Eröffnung der Weltkriegs-Ausstellung

Gebrüllte Befehle zum Maikäfer-Lied

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„Krieg? Was soll’s“ heißt ein Theaterprojekt, das Schüler der Lindenauschule im Juni uraufführen wollen. Bei der Eröffnung der Ausstellung über Großauheim im Ersten Weltkrieg gab es in der Alten Schule einen Vorgeschmack. 

Großauheim - Weltgeschichte unter dem lokalen Mikroskop: Mit einer Eröffnungsfeier im Bürgerhaus Alte Schule hat das Ausstellungsprojekt „Von Hoffnung, Angst und Hunger - Großauheim im Ersten Weltkrieg“ begonnen.

OB Claus Kaminsky appellierte vor dem düsteren Hintergrund der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ an den europäischen Zusammenhalt: Um die kontinentale Friedensordnung zu bewahren, brauche es nicht weniger, sondern mehr Europa. Aktuelle weltpolitische Herausforderungen blieben bei der gut einstündigen Auftaktveranstaltung bis zum Schluss im Blick. Bevor die über 100 Gäste zu einem ersten Rundgang durch die Präsentation im nahen Großauheimer Museum aufbrachen, setzte eine Theatergruppe aus der Jahrgangsstufe 12 der Lindenauschule dramatische Akzente. Spielszenen aus dem Schauspielprojekt „Krieg? Was soll’s“, das in Gänze am 9. Juni im Museum zu sehen ist, illustrierten teils drastisch die oft widersprüchliche Wahrnehmung von Krieg und Gewalt: Weichgespülte Wirklichkeit in Feldpostbriefen, gebrüllte Befehle und schreiende Verwundete, Kinder singen „Maikäfer flieg“.

Lindenau-Schüler lieferten auch die Grundlagen für die Ausstellung, die die lokalen Folgen des Krieges 1914 bis 1918 in zehn Themenbereichen und anhand zahlreicher Einzelschicksale beleuchtet (wir berichteten). Spürbar werde die „Hilflosigkeit der Bevölkerung und die Arroganz der staatlichen, vor allem der militärischen Organe“, so Kurator Wolfgang Hombach. Schulleiterin Ingrid Koch, die das Langzeitprojekt seit dem Start in einem Geschichte-Leistungskurs 2013 begleitet und seither in Wahlpflichtkursen für die Jahrgangsstufe neun fortführt, hat beeindruckt, wie sehr seinerzeit Verluste von Angehörigen und materiellen Lebensgrundlagen die Familien veränderten.

Das Projekt sei ein Beitrag zur Friedenserziehung, betonte Koch: „Der Kampf um die Köpfe ist immer wieder zu führen“. Laut Hombach haben sich inzwischen rund 100 Schüler in das Thema vertieft. Interesse weckt bei ihnen nach Angaben von Sebastian Saliger, der den Kurs 2014 als Lehrer übernahm, vor allem der Umgang mit Primärquellen aus Stadt- und Staatsarchiv sowie den Beständen des Großauheimer Geschichtsvereins: Alte Briefe, Akten und andere zeitgenössische Dokumente. „Modernen didaktischen Texten in Geschichtsbüchern fehlt die Magie“, so der Studienrat. „Sie werden viel schneller uninteressant“.

Gedenken an die Opfer des Holocaust

Attraktiv für die jungen Menschen ist, so Saliger, auch der direkte lokale Bezug. Großauheims Geschichte in jener Zeit weise Besonderheiten auf, betonte Wolfgang Hombach: Im Kontrast zur großen Garnisonsstadt Hanau, von wo aus 180.000 Soldaten an die Front zogen, und zum dörflichen Alltag in kleinen Landgemeinden habe die von Industrie geprägte Kleinstadt die Kriegsfolgen auf jeder Ebene gespürt.

Die Arbeit mit den Schülern habe bisher unbekannte Geschichten und Details ans Licht gebracht, die auch der lokalen Geschichtsforschung zugutekämen. So will der Heimat- und Geschichtsverein nach Worten von Dr. Bertold Picard noch dieses Jahr das Großauheimer Ehrenbuch in einer korrigierten und kommentierten Ausgabe herausbringen. Aktuell im Mittelpunkt der Ausstellung, verzeichnet es laut Picard Namen und Schicksale von über 170 an der Front gefallenen Großauheimern - „keine Verwundeten, keine Hungertoten, keine Witwen, Waisen und Halbwaisen“. 1936 erschienen, habe das Buch die Katastrophe ausgeblendet und den Ersten Weltkrieg als heroische Epoche glorifiziert - ganz im Sinn der Machthaber auf dem Weg in den nächsten Waffengang. Die Ausstellung im Museum Großauheim läuft bis 30. Oktober und ist samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr zu sehen.

(rdk)

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