Prozess in Hanau

Freund zerstückelt: Angeklagte kündigt Stellungnahme an

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Die Angeklagte hält sich einen Aktenordner vors Gesicht. Sie will nicht erkannt werden.

Steinau an der Straße/Hanau - Zum Auftakt im Prozess gegen eine Frau, die ihren Lebensgefährten erstochen und mit Elektrosägen zerstückelt haben soll, hat die Angeklagte eine Stellungnahme angekündigt.

Die Frau, die eine horrorfilm-ähnliche Tat begangen haben soll, will ihr Gesicht nicht zeigen. Die 35-Jährige ist angeklagt, ihren Lebensgefährten erstochen und mit zwei Elektrosägen zerstückelt zu haben. Als die Frau am Freitagmorgen von Justiz-Beamten in den großen Saal des Hanauer Landgerichts geführt wird, hält sie sich den Deckel eines Aktenordners vors Gesicht. "Verteidigerpost" und "Ermittlungsakte" steht darauf. Laut Ermittler hat sie die Tat in Vernehmungen bei der Polizei bereits eingeräumt.

Es ist eine mittelgroße, nicht zierliche Frau mit blondierten Haaren, die sie mit einem Band und einer Klammer frisiert hat. Sie trägt eine schwarze Outdoor-Jacke und einen grau-gelben Schal. Sie wirkt angespannt. Denn was Oberstaatsanwalt Dominik Mies in der Anklageverlesung vorträgt, weckt Gedanken an eine bluttriefende Filmhandlung.

Der Frau wird vorgeworfen, ihren Lebensgefährten (47) am 5. Juni in der gemeinsamen Wohnung in Steinau an der Straße (Main-Kinzig-Kreis) mit einem Küchenmesser förmlich niedergemetzelt zu haben. 31 Stichverletzungen wurden gezählt, mindestens fünf davon im Rücken des Opfers. 13 Mal habe sie mit der 19,5 Zentimeter langen Klinge in den vorderen und seitlichen Hals gestochen. Stichverletzungen seien auch im Nacken, Brustkorb und Rumpf gefunden worden. Das Opfer verblutete und erstickte an eingeatmetem Blut. Danach soll sie den Leichnam laut Anklage mit zwei Elektro-Motorsägen in sechs Teile zerschnitten, sie in Mülltüten gepackt und im Badezimmer deponiert haben.

Ankläger Mies sagte: "Sie hat einen Menschen getötet, ohne Mörderin zu sein." Angeklagt ist sie wegen Totschlags, weil nach juristischer Auffassung ein Mordmerkmal fehlt.

Sechs Tage später wurden die Leichenteile gefunden, nachdem die Frau die Polizei informiert hatte. Sie wurde in Dortmund, ihrem Geburtsort, festgenommen. Bei der Polizei sagte sie, sie habe ihren Freund aus Notwehr erstochen. Zuvor soll er sie attackiert haben. Ihre Sicht der Dinge will sie bei der Fortsetzung des Verfahrens am 21. Dezember darlegen. Ihr Rechtsanwalt kündigte eine Einlassung an. Vor Journalisten sagte der Jurist, seine Mandantin sei zuvor vom späteren Opfer am Hals gepackt und mit einem Messer angegriffen worden.

Zur Zerstückelung gab die Frau laut Ermittler an, sie habe Angst vor Entdeckung gehabt, da sie unter laufender Bewährung gestanden habe. In einer Kurzschlussreaktion habe sie die Leiche zerteilt, um die Tat zu verdecken. Die Frau saß bereits wegen Betrugs in Haft, die Reststrafe wurde Ende 2017 zur Bewährung ausgesetzt.

Im Fall einer Verurteilung wegen Totschlags droht der Angeklagten eine Haftstrafe zwischen fünf und 15 Jahren, wie Oberstaatsanwalt Mies sagte. Für ihn ist der Prozess "kein alltäglicher Fall". Er spricht im Hinblick auf die Leichenzerstückelung "von einem erheblichen Maß an Brutalität".

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Nach Ansicht des Kriminologen und Psychologen Martin Rettenberger ist der Fall in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: Mit den mehr als 30 Messerstichen habe es bereits einen Overkill gegeben, ein Übertöten des Opfers. So etwas komme häufig bei Beziehungstaten vor, wenn zwischen Täter und Opfer eine besondere Verbindung bestehe. Die Täterin müsse emotional erheblich aufgeladen gewesen sein, damit es zu solch einem Gewaltexzess komme.

Rettenberger, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle (Wiesbaden), analysierte weiter: "Ungewöhnlich ist auch das Verhalten nach der Tat: Auffällig ist das rationale Verhalten zur Frage, wie man sich der Leiche entledigt. Dann waren wiederum auch wahrscheinlich viel Aggression und Wut vorhanden. Einen Menschen zu zersägen erfordert extreme Überwindung." Möglicherweise sei das Opfer eine Projektionsfläche für frühere Verletzungen und Traumatisierungen der Frau gewesen. Eventuell komme noch Drogenkonsum mit zusätzlich enthemmender Wirkung hinzu.

Dass diese Tat von einer Frau begangen worden sein soll, sei ebenso ungewöhnlich. Laut Rettenberger werden 80 Prozent aller Gewalttaten bundesweit von Männern begangen. Je schwerwiegender die Tat, desto höher der Männeranteil. "Männer töten 26 mal so häufig wie Frauen."

Zur Anklageverlesung erschien auch ein Nebenklage-Anwalt. Er vertritt die junge Tochter des Getöteten. Er sagte, das Mädchen sei "traumatisiert". Laut Staatsanwaltschaft ist die Angeklagte verheiratet. Mit ihrem Lebenspartner war sie parallel dazu etwa ein halbes Jahr zusammen, bis es zur Tat kam.

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