Verletzte Ehre vermutet die Staatsanwaltschaft als Motiv für den Angriff eines 63-Jährigen auf seine Ehefrau

Erziehung mit elf Messerstichen

Hanau J „Dein Leben ist in meiner Hand“, soll ein 63-Jähriger Deutsch-Marokkaner in den fast 40 Ehejahren immer wieder zu seiner Frau gesagt haben. Am 12. November vergangenen Jahres wurde diese als Drohung gemeinte Aussage anscheinend schreckliche Realität. Von Andreas Ziegert

Mit einem langen Fleischermesser hat er laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft elfmal auf seine Frau eingestochen und erst von ihr abgelassen, als er davon ausging, dass sie tot ist. Die 53-Jährige überlebte schwer verletzt, ihr Noch-Ehemann muss sich vor der 1. Großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts nun wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Über eine Stunde suchte der Angeklagte beim Prozessauftakt zunächst nach Ausflüchten, kann sich angeblich an die Tat nicht erinnern und sagte nur aus, dass er in der Küche unter einem Schrank ein Messer liegen sah und dann irgendwas in ihm hochgekocht sei. Doch dann brach es aus ihm heraus: „Ja, ich habe es getan, ich habe zugestochen und dann wollte ich mich selbst richten. Und ich bin froh, dass sie noch lebt!“ Dieses Geständnis kam aufgrund der erdrückenden Beweislage allerdings nicht überraschend, bereits einen Tag nach der Tat wurde der 63-Jährige im November 2012 noch auf der Intensivstation einem Richter vorgeführt und vorläufig festgenommen.

Und so soll sich die Tatabgespielt haben: Bereits einige Tage zuvor hatten die Eheleute offenbar Streit und seitdem nicht mehr miteinander gesprochen. Die Frau soll danach angekündigt haben, die gemeinsame Wohnung zu verlassen, um sich von ihrem Mann zu trennen. Gegen 11.45 Uhr trafen sich beide eher zufällig im Aufzug ihres Wohnhauses, stiegen zusammen auf der Etage ihrer Wohnung aus, die Frau ging allerdings noch ein Stockwerk höher in den Wasch- und Trockenraum. Der 63-Jährige holte in dieser Zeit das Fleischermesser aus der Wohnung und folgte ihr.

„Heute bring ich dich um, heute ist dein letzter Tag“, soll er dort zu seiner Frau gesagt und anschließend zugestochen haben. Das Opfer versuchte zu fliehen, der Täter schnappte sich aber den Schal der Frau und zog sie immer wieder zu sich hin. Die 53-Jährige erlitt Verletzungen an Armen und Beinen, mit einem Stich zwischen Bauch und Brust wurden ihr Magen und Leber durchtrennt. „Anschließend hat er vier Mal gegen meinen Kopf getreten und gefragt: Bist du tot oder nicht?“, erinnerte sich die Frau, die zwar noch bei Bewusstsein war, aber sich nicht mehr rührte. Danach verletzte sich der Mann mit dem Messer selbst und wollte sich offenbar auch umbringen.

Von den Hilfeschreien der Frau alarmiert, waren kurz danach eine Nachbarin und auch der jüngste Sohn der Familie am Tatort.

Mehrere Tage lag die Frau im Koma, war drei Wochen im Krankenhaus und kann auch heute die Finger an ihrer linken Hand nicht mehr bewegen.

Das Motiv ist vermutlich die Verletzung seiner Ehre, die der 63-Jährige befürchtete, falls sich seine Frau tatsächlich von ihm trenne. Gegenüber einem Gutachter soll der 63-Jährige gesagt haben, dass er befürchtete, als Lachnummer vor anderen Leuten dazustehen, falls seine Frau ihn verlasse. Allerdings haben auch die fünf Kinder den Familienvater schwer belastet. Demnach sollen neben Fäusten und Gürtel auch immer wieder Messer bei der Erziehung zum Einsatz gekommen sein.

Ähnliches berichtete die 53-Jährige aus dem ehelichen Leben. Nach der Heirat 1974 in Marokko, die Frau war damals nicht einmal 14 Jahre alt, arbeitete der Angeklagte zunächst einige Jahre in Deutschland, wohin ihm seine Ehefrau erst 1981 im Zuge einer Familienzusammenführung folgte. Anschließend bekamen beide zwar fünf gemeinsame Kinder, die Frau gab allerdings an, von Beginn an geschlagen worden zu sein.

„Ich bin auch ein Mensch“, sagte sie. Im vergangenen Jahr versuchte sie offenbar mit der Unterstützung ihrer Kinder diesem Familienmartyrium zu entkommen. Ehestreitigkeiten mussten auch des Öfteren von der Polizei geschlichtet werden, wobei der Mann sogar der Wohnung verwiesen wurde.

Die Vorwürfe seiner Familienangehörigen bestritt der Angeklagte, der im Gerichtssaal immer wieder den Blickkontakt zu seiner Frau und den anwesenden Verwandten suchte. Die 53-Jährige hat allerdings inzwischen die Scheidung eingereicht.

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