tun, bei denen die Hanauer Innenstadt ab März 1946 von den Folgen des Bombenterrors befreit wurde.

Die Notdienstverpflichteten im April 1945 wurden teilweise eingesetzt, um Leichen aus den Trümmern der Stadt zu bergen, vor allem aber in der Landwirtschaft. Vor allem bei den Bauern fehlten nämlich im Frühjahr 1945 Arbeitskräfte; die bis dahin eingesetzten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter waren ja nun „befreit“, die Bauern noch als Soldaten an der Front. Die Koordination für die Landwirtschaft übernahm das Landratsamt, welches seit dem 16. April im Kurhaus Wilhelmsbad eingerichtet worden war.

Polizeireviere mit unbelasteten Beamten besetzt

Am 26. April führte dann die provisorische Verwaltung Lebensmittelkarten ein, was die Versorgungslage zwar nicht deutlich verbessern konnte, aber in halbwegs geordnete Bahnen lenkte. Ende April wird auf Vorschlag von Oberbürgermeister Blaum der vormalige SPD-Landtagabgeordnete Karl Rehbein von der US-Kommandantur zum Polizeidirektor berufen, am 1. Mai nahmen zwei Polizeireviere die Arbeit mit „unbelasteten“ Beamten die Arbeit auf. 

Tageszeitungen gab es noch keine, die Nazi-Blätter waren von den Amerikanern sofort verboten worden. Doch aus dem Rundfunk der Alliierten konnten sich die Hanauer nunmehr ungestraft informieren. Ihnen blieb, wie auch dem Rest der Deutschen, nicht verborgen, dass sich der Krieg dem Ende näherte. Am 2. Mai meldete der Großdeutsche Rundfunk, dass „der Führer bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen ist“

Amerikaner feiern Kriegsende mit Leuchtraketen

Am 4. Mai kapitulierten die deutschen Truppen in den Niederlanden, in Nordwestdeutschland und in Dänemark. Es war nur noch eine Frage von Tagen bis zur vollständigen Kapitulation. Am 8. Mai kam dann die Meldung vom Kriegsende über den Rundfunk. Und nicht nur in Hanau jubelten die amerikanischen Soldaten. Augenzeugen berichteten, dass so manche Salve in die Luft geballert, Leuchtraketen verschossen wurden. Erleichtert, ja, zum Jubeln aufgelegt eher nein, könnte man für die Deutschen sagen.

Das Dritte Reich war Geschichte, doch die Gegenwart war alles andere als rosig. Hunger plagte weite Kreise der Bevölkerung. In der Woche des Kriegsendes hatte jeder Hanauer, der älter als sechs Jahre war, laut Lebensmittelkarte Anrecht auf 1500 g Roggenbrot, 250 g Weißbrot oder Mehl, 200 g Fleisch, 62,5 g Hülsenfrüchte, 75 g Butter oder Margarine, 62,5 g Käse, 125 g Zucker und 1 Ei. So es diese Produkte denn auch wirklich gab. Nicht nur für viele Hanauer begann also der Frieden heute vor 75 Jahren mit knurrendem Magen.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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