19. Februar

Politiker fordern Normalität nach Terroranschlägen in Hanau - Angehörige äußern Unverständnis

Knapp sechs Monate nach der Ermordung von neun Hanauern mit Migrationshintergrund durch einen rassistisch motivierten Täter hat sich die Form des richtigen Gedenkens an die Opfer in der Stadt zum Thema einer kontroversen Diskussion entwickelt.

  • Sechs Monate nach den rassistisch motivierten Anschlägen in Hanau gibt es noch Diskussionen
  • CDU-Politiker fordern eine Rückkehr zur Normalität
  • Angehörige der Opfer reagieren mit Unverständnis

Hanau – Der Landtagsabgeordnete Heiko Kasseckert und Hanaus Ex-Oberbürgermeisterin Margret Härtel (beide CDU) plädieren dafür, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten und ihre Ermordung als stete Mahnung zu begreifen, aber dennoch zur Normalität zurückzufinden. Beide wünschen sich, dass das Nationaldenkmal der Brüder Grimm wieder ausschließlich den beiden großen Denkern gewidmet und über eine andere Form der Ehrung als die Verleihung der Hanauer Ehrenplakette nachgedacht wird.

Diese Überlegungen können weder die Vorsitzende des Hanauer Ausländerbeirats, Selma Yilmaz-Ilkhan, noch die Angehörigen der Opferfamilien nachvollziehen. Die Angehörigen haben sich am späten Nachmittag mit einer Pressemitteilung in dieser Frage zu Wort gemeldet und verstehen die Anregung des Landtagsabgeordneten als Aufforderung, weiterzumachen wie bisher.

Symbolkraft der Auszeichnung für die Opfer des Terroranschlags in Hanau sei entscheidend

Auch Selma Yilmaz-Ilkhan ist irritiert: „Ich finde, das ist nun mal die höchste Auszeichnung, die die Stadt zu vergeben hat“, sagt sie zum Thema Ehrenplakette. „Die Symbolkraft ist wichtig.“ Denn es gehe ja um neun Menschen, die aus rassistischen Gründen ermordet worden seien und um neun Familien, die ihre Liebsten verloren hätten.

Fast sechs Monate nach der Ermordung von neun Menschen mit Migrationshintergrund mitten in Hanau erinnern am Brüder-Grimm-Denkmal die Bilder der Getöteten und Kerzen an das schreckliche Geschehen. Um die Frage, wie ein würdiges Gedenken aussieht, entspinnt sich jetzt eine Debatte.

Kasseckert hatte in seinem HA-Gastkommentar argumentiert, die Stadt brauche einen angemessenen Ort der Trauer, wie etwa eine Gedenktafel auf dem Friedhof. Doch das Denkmal der bekanntesten Söhne der Stadt müsse aus der „dunklen Umklammerung“ befreit werden, die diese stete Mahnung bedeute. „Wir bleiben verantwortlich für und in der Neuzeit“, sagt der Christdemokrat, „Wir müssen mahnen, erinnern und wachbleiben“, doch müsse man dabei die Maßstäbe wahren. Die Ehrenplakette sei eine Auszeichnung für Menschen, die sich besonders verdient gemacht hätten, gibt er zudem zu bedenken und führt als Beispiel Alptug Sözen an, der seinen Rettungsversuch mit dem Leben bezahlte. Das aber treffe auf die Opfer des 19. Februar nicht zu, gibt auch Margret Härtel zu bedenken, die in der Bevölkerung „eine tiefe Sehnsucht nach Normalität“ wahrnimmt. Sie äußert die Sorge, das große Mitgefühl der Bürger für die Opferfamilien könne sich im Angesicht einer falsch verstandenen Geste in schleichendes Unverständnis verwandeln.

Yilmaz-Ilkhan findet Diskussion um Auszeichnung der Opfer der Anschläge von Hanau unpassend

Yilmaz-Ilkhan findet es überflüssig, für die Opfer des 19. Februar eine neue Form der Auszeichnung zu erfinden, auch, wenn die Ehrung ursprünglich einen anderen Charakter hatte. Aber so wie sich die Stadt mit der Zeit verändere, könne eben auch eine Ehrenplakette ihre Zielsetzung oder den Ehrungsgrund verändern. „Ich finde es unpassend, so eine Diskussion zu beginnen“, sagt die Ausländerbeiratsvorsitzende.

Auch den Wunsch, dem Brüder-Grimm-Denkmal wieder seinen alten Stellenwert zurückzugeben, können weder Yilmaz-Ilkhan noch die Opferfamilien nachvollziehen. Heute präsentiert sich das Denkmal, das kurz nach dem Anschlag in einem Meer von Blumen, Bildern und Kerzen stand, mit Bildern der Opfer und zwei Reihen von Kerzen und Blumen um den Sockel.

Jeder müsse den Schmerz spüren der Angehörigen der Opfer von Hanau spüren

Die Familien der Getöteten spürten jeden einzelnen Tag den Schmerz über ihren Verlust. Da könne man es den anderen Bürgern doch zumuten, ein- oder zweimal pro Woche beim Vorbeilaufen am Denkmal an die Tat erinnert zu werde: „Das muss jeder spüren“, findet Yilmaz-Ilkhan und meint damit die Ausgrenzung, die diejenigen Bürger erlebten, die mit ausländischen Wurzeln hierher gekommen seien. Das Denkmal der Brüder Grimm, die Kämpfer für Freiheit und Toleranz gewesen seien, sei geradezu prädestiniert dafür, jetzt auch gegen das Vergessen zu stehen. „Jacob und Wilhelm Grimm waren auch Kämpfer“, betont sie.

Oberbürgermeister Claus Kaminsky, der zurzeit im Urlaub ist, hatte bei der Trauerfeier für die Opfer gesagt: „Ihnen allen werden wir posthum die goldene Ehrenplakette der Stadt Hanau verleihen, denn sie starben für alle, die eine freie, offene und vielfältige Gesellschaft wollen.“ Auf Nachfrage hatte er ergänzt, dass man bei einem „solchen außergewöhnlichen, die Stadtgesellschaft erschütternden Fall“ nicht mit den „kleinen Karos der Ehrungsordnung“ arbeiten könne. Ausnahmen müssten möglich sein.

Rubriklistenbild: © Paul, Reinhard

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