Gewalt gegen Kinder

Gefährdungsmeldungen steigen an: Kooperationspartner unterstützen Jugendamt – Zwei stationäre Stellen bieten nun Inobhutnahme für Notfälle an

Coronavirus - UN-Expertin fürchtet um Millionen Kinder
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Ein Stoff-Teddybär steht an einem Fenster. Kinder sind während der Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise von Gewalt und Ausbeutung bedroht.

Seit den Ostertagen verzeichnen die Mitarbeiter des Kommunalen Sozialen Dienstes einen Fallzahlenanstieg im Bereich der Krisenintervention. Dabei geht es vor allem um zunehmende Gefährdungsmeldungen aus dem Bereich des Kinderschutzes.

Mit einer der jüngsten Coronaverordnungen des Landes wurden die Mitarbeiter des Kommunalen Sozialen Dienstes (KSD) in die Gruppe der systemrelevanten Berufe aufgenommen. Das Jugendamt arbeite seit Anbeginn der Coronakrise in Notbesetzung weiter, doch Kinderschutz müsse rund um die Uhr sichergestellt werden, teilt dazu der zuständige Bürgermeister Axel Weiss-Thiel mit. 

Je länger das Kontaktverbot in Hessen andauere, umso schwieriger werde die Situation für Familien, berichtet Andrea Knips-Profeld, Leiterin des Amts für Soziale Prävention. Erschwerend komme hinzu, dass die freien Träger der Erziehungshilfe ihrem Betreuungsumfang in Familien, etwa bei Einzelbetreuungen, ebenfalls nicht mehr in Gänze nachkommen könnten. 

Albert-Schweitzer-Kinderdorf sieht eine Inobhutnahmestelle für bis zu neun Minderjährige vor.

Die Gründe dafür seien vielfältig: „Manche Familien schränken aus Angst vor Infizierung den Kontakt ein; auch haben freie Träger Mitarbeiter, die zur Risikogruppe zählen oder aber die zur Kinderbetreuung in Homeoffice arbeiten“, berichtet die Amtsleiterin, denn auch die Berufsgruppe ambulante Erziehungshilfe zähle nicht zu den systemrelevanten Berufsgruppen in Hessen, die Anspruch auf Kinderbetreuung hätten. Ein Lichtblick in diesen stürmischen Zeiten sieht Bürgermeister Weiss-Thiel in „der guten und engen Kooperation“ zwischen den freien Trägern der Erziehungshilfe mit dem Jugendamt. Ihnen sei es gelungen, mit zwei stationären Trägern Inobhutnahmestellen zu konzeptionieren, die infizierte oder unter Quarantäne stehende Kinder und Jugendliche in Obhut nehmen könnten. 

Das Albert-Schweitzer-Kinderdorf sieht eine Inobhutnahmestelle für bis zu neun Minderjährige vor. Das Haus in Hammersbach ist zweigeteilt, so dass in einer Etage infizierte Kinder aufgenommen werden können und in einer anderen Etage unter Quarantäne stehende Kinder Aufnahme finden. „Das nimmt Druck aus dem Kessel“, sagt Knips-Profeld, denn hier hätten die Jugendämter in den vergangenen Wochen die Luft angehalten und sich gefragt, wo sie betroffene Kinder im Fall der Fälle zur Inobhutnahme unterbringen können. „Die Situation ist derzeit insgesamt sehr angespannt“, berichtet die Amtsleiterin. „Es ist extrem schwierig, ein Kind oder einen Jugendlichen in stationärer Erziehungshilfe unterzubringen, wenn keine Negativtestung vorliegt. Manche Einrichtungen wollen wegen der Coronakrise auch in Notsituationen keine Vorstellungsgespräche mit Kindern oder Jugendlichen vereinbaren.“ 

Grenzsituationen in den vergangenen Wochen

Ebenfalls eine Seltenheit in Hessen und bundesweit angefragt ist die Inobhutnahmestelle des Behindertenwerkes Main-Kinzig-Kreis. Hier können auch schwer- und mehrfachbehinderte Kinder in Obhut aufgenommen werden, die in einer regelhaften Inobhutnahmestelle der Jugendhilfe aufgrund des pflegerischen Bedarfes nicht versorgt werden können. „Auch das Behindertenwerk erklärte sich spontan bereit, eine Inobhutnahmmöglichkeit für infizierte, teilhabebeeinträchtigte Kinder zu schaffen, als das Jugendamt darum bat“, berichtet Knips-Profeld. 

In den vergangenen Wochen habe es Grenzsituationen gegeben, in denen eine Inobhutnahme durch das Jugendamt – bei bestehendem Verdacht auf Coronainfizierung – geprüft worden sei, berichtet die Amtsleiterin, doch „bisher wurde noch keine Unterbringung notwendig“. „Wir sind sehr froh, dass wir in Hanau so ein gutes Netzwerk und so verlässliche Kooperationspartner haben“, sagt Weiss-Thiel. „Wir können nicht erst auf die Suche nach Plätzen gehen, wenn der erste Fall da ist. Wir müssen vorbereitet sein!“, so der Bürgermeister. Umso dankbarer sei man den Kooperationspartnern Albert-Schweitzer-Kinderdorf und dem Behindertenwerk des Main-Kinzig-Kreises, dass sie im Interesse der Kinder an der Seite des Jugendamts stünden. rg

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