Für Hamster blieb keine Zeit

Geplantes Neubaugebiet erhitzt Gemüter in Mittelbuchen

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Groß war das Interesse an der Bürgerversammlung zum geplanten Neubaugebiet Mittelbuchen Nordwest. Rund 300 Bürger kamen in die Mehrzweckhalle. Viele von ihnen haben Bedenken und äußerten kritische Fragen. Doch die Atmosphäre blieb stets sachlich.

Mittelbuchen - Angesichts dessen, was in Hanau an Neubaugebieten bereits alles ausgewiesen wurde, ist dies ein vergleichsweise kleines. Doch der Streit darum ist groß. Von Dirk Iding

Das wurde am Dienstagabend bei einer mehr als dreieinhalb Stunden dauernden Bürgerversammlung zum geplanten Neubaugebiet „Mittelbuchen Nordwest - Vor dem Lützelberg“ deutlich. Es mögen rund 300 Bürgerinnen und Bürger gewesen sein, die sich in der Mittelbuchener Mehrzweckhalle einfanden, um sich von der Stadt Hanau und dem Bauträger, der Hanauer Bien-Ries AG, über das geplante Projekt informieren zu lassen und ihre Bedenken vorzutragen. Auf einer Fläche von rund 33 000 Quadratmetern plant die Bien-Ries AG in Ortsrandlage des dörflich geprägten Stadtteils den Bau von 123 Wohneinheiten in zweieinhalb-geschossigen Einzel-, Doppel- und Reihenhäusern sowie Mehrfamilienhäusern. Damit würde Wohnraum für rund 400 Menschen geschaffen.

Magistrat und Stadtverordnetenversammlung stehen dem Projekt grundsätzlich positiv gegenüber. „Das Vorhaben passt in unsere Strategie, dass unsere Stadt vom Wachstum der Rhein-Main-Region profitieren soll. Um qualitatives Wachstum zu generieren, reichen die Konversionsflächen aber allein nicht aus. Wir müssen auch unsere ohnehin beschränkten Möglichkeiten zur Ausweisung von Neubaugebieten außerhalb der Konversionsflächen nutzen“, erläuterte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) die Position der Stadt. Das fragliche Grundstück am nordwestlichen Hang von Mittelbuchen ist im Flächennutzungsplan für Wohnen vorgesehen. Im Juli hatte die Stadtverordnetenversammlung den Aufstellungsbeschluss für einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan auf Basis des Bien-Ries-Projekts gefasst und damit das baurechtliche Verfahren in Gang gesetzt. Am 12. Dezember beginnt die Öffentlichkeitsbeteiligung. Sämtliche Unterlagen und Gutachten zu dem Projekt werden im Technischen Rathaus ausgelegt und werden im Internet unter www.beteiligung.hanau.de eingestellt. Ab dann können Bürger auch formal ihre Bedenken gegen das Neubaugebiet vortragen.

Klaus Walter ist der Sprecher einer rührigen Interessengemeinschaft, die viele Bedenken gegen das Neubaugebiet in seiner jetzigen Planung hat und deshalb dagegen Front macht.

Und davon gibt es eine ganze Reihe. Bereits unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne hatte sich im Stadtteil die rührige Interessengemeinschaft Bauvorhaben Mittelbuchen Nordwest gebildet, die unter anderem eine Online-Petition gegen das Neubaugebiet startete, die bisher mehr als 500 Unterzeichner fand. Die IG war es auch, die auf die Bürgerversammlung drängte und im Stadtteil zur Teilnahme aufrief. Und dabei wurde viel Kritik am geplanten Neubaugebiet geäußert. Diese reicht von der Befürchtung eines erhöhten Verkehrsaufkommens und den damit verbundenen Gefahren vor allem für Kinder über fehlende Park- und Kitaplätze, Lärm- und Emmissionsbelastungen sowie die Angst vor einer erhöhten Hochwassergefahr durch weitere Versiegelung bis hin zur Sorge ums Ortsbild und um den seltenen Feldhamster, der auf der zur Zeit noch weitgehend landwirtschaftlich genutzten Fläche offenbar gesichtet wurde.

Ein vom Bauträger beauftragtes Sachverständigenbüro, das an neuralgischen Punkten Verkehrszählungen durchführte und die zum Neubaugebiet führenden Straßen hinsichtlich ihrer Kapazität untersuchte, konnte die verkehrlichen Bedenken vieler Bürger nicht ausräumen. Dabei versicherte der Verkehrsexperte, dass das bestehende Straßennetz die zusätzliche Verkehrsbelastung von prognostiziert 800 Autofahrten am Tag problemlos verkraften werde. Selbst in der Rush Hour würden durch das Neubaugebiet „nur ein bis zwei Autos pro Minute“ zusätzlich unterwegs sein, hat der Fachmann ausgerechnet.

Dagegen konnte Markus Henrich, Leiter des Eigenbetriebs Hanau Infrastruktur Service (HIS), Bedenken hinsichtlich einer erhöhten Hochwassergefahr durch das Neubaugebiet mindern. Dieses Thema ist nach dem extremen Starkregen im vergangenen Juni, der zu teilweisen Überschwemmungen im Stadtteil geführt hatte, ein besonders sensibles. Henrich verwies auf zahlreiche bereits getätigte und noch geplante Maßnahmen zur Verbesserung des Hochwasserschutzes und auf die im Neubaugebiet vorgesehenen Rigolen mit einem Fassungsvermögen von bis zu 150 Kubikmetern, die bei Regen für einen kontrollierten Abfluss des gesammelten Oberflächenwassers sorgen sollen. Das Entwässerungskonzept für das Neubaugebiet sei absolut schlüssig, versicherte Henrich. Und hinsichtlich der Sorge um fehlende Kindergartenplätze überbrachte Astrid Weiermann vom Eigenbetrieb Kindertagesbetreuung die für den Stadtteil gute Nachricht, dass man bereits auf der Suche nach einem Standort für einen Kita-Neubau sei.

"Unverbaute Lage" und "gut erhalten": Das bedeuten Immobilien-Codes

Aber auch am Baukonzept gab es Kritik. Die zweieinhalb -geschossigen Häuser sind manchem Mittelbücher ein Dorn im Auge, da die angrenzende Bebauung in Feldrandlage zum Teil aus nur eingeschossigen Bungalows besteht. Dazu passe die rund acht Meter hohe Bebauung nicht. Sogar von der Furcht vor „erhöhten Heizkosten durch fehlendes Sonnenlicht“ war die Rede. Und offensichtlich fürchtet nun mancher Anlieger um seinen Jahrzehnte gewohnten Ausblick aufs freie Feld. Bedenken, für die Hanaus Stadtentwickler Martin Bieberle allerdings nur begrenzt Verständnis hatte: „Wenn wir solche Einzelinteressen wirklich zum Maßstab für unsere Entscheidungen machen würden, dann wäre das das Ende jeglicher Stadtentwicklung.“

Nach mehr als dreieinhalb Stunden durchweg sachlicher Debatte waren Podium und Zuhörer sichtlich ermattet. Dabei war am Ende der Versammlung noch nicht einmal alles gesagt. Die Diskussion um das Schicksal des Mittelbüchener Feldhamsters steht noch aus...

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