„Mir ging es darum, Ereignisse festzuhalten“

Marcin Wierzchowski dreht Filme über das Attentat vom 19. Februar und die Folgen

Immer nah dran mit der Kamera: Marcin Wierzchowski filmte die Ereignisse rund um den 19. Februar.
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Immer nah dran mit der Kamera: Marcin Wierzchowski filmte die Ereignisse rund um den 19. Februar.

Ein Jahr lang hat er die Angehörigen der Opfer begleitet und mit seiner Kamera die Ereignisse um den rassistischen Anschlag vom 19. Februar dokumentiert: der Frankfurter Filmemacher Marcin Wierzchowski. In ganz persönlichen Geschichten der Angehörigen und immer mit dem Versuch, das große Ganze im Blick zu behalten. Die Folgen für die Stadt und das gesellschaftliche Zusammenleben.

Hanau – Für seine aktuellen Fernsehproduktionen hat er mit einer Cutterin des Hessischen Rundfunks anderthalb Monate im Schnitt gesessen. Und er hat sich durch Unmengen an digitalem Filmmaterial gewühlt. „Wie viele Stunden zusammengekommen sind, das traue ich mich nicht auszurechnen“, sagt er. Vier große Festplatten habe er bereits gefüllt. Über Notizbücher und Tabellen versucht er den Überblick zu behalten, über all das, was passiert ist. Ab heute ist sein Dokumentarfilm „Hanau – eine Nacht und ihre Folgen“ in der ARD-Mediathek zu sehen. Am 19. Februar werden die Doku und eine Reportage mit anderem Schwerpunkt im Fernsehen ausgestrahlt.

Durch seine eigene Migrationsgeschichte und die räumliche Nähe zum Geschehen habe er sich betroffen gefühlt. „Mercedes Kierpacz war in meinem Alter, als sie erschossen wurde“, sagt Wierzchowski. „Ich hatte einfach das Gefühl, das hätte auch mich treffen können, wenn ich in der Bar gewesen wäre.“ Der gebürtige Pole kam, als er knapp ein Jahr alt war mit seiner Familie nach Deutschland und wuchs in Friedrichsdorf auf. Seit rund zehn Jahren lebt und arbeitet er in Frankfurt, wo er sich mit einer Filmproduktionsfirma selbstständig gemacht hat. Von dem Attentat am 19. Februar erfuhr er in derselben Nacht aus dem Fernsehen, wo die Hintergründe der Tat noch unklar waren.

Gedreht hat Wierzchowski oft alleine mit der Kamera

„Ich war so schockiert, dass ich gleich am nächsten Tag nach Hanau gefahren bin.“ Ohne dass klar war, was daraus werden sollte. „Mir ging es darum, erstmal die Ereignisse festzuhalten“, sagt er. Doch wo anfangen? Erste Anhaltspunkte waren Freunde und Bekannte in Hanau sowie das Kurdische Kulturzentrum, wo sich Angehörige der Opfer versammelt hatten. Am Abend fanden bereits Trauermärsche, Kundgebungen und Demonstrationen in der Hanauer Innenstadt statt. „Ich habe einfach geschaut, was passiert und auf das reagiert, was ich vorgefunden habe. Nach und nach bin ich dann mit immer mehr Angehörigen in Kontakt gekommen und habe dann begonnen, deren Geschichte zu dokumentieren“, so Wierzchowski. „Später sind auch Familien auf mich zugekommen, die gesagt haben, zeig, was passiert – und dann bin ich dabei geblieben.“ Gedreht hat Wierzchowski oft alleine mit seiner Kamera. „Ich konnte so flexibler auf Situationen reagieren und war nah dran, auch bei intimeren Gesprächen.“

Während er zu einigen Angehörigen recht schnell einen persönlichen Draht hatte, habe es bis zu einem Jahr gedauert, bis sich andere Familien geöffnet hätten, um ihm ihre Geschichten zu erzählen. „Das ist leider ein Ereignis von historischer Tragweite“, sagt er und zeigt sich beeindruckt von der Initative und Kraft der Angehörigen: „Das gab es noch nie, dass die Familien sich nach einem Anschlag zusammengetan und gesagt haben, wir kämpfen für Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen. Wir gehören zu diesem Land und wollen keine Bürger zweiter Klasse sein.“ So begleitete Wierzchowski auch von Anfang an die Arbeit der Initiative 19. Februar Hanau filmisch.

Pandemie machte anderen Projekten einen Strich durch die Rechnung

Dass der 37-Jährige einmal beruflich Filme machen würde, sei ihm schon in der Schulzeit bewusst gewesen. Die Schule brach er jedoch ab, näherte sich Schritt für Schritt dem Film an. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er das Abitur nach und studierte Film an der Kunsthochschule in Mainz. Während des Studiums gründete er seine eigene Produktionsfirma „Milk and Water“, bei der er Image- und Kampagnenfilme sowie künstlerische Film-Installationen dreht, schneidet und produziert. Der Dokumentarfilm samt Fernsehableger sind daher sein bisher größtes Projekt.

Wäre die Corona-Pandemie nicht dazwischen gekommen, hätte er in Rio de Janeiro gefilmt. Denn sein erster Dokumentarfilm sollte sich um die Auswirkungen der Olympischen Spiele auf Brasilien beziehen, auf die verfallenden Sportstadien von 2016, den Rechtsruck in der Gesellschaft und die Unruhen um den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Diese Arbeit musste ruhen. Stattdessen dreht sich Wierzchowskis Dokumentarfilmdebüt nun um die Ereignisse um den Anschlag vom 19. Februar.

Nächstes Jahr kommt sein Dokumentarfilm auf die große Leinwand

Die Fernsehreportage „Das Attentat von Hanau“ erzählt drei ganz unterschiedliche Geschichten: Die von Serpil Unvar, die ihren ältesten Sohn verlor und sich nun mit einer Bildungsinitiative an Schulen gegen Rassismus stark machen will. Die Geschichte von Piter Minneman, der in der Nacht des Anschlags mit seinen Freunden in der Arena Bar war. Und die von Vili Viorel Paun, der versucht hatte, den Täter in der Nacht aufzuhalten und ihm vom Heumarkt zum zweiten Tatort hinterher gefahren war, wo er in seinem Auto erschossen wurde. Der andere Fernsehbeitrag „Hanau – Eine Nacht und ihre Folgen“ dreht sich um die Angehörigen aller neun Opfer, darum wie sie die Tatnacht und das Jahr danach erlebt haben.

Bis Mitte kommenden Jahres will Wierzchowski das Drehmaterial zu einem Kinofilm mit dem Arbeitstitel „Warum nicht sagen, was geschah?“ verarbeiten. Das Projekt wird bereits seit Dezember mit 90 000 Euro von HessenFilm gefördert. „Mit der Förderung dieses Dokumentarfilms soll die filmische und damit auch gesellschaftliche Aufmerksamkeit ein Jahr nach den Anschlägen gestärkt und den Opfern und ihren Angehörigen im Diskurs über die Anschläge mehr Platz eingeräumt werden“, begründet HessenFilm-Sprecherin Elena Lindenzweig die Förderung auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Dreharbeiten laufen bis dahin weiter.

(Von Jasmin Jakob)

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