"Das Waldsterben 2.0"

Forstamt schätzt Zahl abgestorbener Bäume auf rund 25000

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Das Sterben der Bäume beginnt in deren Kronen: Wie hier im Hirzwald bei Wilhelmsbad weisen viele Waldbäume mittlerweile schwere Trockenheitsschäden auf.

„In dieser Rasanz hat das niemand erwartet. Wir werden ein Stück weit von der Situation überrollt“, lässt Christian Schaefer, Leiter des Staatlichen Forstamts Hanau- Wolfgang, sorgenvoll seinen Blick durch den Hirzwald bei Wilhelmsbad schweifen.

Hanau – Viele der über 100 Jahre alten Bäume dort - meist sind es Buchen - verdursten regelrecht.

Zuerst verwelkt ihr Laub in den Kronen, Äste vertrocknen und brechen heraus, vertrocknete Rinde platzt ab – am Ende steht dort ein toter Baum. Ein weiteres Opfer der anhaltenden Trockenheit, die mit dem Hitzesommer 2018 begann und der in diesem Jahr offenbar seine Fortsetzung findet. Zwar gab es zwischenzeitlich auch Niederschläge, aber die reichten bei Weitem nicht aus, um den Waldboden in den oberen Schichten so zu sättigen, dass ausgewachsene Bäume ihren enormen Wasserbedarf decken könnten. Für Christian Schaefer und Revierförster Olaf Gold, der für den Hanauer Stadtwald zuständig ist, ist die Situation in unseren Wäldern dramatisch.

Forstamtsleiter Christian Schaefer und Revierförster Olaf Gold blicken mit Sorge in die Baumwipfel. Daten des Deutschen Wetterdienstes zeigen, wie trocken die oberen Bodenschichten sind (r.)

Schaefer spricht gar von einem „Waldsterben 2.0“, das man derzeit erlebe. Doch während man dem „Waldsterben 1.0“ in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als saurer Regen und in der Folge übersäuerte Waldböden den Bäumen zusetzten, durch energische politische Vorgaben wie die Katalysatorenpflicht für Autos und den verpflichtenden Einbau von Filtern in Kraftwerken und Industriebetrieben wirkungsvoll etwas entgegensetzen konnte, „ist das Problem heute wesentlich komplexer.“ Für Schaefer und Gold ist das „Waldsterben 2.0“ eine „direkte Folge des globalen Klimawandels“ und der stelle Waldbesitzer und Forstwirtschaft vor völlig neue Herausforderungen. Dabei sei der gut 145 Hektar große Hirzwald, der zum Teil FFH-Gebiet ist, nur ein Beispiel für die Lage der Wälder in der Region. Schaefer schätzt, das in den 14 000 Hektar Wald, die das Staatliche Forstamt Hanau-Wolfgang betreut, schon jetzt „zirka 25 000 Bäume“ durch die Dürre abgestorben sind. Und die Zahl der Bäume, die bereits sichtbare Schäden aufweisen, wird um ein Vielfaches größer sein.

In den Wäldern rund um Hanau besonders betroffen sind Buchen und Kiefern – auch Fichten, die hier aber nicht so häufig vorkommen wie beispielsweise in Nordhessen, wo die Fichtenbestände ebenfalls schwere Schäden aufweisen. „Die Eiche“, so Schaefer, „scheint mit der Trockenheit etwas besser zurecht zukommen. Aber auch da traue ich dem Frieden noch nicht so recht.“

Zur Zeit ist das Forstamt Hanau-Wolfgang in den von ihm zu betreuenden Wäldern vor allem mit Gefahrenabwehr beschäftigt. Es gilt, der Verkehrssicherungspflicht nachzukommen, geschwächte Bäume entlang von Straßen und Waldwegen im Blick zu haben, Totholz zu entfernen oder die Gehölze ganz zu fällen, um das Risiko für Waldbesucher oder Verkehrsteilnehmer zu minimieren.

       Gefragt sind aber vor allem langfristige Strategien für die Forstwirtschaft angesichts der Tatsache, dass Forscher davon ausgehen, dass Trockenheit und große Hitze in Zukunft regelmäßig vorkommen werden. Für Forstamtsleiter Schaefer steht fest, „dass sich die Wälder ein Stück weit wandeln werden.“

Trockenheitsresistentere Baumarten wie Eiche, Douglasie, Weißtanne, Wildkirsche oder Spitzahorn würden künftig sicherlich häufiger gepflanzt. Vermutlich werde es in Zukunft auch nicht mehr einen so alten Baumbestand in den Wäldern geben, glaubt Schaefer. Denn nur gesunde Bäume seien als Rohstofflieferanten für die Industrie geeignet, schwer geschädigte oder gar abgestorbene Bäume seien nur noch als Brennholz gut, sagt Schaefer und deutet auf eine vermutlich über 140 Jahre alte tote Buche am Rand einer Lichtung. Sie steht da wie ein Mahnmal für die Situation in unseren Wäldern. Schaefer: „So ein Anblick fasst einen Förster auch emotional an.“

VON DIRK IDING

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