Pipa: „Der Beweis ist erbracht“

Main-Kinzig-Kreis - Bernhard Maßberg war am Mittwochabend in der proppenvollen Stadthalle von Gelnhausen nicht zu beneiden. Wütende, zum Teil hysterische Zwischenrufe musste der Ministerialdirigent im Hessischen Verkehrsministerium über sich ergehen lassen. Von Dirk Iding

Seiner Zusicherung, dass die Landesregierung „alles unterstützt, was die Bürgerinnen und Bürger vor unnötigem Fluglärm schützt“ glaubte kaum einer im Saal.

Dabei wäre das so einfach - zumindest wenn man Landrat Erich Pipa (SPD) glaubt. Denn er sieht durch ein vom Main-Kinzig-Kreis und den Kommunen in Auftrag gegebenes Gutachten den Beweis erbracht, dass den Fluglärm übern Kinzigtal um die Hälfte reduzierende Anflugverfahren „schon morgen eingesetzt werden könnten.“ Die Umsetzung der von Gutachter Michael Morr vorgeschlagenen alternativen Anflugverfahren will der Main-Kinzig-Kreis jetzt bei der Bundesaufsicht für Flugsicherung (BAF) förmlich beantragen. Wird das abgelehnt, werde der Kreis klagen, kündigte der Landrat an.

Zuvor hatte Michael Morr, ehemaliger Fluglotse bei der Deutschen Flugsicherung und heute Geschäftsführer der „to70 GmbH“, die Ergebnisse seiner per Computersimulation durchgeführten verschiedenen Anflugvarianten vorgestellt. Dabei sei er stets von 68 Anflügen pro Stunde ausgegangen. Das entspreche der für das Jahr 2020 prognostizierten Kapazität.

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Durch die von ihm empfohlenen Anflugverfahren komme es zu keiner Lärmverlagerung und sie entsprächen sämtlichen internationalen Anforderungen an die Flugsicherheit, versicherte der Experte. Auch unter diesen Voraussetzungen ist es nach Ansicht von Morr möglich, durch Heraufsetzung der Anflugprofile um 300 Meter und konsequente Anwendung des so genannten kontinuierlichen Sinkfluges den Fluglärm über dem Kinzigtal schon in einem ersten Schritt um rund die Hälfte zu reduzieren. Davon, so meint der Gutachter, würde auch Hanau profitieren, allerdings nicht so stark wie die weiter östlich gelegenen Kommunen im Main-Kinzig-Kreis.

Zusätzliche Entlastung könnte das so genannte „Point Merge“-Verfahren bringen, das demnächst in Paris eingeführt werden soll und bereits über dem Luftraum von Oslo und Dublin praktiziert werde. Dafür allerdings sei eine international abgestimmte Neuordnung des Luftraums über Rhein-Main notwendig, so dass die Einführung dieses Verfahren einige Zeit an Vorbereitung benötigte.

Weitere Zunahme des Fluglärms befürchtet

Nach Ansicht von Landrat Erich Pipa (SPD) und Kreis-Verkehrsdezernent André Kavai (SPD) beweist das Gutachten, dass die seit zehn Jahren vom Main-Kinzig-Kreis erhobene Forderung nach Einführung lärmsreduzierten Anflugverfahren durchaus möglich ist. Dass dies dennoch bislang nicht geschehen sei, hat nach Auffassung von Rechtsanwalt Matthias Möller-Meinecke, der den Main-Kinzig-Kreis in Sachen Fluglärm juristisch vertritt, mit einer Strategie der Luftverkehrsträger zu tun: „Die Kapazität des Rhein-Main-Flughafens soll auf bis zu 900.000 Flugbewegungen im Jahr gesteigert werde. Das bedeutet eine erhebliche Zunahme des Fluglärms. Deshalb hält man jetzt lärmmindernde Anflugverfahren noch bewusst zurück.“

Derweil zeigten die zum Teil hoch erregten Wortmeldungen der Zuhörer, wie sehr das Thema Fluglärm offenbar vielen Menschen im Main-Kinzig-Kreis auf den Nägeln brennt. Selbst aus dem bayerischen Mömbris waren „Fluglärmgeplagte“ in die Gelnhäuser Stadthalle gekommen.

Landrat Pipa ermunterte die Bürgerinnen und Bürger zu weiteren Protesten und Aktionen gegen den Fluglärm. „Nur wenn wir den Druck aufrecht erhalten, wird sich etwas zum positiven ändern“, erklärte der SPD-Politiker. Dabei kritisierte er Aussagen des Offenbacher Flughafenbeauftragen, Dieter Faulenbach da Costa, der erklärt hatte, die Hauptbetroffenen rund um den Flughafen würden von den Morr-Vorschlägen überhaupt nicht profitieren. Faulenbach da Costa rede das Gutachten schon kaputt, bevor er es überhaupt gekannt habe.

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